Nachtigall, die zweite

65 Jahre nach ihrem ersten Buch erscheint der Zweitling der Bestsellerautorin Harper Lee.

War vom Erfolg ihres Erstlings «To Kill A Mockingbird» «vor den Kopf geschlagen»: Die Bestsellerautorin Harper Lee (Archivbild). Foto: Rob Carr (Keystone)

War vom Erfolg ihres Erstlings «To Kill A Mockingbird» «vor den Kopf geschlagen»: Die Bestsellerautorin Harper Lee (Archivbild). Foto: Rob Carr (Keystone)

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Auf der Liste der populärsten Romane der Weltliteratur steht er weit oben: «To Kill A Mockingbird» («Wer die Nachtigall stört»), 1960 von Harper Lee verfasst, vierzig Millionen Mal verkauft, mit dem Pulitzerpreis ausgezeichnet, mit Gregory Peck triumphal verfilmt. Bis auf ein paar verbohrte Südstaatler lieben alle die zauberhafte Geschichte um das kleine Mädchen Scout, das mit wachem Blick Rassenkonflikte im Alabama der Dreissigerjahre ­beschreibt.

Harper Lee, wie Scout Tochter eines Anwalts und Senators, war von dem Erfolg ihres Erstlings so «vor den Kopf geschlagen», dass sie, bis auf ein paar Essays, nie wieder etwas schrieb. Kein Wunder also, dass die Meldung, es gebe einen zweiten Roman von ihr, jetzt die literarische Welt elektrisiert. «Go Set A Watchman» soll, obwohl drei Jahre vor der «Nachtigall» entstanden, so etwas wie eine Fortsetzung sein, in der die erwachsene Scout zu ihrem Vater Atticus Finch nach Maycomb zurückkehrt. Am 14. Juli soll das Buch bei Harper Collins erscheinen, Startauflage: zwei Millionen.

Wie so oft, wenn neue, unbekannte Werke eines Ein-Buch-Autors auftauchen, sind allerdings Zweifel angebracht. Dass selbst die Autorin ihr Jugendwerk vergessen hatte, ist freilich möglich. Die 88-Jährige, die zurückgezogen in ihrer Heimatstadt Monroeville lebt, ist seit einem Schlaganfall fast taub und blind. Vertraute klagen, «die arme Nelle» unterschreibe alles, was ihr angebliche Freunde vorlegen. Schon bevor Alice, ihre Anwältin und Schwester, 2011 starb, wurde die alte Dame immer wieder Opfer dubioser Winkeladvokaten. So erschlich sich 2007 Seamus Pinkus, der Schwiegersohn ihres Ex-Agenten, die Rechte an «Mockingbird» für seine Veritas Media Inc.

«Demütig und begeistert»

Harper Lee, heisst es jetzt in einer Mitteilung ihres Verlags und ihrer «Anwaltsfreundin» Tanja Carter, habe «demütig und begeistert» auf das unverhoffte Wiedersehen mit dem Roman reagiert, der erst kürzlich in ihrem Archiv gefunden worden sei. 1957 sei sie von ihrem damaligen Verleger J. B. Lipincott gedrängt worden, die lose Sammlung von Geschichten um Scout, ihren Vater und den mysteriösen Nachbarsjungen Boo zu überarbeiten: «Ich war eine Anfängerin, also tat ich, was man mir sagte.» Die «Nachtigall», wie wir sie kennen, ist das Ergebnis dreijähriger Mühen; aber bereits «Go Set A Watchman», heisst es im Verlag, sei ein «brillantes Meisterwerk». Experten wie der Harper-Lee-Biograf Charles J. Shields vermuten dagegen, es sei gar kein eigenständiger Roman, sondern nur eine frühe Fassung von «Mockingbird»: «Wir werden sehen, wie Harper Lee ohne die starke Hand eines Lektors schreibt, als – um ehrlich zu sein – Amateurin.» Harper Lees Freund Truman Capote, im Roman als Feriengast Dill verewigt, liess übrigens zu seinen Lebzeiten durchblicken, Teile der «Nachtigall» seien seiner bescheidenen Feder entflossen.

Eigentlich ist der Mockingbird ja gar keine Nachtigall, sondern eine Spottdrossel. Es bedürfte jedenfalls schon eines honorigen Anwalts wie Atticus, um das romanhafte Geflecht von Geldgier, Eitelkeit und Betrug zu entwirren. Harper Lee schweigt unterdessen oder spricht nur mit geliehenen Zungen. Niemand dürfe die Nachtigall stören, schrieb sie einst, «weil sie nur schön singt und niemand etwas zuleide tut».

Erstellt: 05.02.2015, 19:31 Uhr

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