Neue Serie: Krimi der Woche

Eine Todesliste samt Todesdatum: Es ist ein teuflisches Spiel, das der Brite Daniel Cole in seinem Thriller-Debüt «Ragdoll – Dein letzter Tag» entwirft.

Daniel Coles «Ragdoll» serviert ganz schön aussergewöhnliche Morde.

Daniel Coles «Ragdoll» serviert ganz schön aussergewöhnliche Morde.

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Kriminalromane gehören zu den beliebtesten Büchern. Diesem Interesse wollen wir mit unserer neuen Serie «Krimi der Woche» entgegenkommen. Jeweils am Donnerstag bespricht Hanspeter Eggenberger einen aktuellen Roman.

Der erste Satz:
Samantha Boyd duckte sich unter dem flatternden Absperrband durch und blickte zur Statue der Justitia oben auf der Kuppel von Old Bailey hinauf, dem berühmten Londoner Gerichtsgebäude.

Das Buch:
Detective Sergeant William Oliver Layton-Fawkes, aus naheliegendem Grund Wolf genannt, hat nicht weit von seiner Wohnung zum Tatort. Er muss nur die Strasse überqueren, und er tut dies in Badehosen und einem ausgewaschenen Bon-Jovi-T-Shirt. Die Szenerie, die er um vier Uhr morgens im vierten Stock des Hauses gegenüber antrifft, ist ziemlich verstörend. Eine Leiche hängt so an Schnüren von der Decke, dass sie im Raum zu schweben scheint. Erst im Licht eines Scheinwerfers erkennt Wolf, dass es nicht eine Leiche ist: Der aufgehängte Körper ist aus Teilen von sechs Leichen zusammengenäht. Wie eine Flickenpuppe, ein Ragdoll. Ein Arm des Dings ist ausgestreckt, der Finger deutet zum Fenster – und exakt auf Wolfs Wohnung. Als der Detective dann auch noch den Kopf der Leichenpuppe erkennt, ist klar, dass das irgendwie persönlich wird.

Mit Serienkillerromanen ist es so eine Sache. Es gab ja durchaus ein paar gute, allen voran der bereits zum Klassiker dieses Subgenres avancierte «Der Poet» («The Poet», 1996) des amerikanischen Meisters Michael Connelly. Seither sind Dutzende, wahrscheinlich Hunderte von Serienmördergeschichten erschienen. Dabei versuchen die Autorinnen und Autoren Originalität zu beweisen, indem sie immer noch abstrusere Mordmethoden und -motive aushecken und Plots zusammenstiefeln, die weit entfernt von jeder Wirklichkeit sind. Als einer, der Kriminalliteratur ernst nimmt als Genre, das sich mit grundlegenden Fragen von Gut und Böse auseinandersetzt, kann ich mit solchen Märchenstunden für Erwachsene nicht viel anfangen. Dass ich dem Erstling des Briten Daniel Cole trotzdem eine Chance gab, liegt an der Übersetzerin: Conny Lösch gehört seit Jahren zu den besten Übersetzern nicht nur von Kriminalliteratur. Wenn ihr Name vorne im Buch steht, weiss ich, dass mir da kein Ramsch angedreht wird.

Wolf ist in den Polizeidienst zurückgekehrt, nachdem er suspendiert und in der Psychiatrie behandelt worden war. Ein Kindermörder, den er gefasst hatte, war von den Geschworenen freigesprochen worden, worauf Wolf ihn im Gerichtssaal angriff und umbringen wollte. Danach fiel Wolf tief, wurde in der Öffentlichkeit von Politikern wie Medien fertiggemacht; seine Frau, eine erfolgreiche TV-Reporterin, verliess ihn. Der freigesprochene Mörder wurde wenig später in flagranti beim Weitermorden erwischt, Wolf wurde halbwegs rehabilitiert. Der Kindermörder müsste jetzt eigentlich im Gefängnis sitzen. Doch es ist sein Kopf, der auf der zusammengestückelten Leiche sitzt. Die Situation eskaliert, als der Killer Wolfs Ex nicht nur Fotos seiner menschlichen Flickenpuppe schickt, sondern auch eine Liste mit den sechs nächsten Opfern samt Todesdatum. Die Fernsehstation spielt das natürlich gross. Der Erste auf der Todesliste ist der Londoner Bürgermeister, der Letzte Wolf selber. Wieso gelingt es der Polizei nicht, diese Morde zu verhindern? Wie steckt Wolf da mit drin?

«Ragdoll» ist über die ganzen gegen 500 Seiten spannend, nimmt ein paar unerwartete Wendungen und serviert ganz schön aussergewöhnliche Morde. «Erinnerst du dich noch an die guten alten Zeiten, als man den Anstand besass, seine Feinde einfach zu erschiessen?», flachst ein Kollege Wolfs. Starke, oft witzige Dialoge und reichlich schwarzer Humor tragen zum Lesevergnügen bei. Viel mehr als durch die vordergründige Spannung fasziniert der Roman durch die sorgfältig gezeichneten Figuren. Diese – neben Wolf vor allem auch seine Kollegin Baxter – sind innerlich zerrissen und voller Widersprüche. Und damit interessant genug, dass ich gerne mehr über sie lesen werde – «Ragdoll» ist der erste Teil einer auf drei Bände angelegten Serie um Detective Sergeant William Oliver Layton-Fawkes.

Die Wertung:

Der Autor:
Daniel Cole, geboren 1983, hat als Rettungssanitäter gearbeitet und war für den englischen Tierschutz (Royal Society for the Prevention of Cruelty to Animals, RSPCA) sowie den britischen Seenotrettungsdienst (Royal National Lifeboat Institution, RNLI) tätig. «Ragdoll» ist sein erster Roman; er hat für diesen und zwei weitere Romane um Wolf einen Buchvertrag und einen TV-Deal abschliessen können. Der Erstling wurde bereits in 34 Länder verkauft. Cole lebt in Bournemouth an der Südküste Englands.

Daniel Cole: «Ragdoll – Dein letzter Tag» (Original: «Ragdoll», 2017, Orion Books, London). Aus dem Englischen von Conny Lösch. 2017, Ullstein-Verlag, Berlin, 477 Seiten, 21.90 Fr.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 08.06.2017, 10:11 Uhr

Die Redaktion auf Twitter

Stets informiert und aktuell. Folgen Sie uns auf dem Kurznachrichtendienst.

Kommentare

Blogs

Welttheater Big Ben verstummt

Blog Mag Das Auto, dein Partner

Kokainschwemme in Biarritz

Krimi der Woche: Drogenabstürze und eine brutale Killerin – Estelle Surbranche ist DJ, ihr Debüt «So kam die Nacht» ist hart und düster. Mehr...

Agentenspiel ohne Sinn und Zweck

Krimi der Woche: Der amerikanische Bestsellerautor Chris Pavone inszeniert in «Der Informant» das Agentenleben als Gesellschaftsspiel. Mehr...

Launiger Fake wird bedrohlicher Fakt

Krimi der Woche: Hari Kunzru hat den Blues – in «White Tears» schickt er Hipsters in die Zeit der Sklaverei. Mehr...