Die Angst, alles zu verlieren

In «Stillleben» beschreibt Antonia Baum, wie es ist, ein Kind zu erwarten – als junge, urbane Feministin.

Vor dem Baby: «Man kann so nur leben, wenn man Geld hat und Bildung und keine Verbindlichkeiten.» Antonia Baum im Jahr 2012. Foto: Franz Bischoff (laif)

Vor dem Baby: «Man kann so nur leben, wenn man Geld hat und Bildung und keine Verbindlichkeiten.» Antonia Baum im Jahr 2012. Foto: Franz Bischoff (laif)

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Die Scheu vor der Veränderung, vor dieser Veränderung im Speziellen, erinnert an eine Hauskatze, die vor Wasser zurückschreckt. Ein instinktives Zurückzucken, eine körperliche Abwehr – und doch: ein unablässiges Beäugen. Fast jede Frau ist zu dieser Veränderung körperlich zumindest fähig, sie teilt diese Fähigkeit mit all den anderen Frauen wie eine besondere Gabe. Ein Kind erwarten, es gebären und stillen. Männer können das nicht.

Dieser Veränderung gegenüber ist niemand gleichgültig. Viele Frauen sehnen sich nach ihr, einige wehren sie dezidiert ab. Gleichaltrige Freundinnen werden Mütter, andere möchten es niemals werden. Aber was ist mit denen dazwischen? Was ist mit uns, die wir in der Stadt leben, lange studiert haben, die erst mit dreissig richtig im Arbeitsalltag angekommen sind und versuchen, eine gleichberechtigte Partnerschaft zu führen, die Ungleichheiten, sollte es sie geben, sofort überwinden wollen mit gegenseitigen Zugeständnissen? Was ist mit der modernen Frau, die glaubt, jedes ihrer Privilegien mache sie im gleichen Masse aus, so wie der eigene Körper nur ihr gehört?

Das Davor und das Danach

Die deutsche Autorin und Journalistin Antonia Baum, Jahrgang 1984, ist eine Frau dieses Dazwischen. Sie steht stellvertretend für eine Generation von modernen jungen Frauen, die nicht wissen, ob sie ein Kind möchten. Oder wann.

Antonia Baum hat eines bekommen. In ihrem neuen Buch «Stillleben» teilt sie ihr Leben in ein Davor und ein Danach, in die Zeit vor und nach der Schwangerschaft mit ihrem ersten Kind. Sie schreibt: «Diese Gegenwart des Davor war eine superartistische und genau geplante Aneinanderreihung von verwaltbaren Einheiten, und man kann so nur leben, wenn man Geld hat und Bildung und keine Verbindlichkeiten. Das klingt kalt und traurig. Manchmal war es das, und dann wünschte ich mir etwas Heiliges. Ein Kind.»

Aber mit dem Kind, das ihr geschieht – einer erwachsenen, aufgeklärten, selbstbestimmten Frau tatsächlich geschieht, weil sie so lange mit einer Entscheidung zuwartet, bis sie nicht mehr anders kann, als das Baby zu behalten –, wächst auch etwas anderes. Die Angst. Sie fürchtet sich davor, sich selbst abhandenzukommen.

Die schwangere Antonia Baum steht nachts am Fenster ihrer Wohnung und denkt sich: Ich will ein Mann sein.

Es ist, als würde sich ihr ganzes Selbstbewusstsein, das sich von einem erfüllenden Beruf und einer erfüllenden Beziehung und einem erfüllenden Sozialleben nährt, verkriechen. Als würde der Verstand vor dem neuen Ich zurückweichen, das die vertraute Welt verlassen hat. Dort draussen lauert der Verrat. An den eigenen Idealen.

Und dort draussen lauern haufenweise Klischees. Sie äussern sich im dringenden Wunsch etwa, eine gute, vorbildliche, perfekte Mutter zu werden. Aber den Job, die Beziehung nicht zu verlieren und alles «unter diesen schrecklichen und viel zu oft genannten Hut» zu bringen. Die schwangere Antonia Baum steht nachts am Fenster ihrer Wohnung am Stadtrand und denkt sich: Ich will ein Mann sein. Männer können aufstehen und gehen.

Sie ist kein Mann. Stattdessen wird sie zurückgeworfen in einen Zustand, den sie nicht für möglich gehalten hätte, und das trifft sie wie ein Schlag. Der Naturzustand Frau: Er lässt sich doch nicht überwinden. Der Körper reduziert zur blossen Funktion – ein trächtiges Tier statt einer denkenden Frau.

Der Bauch, der in die Gesellschaft wächst

«Unmittelbar nachdem ich erfuhr, dass ich schwanger war, war ich davon überzeugt, dass mein Leben vorbei war», schreibt Baum. «Der kurze Schwebezustand im Leben einer Frau, in dem sie finanzielle Unabhängigkeit erreicht hat und jung ist, jung genug, um nicht negativ aufzufallen, weil sie noch keine familiären Verpflichtungen eingegangen ist, würde bald beendet sein.»

Antonia Baum weiss nicht, für welchen Körper sie Kleider kaufen soll, weil der sich ständig verändert. Sie fragt sich, ob das jetzt wirke, diese mit Biologie begründete Macht, die Frauen und Männer trennt und die sie bisher von sich fernhalten konnte. Sie denkt, dass sie sich nun einreihen und zur Seite treten müsse, um sich der Fürsorge ihres Kindes zu widmen. Sie wundert sich über ihren Bauch, der in die Gesellschaft hineinwächst und allen offenbart, was in ihm drin gerade geschieht.

Es ist der Körper selbst, der eine empfindliche Grenze überschreitet. Er macht Baum zur Behüterin, zu einer Frau, die dient, die warten und aushalten und sich zurückstellen muss. Zu all dem also, wovon Feministinnen sich und die übrigen Frauen schon so lange zu befreien versuchen.

«Neu war: die Sorge. Neu war ausserdem: wund sein.»Antonia Baum in Stillleben

Und auch wenn die jetzige Generation Frauen, die wir lange nach den ersten Feministinnen gekommen sind, gewisse Errungenschaften geniessen, ist es doch, als müssten wir nun zusammen mit Baum leise kapitulieren. Die Überzeugung eines gleichberechtigten Lebens von Frau und Mann ist noch da, aber in einem Nebensatz. Erst einmal das Kind gesund zur Welt bringen.

«Neu war: die Sorge», schreibt Baum. «Neu war ausserdem: wund sein. Nach der Geburt war mein Körper wund. Alles wund und offen und heiss. Ich realisierte diesen neuen Zustand sehr verzögert, momentweise. Genauso kurz war ich schockiert, zutiefst schockiert, und machte dann weiter, wie Menschen weitermachen, die einen Brand löschen müssen.»

Warum fühlt sich diese Gerechtigkeit nicht gerecht an?

Die ersten sechs Monate bleibt sie beim Kind, im darauffolgenden halben Jahr kümmert sich ihr Freund. Die Zeit teilen sie gerecht auf, aber sie bewegen sich, als wären sie in zwei unterschiedlichen Zeitzonen unterwegs, und können sich nicht mehr verständigen. Beide wollen zwar dasselbe, nur ist das nicht mehr gleichzeitig möglich.

«Wir konkurrierten um Ruhe und uns selbst, und das trennte uns. Es gab unterdrückte Schreie und böse Blicke, wofür wir früher viel zu höflich gewesen waren. Mein Freund verliess morgens die Wohnung, und ich mochte es nicht, wenn er das tat. Obwohl ich es besser wusste, bekam ich schmale Lippen, wenn er mich alleine liess.» Noch so eine unheilvolle Frage: Warum fühlt sich diese Gerechtigkeit nicht gerecht an?

Sie beruft sich jetzt auf etwas Praktischeres: Fairness.

Antonia Baum muss sie nicht beantworten. Es reicht, wenn sie solche Fragen aufwirft und zeigt, aus welchen Schwierigkeiten heraus sie entstehen. Das Heilige, nach dem sie sich gesehnt hatte, hat sie in ihrem Kind wirklich gefunden. Sie liebt es, wie sie noch nie geliebt hat. Und diese Erfahrung entschädigt sie für das Leben, das sie nach der Geburt führte und überhaupt nicht liebte.

Dem Paar gelingt es auch, sich einander wieder anzunähern. Statt auf das Prinzip der Gleichheit, das Baum so konsequent verfolgen wollte, beruft sie sich jetzt auf etwas Praktischeres: Fairness. Beide machen, was sie können – es muss nicht unbedingt das Gleiche sein.

Für uns, für all die modernen jungen Frauen, die nach Antonia Baum Kinder bekommen werden, ist die Lektüre von «Stillleben» heilend. Die Angst, welche die Autorin vor und durch diese tiefgreifende Veränderung empfindet, ist auch unsere. Aber weil Baum sie so genau analysieren und benennen kann, wird sie für uns kleiner – sie wird bewältigbar. Und unser Blick auf das, was kommen könnte, ist klar.

Antonia Baum: Stillleben. Piperverlag­ 2018. 224 S., ca. 30 Fr.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 21.05.2018, 17:39 Uhr

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