Neues vom literarischen Berserker

Blaise Cendrars’ exzessive Prosa gilt als Geheimtipp. Nun sind vom Schweizer neue Editionen erschienen; herausgegeben von Stefan Zweifel.

Von Gewaltfantasien beseelt: Schriftsteller Blaise Cendrars im Jahr 1930. Foto: Ullstein Bild

Von Gewaltfantasien beseelt: Schriftsteller Blaise Cendrars im Jahr 1930. Foto: Ullstein Bild

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Der Erste Weltkrieg produzierte nicht nur Schriftsteller wie Ernst Jünger, den das «Stahlgewitter» ein Leben lang prägen sollte. Auch beim Schweizer Avantgardepoeten Blaise Cendrars (1887–1961) setzte er Energien frei. Cendrars, der auf französischer Seite am Krieg teilnahm, verlor 1915 seinen rechten Arm. Dies aktivierte in ihm ein zweites, von Gewalt- und Allmachtsfantasien genährtes Ich, das er erst mit der Realisierung des schon länger in ihm rumorenden Romanprojektes «Moravagine» bändigen konnte.

Ausführlich hat Cendrars seine Erfahrungen aus dem Ersten Weltkrieg 1946 im autobiografischen Roman «La main coupée» festgehalten (deutsch: «Die rote Lilie», 2002). Erstmals auf Deutsch sind in Stefan Zweifels Übersetzung beim Lenos-Verlag nun drei kurze frühere Texte zu diesem Thema erschienen: «Ich tötete» (1918), «Ich blutete» (1938) und das Fragment «Die Frau und der Soldat» aus dem Umfeld von «La main coupée». Gleichzeitig legt Zweifel in der Anderen Bibliothek den Roman «Moravagine» von 1926 in einer revidierten Übersetzung vor, ergänzt um wichtige, erstmals auf Deutsch greifbare Texte zu seiner Entstehung.

Zwischen Erotik und Gewalt

Vor allem auf dieser exzessiven Prosa um einen adligen Psychopathen und Frauenmörder beruht Cendrars’ Ruf als literarischer Berserker. Der Nihilist Moravagine zieht zunächst eine Blutspur vom revolutionären Moskau nach Berlin. Dabei begleitet ihn ein Arzt, der ihn aus der Schweizer Klinik Waldensee (der Berner Waldau) befreite, um seinen Patienten im Feldversuch studieren zu können. Er ist es denn auch, der über die gemeinsame Irrfahrt Buch führt.

In den USA fasziniert Moravagine die kapitalistische neue Welt. Doch verschlägt es das Duo bald zu Indianern, deren Ritualen sie nur knapp entkommen. In Paris mutiert Moravagine zum Flugpionier. Im Ersten Weltkrieg verliert er – spiegelverkehrt zu Cendrars – sein linkes Bein, wird interniert und schreibt im Morphiumrausch einen Ausblick auf das Jahr 2013 und über den «Einfluss der marsianischen Kultur auf die menschliche Zivilisation».

Mordgelüste in Paris

Ein gefundenes Fressen für Stefan Zweifel, der gern Texten nachspürt, die sich an der Schnittstelle von Erotik und Gewalt, Wahn und Wirklichkeit bewegen. So begleitet er beide Bücher neben einem editorischen Anhang auch mit persönlichen Kommentaren, die seine Lust an der Materie bezeugen. Er entdeckt bei Cendrars eine auf dem Schlachtfeld gewonnene «Sehnsucht nach jenem Blitzaugenblick der Ek­stase, die ihn damals ergriff und mit sich fortriss». Denn nach dem Krieg treibt sich der Schriftsteller zunächst saufend und mit Mordgelüsten (an Frauen) in Paris herum, bis er an seinem 30. Geburtstag, am 1. September 1917, in einer ekstatischen Schreibnacht seine Fantasien mit dem programmatischen Text «Das Weltende, gefilmt vom Engel Notre-Dame» literarisch bannt. Nicht von ungefähr ist dieses 1917 auch Moravagines Todesjahr.

Im nur elf Seiten langen Text «Ich tötete» bilanziert Cendrars ein Jahr später den Nahkampf im Schützengraben: «Ich habe gehandelt. Ich habe getötet.» Woraus er ableitet, als Dichter «einen Sinn für Realität» gewonnen zu haben. Auf den sechzig Seiten von «Ich blutete» schildert er 1938, am Vorabend des Zweiten Weltkriegs, erstmals seine Erlebnisse im Lazarett. Ein starker Text, und wir wissen nicht, warum ihn Cendrars, der sich beim Schreiben oft aus eigenem Fundus bediente, 1946 nicht in «La main coupée» übernahm. Auch die Granate, die seinen Arm zerfetzte, spart er dort aus.

«Scheisse, ich will nicht leben!»

Cendrars und die Gewalterfahrung, das ist das eine Thema. Cendrars und sein schwieriges Verhältnis zu Frauen das andere. Der Name Moravagine spielt mit den Wörtern «Tod» und «Vagina». Da erkennt man jenen Cendrars wieder, der im Gedicht «Der Bauch meiner Mutter» nach der Geburt am liebsten geschrien hätte: «Scheisse, ich will nicht leben!» Derselbe Cendrars hatte 1914, als seine Frau entband, im Gedicht «F.I.A.T» aber festgehalten: «Zum ersten Mal beneide ich eine Frau / Möchte ich Frau sein / Im Universum / Im Leben / Sein / Ich, der Verblendete.» Ein ebenso getriebener wie zweigesichtiger Autor.

Stefan Zweifels «Moravagine»-Ausgabe enthält Passagen, die in früheren deutschen Übersetzungen gestrichen wurden, weil sie als antisemitisch aus­gelegt werden könnten – etwa wenn Cendrars von der «Verjudung des Slawentums» spricht oder wenn er Moravagines revolutionäre Mitstreiterin Mascha in Moskau, eine Jüdin, die grausam zu Tode kommt, als geborene Masochistin bezeichnet. Doch Cendrars hält in «Moravagine» auch kurz und krud fest: «Liebe ist Masochismus.»

Ein gewisser Hang zur Extravaganz

Zweifels Übersetzungen und die Bearbeitung von «Moravagine» geben die Kraft wieder, die Cendrars’ Sprache innewohnt. Man stösst freilich auch auf fragliche, auf heute bezogene Wörter wie «Containerschiffe» für «chargeurs», während die Zigarette nostalgisch mit C geschrieben wird. Wenn Cendrars schreibt, dass unsere Herkunft «aqueuse» sei, also aus dem Wasser stammend, bin ich mir nicht sicher, ob «aquos» dafür das richtige deutsche Wort ist. Und wenn die französische «gueule» mit dem schweizerischen «Gelle» übersetzt wird oder aus den Wörtern «Nachsicht» und «Sorgfalt» eine «Sorgsicht» erwächst, erkennt man einen gewissen Hang zur Extravaganz.

Dennoch legt Stefan Zweifel zwei Editionen vor, die auf Cendrars und seine Widersprüchlichkeit verdientermassen neu aufmerksam machen. Sein Roman «Moravagine», ein Vorläufer von Célines «Reise ans Ende der Nacht», ist seit Jahrzehnten ein Geheimtipp, und die drei Texte von «Ich tötete – ich blutete» tragen zum Verständnis dieses bei uns immer noch verkannten Aussenseiters bei. In seiner Wahlheimat ist er so berühmt, dass sein Werk in die Bibliothèque de la Pléiade aufgenommen wurde, ins Pantheon der französischen Literatur.

Erstellt: 01.07.2014, 08:24 Uhr

Blaise Cendrars: Ich tötete – ich blutete.
Erzählungen aus dem Grossen Krieg. Aus dem Französischen von Stefan Zweifel. Lenos, Basel 2014. 198 S., ca. 30 Fr.

Blaise Cendrars: Moravagine.
Roman. Aus dem Französischen von L. Radermacher, revidiert und kommentiert von Stefan Zweifel. Die Andere Bibliothek 2014. 428 S., ca. 52 Fr.

Artikel zum Thema

«Literaturclub»: Stefan Zweifel wird im Internet diskreditiert

Der ehemalige Moderator des «Literaturclubs» verlangt vom Schweizer Fernsehen eine Entschuldigung für dessen Rolle in der Affäre um ein Heidegger-Zitat. Zweifel stört sich auch an seinem Wikipedia-Eintrag. Mehr...

Adolf Muschg kritisiert Entlassung von «Literaturclub»-Moderator

Das Schweizer Fernsehen müsse die Entlassung von Stefan Zweifel überdenken, fordert der Schriftsteller Adolf Muschg. Dieses hüllt sich weiterhin in Schweigen - trotz wachsender Kritik. Mehr...

Die Redaktion auf Twitter

Stets informiert und aktuell. Folgen Sie uns auf dem Kurznachrichtendienst.

Kommentare

Blogs

Sweet Home Holen Sie sich die Natur ins Haus

Mamablog Wären Sie gerne Ihr eigenes Kind?

Service

Ihre Kulturkarte

Abonnieren Sie den Carte Blanche-Newsletter und verpassen Sie kein Angebot.

Die Welt in Bildern

Man soll die Feste feiern, wie sie fallen: Menschen in «Txatxus»-Kostümen nehmen am traditionellen ländlichen Karneval in Lantz, Nordspanien, teil. (24. Februar 2020)
(Bild: Villar Lopez) Mehr...