Hintergrund

Neues von Max Frisch

Am 20. Januar erscheint Max Frischs «Berliner Journal» aus den Jahren 1973/74. Wir stellen es diese Woche in Ausschnitten vor.

Max Frisch mit seiner Frau Marianne und Uwe Johnson 1973 bei einem Ausflug an den Müggelsee.

Max Frisch mit seiner Frau Marianne und Uwe Johnson 1973 bei einem Ausflug an den Müggelsee. Bild: Judith Macheiner/Max-Frisch-Archiv, Zürich

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Anfang 1973 zog Max Frisch mit seiner zweiten Frau Marianne nach Berlin. Zugleich begann er, wieder ein Tagebuch zu führen. Darin setzt er sich mit seiner neuen Umgebung, mit seinen Schriftstellerfreunden – Günter Grass, Uwe Johnson, Hans Magnus Enzensberger – und den Begegnungen in Ostberlin auseinander, das er mehrfach besucht. Das Tagebuch enthält aber auch Aufzeichnungen über die Ehekrise der Frischs. Deshalb hat es der Autor zu Lebzeiten nicht veröffentlicht und bei der Übergabe an die von ihm gegründete Max-Frisch-Stiftung das Material mit einem Sperrvermerk versehen: Erst 20 Jahre nach seinem Tod dürfe es geöffnet werden. Das geschah im April 2011.

Teile bleiben gesperrt

Eine vollständige Veröffentlichung des «Berliner Journals» kommt nach Ansicht der Stiftung und des Herausgebers, Stiftungspräsident Thomas Strässle, aus zwei Gründen nicht infrage: zum einen aus persönlichkeitsrechtlichen Erwägungen, aber auch, weil das «Journal» nur in Teilen ein fertiges Werk ist. Nur die beiden ersten Hefte (von fünf) sind von Max Frisch durchgearbeitet worden. Aus diesen beiden Heften unter Auslassung aller persönlichkeitsrechtlich problematischen Passagen besteht das kommende Woche erscheinende «Berliner Journal».

Wir werden das «Journal» Ende dieser Woche im «Tages-Anzeiger» ausführlich vorstellen. Die ganze Woche über werden wir online täglich einen Textausschnitt präsentieren – mit freundlicher Genehmigung des Suhrkamp-Verlages. Der heutige Ausschnitt stammt vom März 1973. Darin setzt sich Max Frisch kritisch mit seiner Sprache auseinander, die er als unsinnlich, unspontan und chiffrenhaft empfindet.

Die Hormone und die Sprache! Tatsächlich wird jeder Satz unsinnlich. Die Vorstellung, beim Schreiben, ist nicht so unsinnlich; ich sehe doch Farbe, Linie, Körperlichkeit. Rieche ich schwacher? Oft meine ich sogar, die Eindrücke seien genauer. Lese ich, was ich früher geschrieben habe, stört mich oft, wie vage etwas beschrieben ist; Adjektive aufs Geratewohl, ganz zu schweigen von der Metaphorik. Bin ich heute, wenn ich etwas wahrnehme oder mich einer momentanen Einbildung überlasse, weniger berührt? Wie im Geschlechtlichen. Die Sprache, die ich schreibe, hat zu wenig Körper; die Wörter sind vielleicht genauer, der Satzbau zutreffender, aber alles zusammen bekommt keinen Körper und keinen Geruch, nicht einmal Schatten; wie ein Steckbrief auf Gegenständliches, aber ungegenständlich. Es fehlt nicht an Rhythmus, aber es ist ein Rhythmus der Nicht-Spontaneität. Bin ich, infolge meines Alters, so unspontan? Offenbar ja, zumindest am Schreibtisch, wo ich mich am wohlsten fühle, wo ich es nicht merke; ich merke es erst, wenn ich es nachlese. Und oft genug lese ich es gar nicht nach; ich weiss schon: diese Unsinnlichkeit meiner Sprache jetzt. Wie ausgelöscht, die selben Wörter, aber ohne Hall, wenn man sie liest; Chiffren, aber eben nicht das Ding selbst. (S. 67)

Aus: Max Frisch: Aus dem Berliner Journal. Herausgegeben von Thomas Strässle unter Mitarbeit von Margit Unser. Suhrkamp, Berlin 2014. 235 S., ca. 30 Fr. (Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

Erstellt: 13.01.2014, 15:21 Uhr

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