«Nervenzellen nachzutrauern, ist sinnlos»

Funktioniert das Gehirn wie ein Computer? Was ist von Hirndoping zu halten? Und welches ist das beste Katermittel? Neurobiologe und Science-Slammer Henning Beck hat ein neues Buch und die Antworten.


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Kann das Gehirn Wissen besser speichern, wenn dieses unterhaltend vermittelt wird?
Absolut. Das ist quasi die beschleunigte Form des Lernens. Wenn einem etwas Spass macht, dann lernt man Dinge schneller und nachhaltiger. Die besten Professoren, die ich hatte, vermittelten ihr Wissen mit Anekdoten und Bildern.

Sie haben ein sehr unterhaltendes Buch über «Neuromythen» geschrieben. Wieso? Entzaubern Sie damit nicht Ihren Beruf?
Die Wissenschaft muss sich stets selber hinterfragen und kritisch bleiben. Von keinem Organ im menschlichen Körper geistert so viel Halbwissen durch die Welt. Als Hirnfan und Neurobiologe stört mich das und ich möchte das Organ ein wenig in Schutz nehmen. Immerhin wissen wir genug über das Gehirn, dass wir pseudowissenschaftliche Mythen gar nicht nötig haben.

Welcher Mythos über das Gehirn geht Ihnen am meisten auf die Nerven?
Das ist das Märchen von den 10 Prozent Hirnleistung. Es gibt keinen einzigen wissenschaftlichen Bericht, der dies bestätigt – dafür einen Haufen Selbsthilfeliteratur, wo dieses Märchen verbreitet wird. Hier ist die schlechte Nachricht: Unser Gehirn läuft auf 100 Prozent. Die gute Nachricht: Just in dieser Vollauslastung ist es ihm möglich, weitere Verknüpfungen von Nervenzellen zu machen und die Leistung über die vorherigen 100 Prozent zu steigern.

Das unterscheidet das Gehirn von einem Computer.
Der Vergleich, dass ein Gehirn wie ein Computer funktioniere, ist auch extrem nervig. Computeranalogien wie «Arbeitsspeicher», «Festplatte» oder «Prozessorengeschwindigkeit» sind völlig unzutreffend. In den letzten zehn Jahren hat man herausgefunden, dass das Gehirn nach einem Mechanismus funktioniert, der in der Natur einzigartig ist. Das hat überhaupt nichts mit einem Computer zu tun.

Dass der Gebrauch von Computern und iPads unser Denken verändert – ist das auch ein Mythos?
Ich bin kein Soziologe, aber von neurobiologischer Seite aus betrachtet, ist die Furcht vor den neuen Medien etwas übertrieben. Das Gehirn ist ein unglaublich anpassungsfähiges System. Es ist von den neuen Medien und Technologien nicht überfordert.

Es droht keine «digitale Demenz»?
Wir nutzen die neuen Medien erst seit ein paar Jahren, es gibt keine Langzeitstudien zum Thema. Aber so wie ich das menschliche Gehirn kenne, droht keine Gefahr. Im Gegenteil: Dass wir weniger auswendig lernen müssen und das Wissen aufs Netz outsourcen können, schafft neue Kapazitäten für neue Denkwege im Hirn. Natürlich: Wenn einer nur vor dem Computer sitzt, ist das nicht gut für das Gehirn. Aber dasselbe gilt für jemanden, der nur ausschliesslich Bücher liest und nie darüber spricht. Das Gehirn will möglichst viele verschiedene Kanäle und Reize verwenden.

Gilt das auch für Kinder?
Ich sehe da keinen Unterschied zu Erwachsenen. Auch bei Kindern kommt es beim Gebrauch der neuen Technologien auf den Mix und das Ausmass an.

Was halten Sie von Hirndoping?
Das sehe ich kritisch. Man greift dabei aktiv in die Biochemie ein und verändert deren Zusammenhänge im Gehirn, die vielfach noch unverstanden sind. Wenn man sich gesund ernährt, hat man das nicht nötig. Wieso sollte jemand überhaupt Hirndoping brauchen?

Um bei einer Prüfung besser abzuschneiden?
Für die Konzentrationsfähigkeit mag das stimmen. Doch die Schattenseite ist ein Rückgang der Kreativität. Dasselbe gilt übrigens für Kaffee. Das Hirn hält die kognitiven Fähigkeiten im Gleichgewicht. Wenn man eine davon besonders fördert, bringt man das ganze System ins Wanken. Ein Vorteil in einem bestimmten Denkbereich wird mit einem Nachteil in einem anderen Bereich erkauft.

Gilt das auch für Alkohol?
Ja, absolut. Alkohol kann beruhigend wirken – aber gleichzeitig lässt die Konzentrationsfähigkeit nach.

Und die Gehirnzellen sterben ab.
Nein, das ist ein weiterer Mythos! Wenn Sie nicht über Jahre hinweg exzessiv trinken, brauchen Ihre Gehirnzellen keine Angst zu haben. Allerdings reagiert jeder Körper anders auf Alkohol. Von übermässigem Konsum ist sicher abzuraten, denn er schädigt tatsächlich Hirnstrukturen. Aber Nervenzellen nachzutrauern, ist genauso sinnlos. Wir wissen nicht einmal, wie viel von denen ein Rausch genau fordert. Übrigens ist der Kater nach einer durchzechten Nacht keine Folge von abgestorbenen Hirnzellen, sondern vom Mangel an Elektrolyten, weil der Stoffwechsel gestört worden ist.

Hat der Neurobiologe ein spezielles Katermittel zur Hand?
Dem Hirn wieder Wasser zufügen und die Elektrolyten nachfüllen – indem man etwas Salziges isst.

Erstellt: 01.09.2014, 11:27 Uhr

Zur Person

Dr. Henning Beck ist Neurologe und Science-Slammer. Mit seinem Vortrag «Wie das Gehirn Geistesblitze beschleunigt» gewann er 2012 den Deutschen Science-Slam-Meistertitel (siehe Youtube-Film). Nächste Woche erscheint sein Buch «Hirnrissig», worin Beck weit verbreitete Mythen über das menschliche Gehirn auf witzige Weise entlarvt.

In Science-Slams wird Wissenschaft so präsentiert, wie man sie noch nie gesehen hat: schnell, verständlich – und im Wettbewerb. Teilnehmer treten mit einem Kurzvortrag über ihre Forschung auf der Bühne nacheinander gegeneinander an. Am Ende bestimmt das Publikum den Sieger.

Henning Beck: Hirnrissig. Hanser, 2012.

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