Neues von der «Yupper West Side»

Mit grimmigem Furor gegen die Schwindelwelt der Pixel: Thomas Pynchons 9/11- Roman «Bleeding Edge».

Spätestens seit der von Edward Snowden ausgelösten NSA-Affaire scheint in den USA nichts mehr undenkbar. Foto: Keystone

Spätestens seit der von Edward Snowden ausgelösten NSA-Affaire scheint in den USA nichts mehr undenkbar. Foto: Keystone

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«Paranoia ist der Knoblauch in der Küche des Lebens; man kann nie genug davon haben.» Schreibt Thomas Pynchon und füllt seinen neuen Roman «Bleeding Edge» (ein Nerd-Begriff für noch nicht ganz ausgereifte IT-Technik) wieder einmal mit Verschwörungstheorien: völlig abgedrehte (Kinder werden von Geheimdiensten gekidnappt, umgedreht und als militärische Zeitreisende in die Vergangenheit geschickt), populäre (der 11. September war ein Gemeinschaftswerk von Bush-Regierung und Wallstreet) und prophetische. Dass CIA und NSA mit der Spähsoftware «Promis» die globale Kommunikation aushorchen, ist im Lichte von Edward Snowdens Enthüllungen über Prism nicht mehr unvorstellbar.

Als Herrscher der literarischen Paranoia weiss Pynchon natürlich auch, dass Staat, Geheimdienst und Industrie heute über ziemlich ausgereifte Techniken zur Überwachung und Kontrolle der Privatsphäre verfügen. Wenn er immer noch nicht auf den Deckmantel der Anonymität – keine Fotos, keine Interviews, keine öffentlichen Auftritte – verzichten will, ist das ein politisches Statement, ein Akt ­literarischen Widerstands. Schnippchen und Haken schlagend, will er der realen Bedrohung durch ironische Überbietung und groteske Überhöhung immer einen Schritt voraus sein. Es ist das ebenso anarchische wie anachronistische Versteckspiel eines Autors, der sich in seinen Romanen verbirgt und enthüllt.

In «Bleeding Edge» versteckt sich Pynchon hinter der Hauptfigur: Wie er selbst wohnt Maxine Tarnow in der – für Linke eigentlich unmöglichen – «Yupper West Side» und schickt ihre Söhne auf eine Privatschule. Wie er ist Maxine ein Familienmensch, der die Freuden ehelicher Liebe und Elternschaft zu schätzen gelernt hat, und wie sie zieht er neuerdings die schäbige Urbanität New Yorks dem gleissenden Glamour Kaliforniens vor. Allerdings ist Maxine keine Autorin, sondern «dezertifizierte» Betrugsermittlerin, eine jüdische Mamme mit flottem Mundwerk und einer Pistole im Handtäschchen.

Wie zuletzt in «Natürliche Mängel» spielt Pynchon wieder lustvoll mit den Versatzstücken des Film noir: Hartgesottene Detektive, skrupellose Finanzhaie, Politiker und «Dotcom-Arschlöcher» liefern sich schnoddrig geistreiche Wortgefechte; die Grenzen zwischen Tätern und Opfern, Leben und Tod bleiben dabei durchlässig. Betrugsermittler können sich im Jahr 2001 über einen Mangel an Aufträgen nicht beklagen. Facebook und das iPhone sind noch nicht erfunden; dafür gibt es Deep Archer, eine Art verbessertes Second Life, Computerspiele mit realistischen Splatteroptionen und Cyberpunk-Waffen im Bleeding-Edge-Stadium wie den russischen Vircator. Die Dotcom-Blase ist gerade geplatzt, die Millenniumseuphorie verflogen, aber noch stehen die Türme des World Trade Center; erst auf Seite 401 stürzen sie mit einem leisen «O-oh» Maxines ein.

Einer sammelt Hitlerparfüme

In Pynchons karnevaleskem 9/11-Roman tummeln sich russische Hacker und italienische Mafiosi, Zen-Gurus und Mossad­agenten, Internettrolle, Börsenschwindler und Start-up-Blender. Gabriel Ice, der «Digitalmogul» von hashslingrz, träumt von Serverfarmen in der Arktis, Bürgermeister Giuliani von der Säuberung New Yorks, Nicholas Windust mordet im Auftrag des CIA. Zu Maxines Freunden und Helfern gehören neben Ex-Mann Horst folgende illustre Figuren: der Dokumentarfilmer und Raubkopierer Reg Despard, Eric Oldfield, «Sherpa des Deep Web» und Fussfetischist, Conklin Speedwell, Superschnüffler, «nasaler Forensiker» und Sammler von Hitlerparfümen, und natürlich March, die grosse alte Frau der linken Verschwörungstheorien.

So weit ein ganz normaler Pynchon-Roman: unterhaltsam, grimmig fröhlich und mit 605 Seiten erfreulich kurz, wenn auch in seiner Gag- und Pointengier manchmal ermüdend. Pynchon, mittlerweile auch schon 77 Jahre alt, exerziert im Kammerspielformat noch einmal alle Motive durch, für die er seit bald 50 Jahren berühmt und berüchtigt ist: Paranoia, Konsum- und Medienkritik, Entropie und Chaos, die Verlockungen der Macht und die subversiven Widerstands­strategien der Flowerpower-Generation.

Wie immer ist der Plot eingebettet in ein dichtes Gewebe popkultureller Referenzen: imaginäre und reale Filme, TV-Serien, Bands wie «Nazi Vegetables», obskure Zeitgeistphänomene wie Designer-Thementoiletten. Wie immer versuchen dunkle Mächte die Utopien der 60er zu usurpieren und gegen ihre Träumer zu wenden; nur dass diesmal nicht alte Hippies ihre Opfer sind, sondern Geeks und Nerds der digitalen Avantgarde.

Vor allem aber ist «Bleeding Edge» ein New Yorker Heimatroman. So wie man aus Balzacs Romanen das alte Paris und aus Joyce’ «Ulysses» das Dublin von 1904 rekonstruieren kann, könnte man aus dem Buch das Manhattan vor 9/11 wiedererbauen, vom jüdischen Dinner um die Ecke bis zum Times Square. Pynchon wird auf seine alten Tage fast nostalgisch: Er verteidigt das untergegangene New York gegen die Schwindelwelt des neuen, die schmutzige, unverpixelte Realität gegen die infantilen Schatten- und Spiegelbilder im Netz, die menschliche Wärme gegen die kalten Kontakte und Klicks. Das Internet ist «geboren aus der Sünde», ein Herrschaftsinstrument von Militär, Politik und Kapital, und erschöpft sich in «endlosem Streamen von Müll». Allerdings wirkt das Buch in seinem enzyklopädischen Furor, seinem Gewimmel und seinem nerdigen Humor manchmal auch wie ein labyrinthisches Computerspiel.

Die Strahlenwaffe Ironie

Betrugsermittler Pynchon macht jedenfalls auch nach dem 11. September weiter, als sei nichts geschehen. Zu den Kollateralschäden von 9/11, schreibt March in ihrem Blog, gehöre der Siegeszug der Realitysoaps: «Als hätte die Ironie, unters Volk gebracht von einer kichernden fünften Kolonne, die Ereignisse vom 11. September eigentlich sogar herbeigeführt, indem sie das Land an hinreichendem Ernst gehindert und so sein Verständnis von der ‹Realität› geschwächt hat. Daher muss alles, was nur scheinbar wahr ist, dran glauben . . . Von jetzt an hat man alles wörtlich zu verstehen.»

Von der Otto-Kugelblitz-Schule, einer «Klapsmühle mit Hausaufgaben», wird sogar die literarische Fiktion verbannt. Thomas Pynchon aber lässt sich seine Fantasie und seine voll ausgereifte Strahlenwaffe Ironie nicht nehmen. Er lässt sich weder vom fundamentalistischen Terror noch von dessen möglichen Helfershelfern in den Zentralen der Macht zu literarischer Trostgebung, moralischer Zerknirschung oder gar patriotischer Sinnstiftung erpressen.

Erstellt: 15.10.2014, 17:49 Uhr

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Thomas Pynchon: Bleeding Edge. Roman. Aus dem Englischen von Dirk van Gunsteren. Rowohlt, Hamburg 2014. 605 S., ca. 40 Fr.

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