Neugierig auf die Geister der Schweiz

Romanautor Teju Cole ist der achte Gastschreiber des Zürcher Literaturhauses. Und der prominenteste. Mit viel Verve betätigt er sich auch als Kunsthistoriker, Fotograf, Twitterer und Flaneur.

Hier stellt Zürich seine Vergangenheit aus: Teju Cole unter dem Sechseläutenplatz.<br />Foto: Sabina Bobst

Hier stellt Zürich seine Vergangenheit aus: Teju Cole unter dem Sechseläutenplatz.
Foto: Sabina Bobst

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Das dominierende Thema dieser Wochen wickeln wir schnell ab. Ja, er ist Fussballfan, «dies ist meine achte Weltmeisterschaft!», und er drückt die Daumen für Nigeria. Es hätten auch die USA sein können – dort ist er 1975 geboren, von nigerianischen Eltern, dorthin ist er, nachdem er seine Jugend in Nigeria verbracht hat, zurückgekehrt. Sein erstes Buch «Every Day Is for the Thief» spielt in Lagos, das zweite, «Open City», gros­senteils in New York – es machte ihn zum Shootingstar der jungen amerikanischen Literatur. Oder sollte man sagen: der jungen Weltliteratur, die ja laut der Kritikerin Sigrid Löffler aus den ehe­maligen Kolonialgebieten kommt?

Das dritte Buch wird wieder von Lagos handeln, es wird eher ein Sachbuch sein, wobei bei den zwei vorliegenden die Grenzen zur Fiktion und zur Autobiografie zerfliessen. «Travel writing» nennt er behelfsmässig das Genre. An diesem Buch wird er in seinen sechs Zürcher Monaten arbeiten. Die Einladung zum Writer-in-Residence-Programm kam zum perfekten Zeitpunkt: «Ich habe das Material, jetzt muss ich es nur durcharbeiten und schreiben.» Teju Cole ist der achte Gastautor des Literaturhauses, neben dem Inder Kiran Nagarkar der prominenteste und sicher der mit dem grössten medialen Glamour.

In der persönlichen Begegnung ist Teju Cole aufmerksam, interessiert, auskunftsfreudig und vollkommen unprätentiös. Niemand, der sein Starpotenzial ausspielt. Geduldig absolviert er die ­Fotosession; er kennt das, von beiden Seiten: Teju Cole ist professioneller Fotograf. Ausserdem studierter Kunsthistoriker, promoviert mit einer Arbeit über frühe holländische Malerei. Er interessiert sich brennend für klassische Musik (am Sonntag war er schon in der Tonhalle), aber auch für Hip-Hop. Und für Politik. Und . . .

Romane in drei Sätzen

Man möchte kaum glauben, was alles an Interessen, Kompetenzen, Aktivitäten und Existenzen in diese doch eher schmächtige Person hineinpasst. Und in die doch begrenzte Zeit eines Tages. Zum Beispiel das Twittern. Cole hat 150 000 Follower (@tejucole). «Ist das nicht Zeitverschwendung, eigentlich ein Fulltime-Job?», fragt der aus der Gutenberg-Epoche stammende Journalist. In der ist Teju Cole ebenfalls tief verwurzelt, die Baumkrone aber, sozusagen, erhebt sich in die digitale Gegenwart. Twittern bedeutet für ihn zweierlei: Arbeit an der Sprache und Kommunikation in ungeahntem Ausmass.

Zum Ersten: Cole experimentiert hier mit Kurzformaten, «Dreisatz-Romanen». Das «fait divers» des klassischen französischen Journalismus adaptiert er in die Onlinegegenwart: Aus nigerianischen Zeitungsmeldungen destilliert er «unerhörte Begebenheiten». Oder er schreibt klassische Romanhandlungen um, etwa so: «Someone must have slandered Josef K., for one morning, without having done anything truly wrong, he was ­killed by a Predator drone.»

Aber er experimentiert auch mit langen Formen; einen veritablen Essay hat er erst «konventionell» aufgeschrieben, dann in 250 Tweets aufgeteilt und in über sieben Stunden abgesetzt. Seine Follower: vom Universitätsprofessor an der US-Ostküste bis zum 18-jährigen Schüler aus Malaysia. Die Reaktionen? Die sind natürlich unüberschaubar, unbewältigbar. Auch mal «shitstürmisch». Cole selbst folgt «nur» 900 Leuten, und er lässt allzu Emotionales, Aggressives ins Leere laufen. Und er kann abschalten: Während unseres Gesprächs bleibt das Smartphone wie selbstverständlich in der Tasche. Je grösser der Ansturm an Reizen und Angeboten, desto stärker muss man die Konzentration wahren.

Viel gelobt und preisgekrönt

Das gilt auch für den Gesprächspartner, der der Versuchung widerstehen muss, möglichst viele Facetten dieser polyvalenten Persönlichkeit abzutasten. Denn das führt schnell ins Uferlose. Wenn man etwa die «Ästhetik des Falschen» antippt: Cole liebt Cartier-Bresson, aber seine eigenen Fotos suchen das Nichtperfekte, das gestörte Gleichgewicht. Diese «unbalance» findet sich auch in seinem grossen, viel gelobten und preisgekrönten New-York-Roman «Open City»: Der Icherzähler Julius, ein Psychiater und Stadtwanderer, trifft im Laufe seiner Streifzüge die unterschiedlichsten Menschen, die meist nicht den Erwartungen entsprechen, die man aus ihrer «Kategorie» (Hautfarbe, gesellschaftliche Position) ableitet. Im vor­letzten Kapitel sagt eine Freundin diesem Icherzähler, dass er sie vor vielen Jahren vergewaltigt habe. Eine erzählerische Bombe, die ohne Ankündigung detoniert – und ohne Konsequenzen. Im nächsten Kapitel geht Julius seiner Arbeit nach. Anscheinend unberührt. Umso mehr zittert es im Leser nach: Mit was für einem Menschen hat er da ein Buch zusammen verbracht?

Verdrängte Vergangenheit: Das ist eines der grossen Themen von Teju Cole. Hier ein Sklavenfriedhof unter einem New Yorker Bürogebäude, dort das Nationalmuseum in Lagos, in dem die Militärherrscher paradieren. Immer verlaufen die Stadtwanderungen horizontal und vertikal. Wie wird das in Zürich werden? Cole ist neugierig auf die «Geister» des neuen Wohnorts. Von Schweizer Geschichte weiss er (noch) nicht viel, aber etwas ist ihm sehr bewusst: dass die Diktatoren der Welt ihre gestohlenen Millionen mit Vorliebe in die Schweiz gebracht haben. «In Zürich bin ich dem ­nigerianischen Geld näher als in Lagos», sagt er und entblösst beim Grinsen eine charmante Lücke zwischen den ­Schneidezähnen.

Die entführten Mädchen

Ein Thema wartet noch auf uns, es beherrschte vor einigen Wochen die Schlagzeilen und war dann wieder verschwunden, als habe es sich glücklich erledigt wie beim geretteten Höhlenforscher: die über 200 entführten Mädchen in Nordnigeria. Da ist nichts gelöst und erledigt, die Mädchen sind immer noch in der Gewalt der islamistischen Terrorgruppe Boko Haram. Die Weltöffentlichkeit zeigte sich entsetzt, dann gerührt von der Twitter-Welle «BringBackOurGirls», der sich auch eine traurig in die Kamera schauende Michelle Obama anschloss.

Teju Cole hat sich sehr kritisch über diese Aktion geäussert. Es gehe dabei um «Gefühlsökonomie», nicht um wirkliche Hilfe, erläutert er im Gespräch. Die Hashtag-Unterstützer bewegten nichts, ausser ihrer eigenen Emotionen. Dass die Mädchen nicht befreit sind, mehr als zwei Monate danach, wundert ihn überhaupt nicht. «Boko Haram hat schon 5000 Menschen getötet. Die Regierung ist vollkommen unfähig, das Militär den Terroristen im Equipment unterlegen. Und selbst wenn die Mädchen frei wären, könnten sie nächste Woche wieder entführt werden.» Ein durch und durch korruptes Land mit Soldaten, deren Sold in den Taschen von Politikern und Generälen hängen bleibt und die ihrerseits Gräueltaten begehen – «wenn Boko ­Haram ein Dorf zerstört, brennen sie aus Rache und Hilflosigkeit einfach das nächste Dorf nieder» – das ergibt ein ­deprimierendes Bild dieses grossen, ­eigentlich so reichen Landes.

Aber kein hoffnungsloses. Teju Cole hält schnelle, überraschende Veränderungen überall für möglich – und nennt Südkorea als Beispiel. Dann werde sich auch die «psychologische Landschaft» Nigerias verwandeln, gegenwärtig noch ein immerwährender Kampf aller gegen alle. Wer «Every Day Is for the Thief» liest, erlebt dies in Dutzenden kleiner Szenen. Er erlebt aber auch, wie Lagos vor Vitalität geradezu vibriert.

Wird Teju Cole sich, gewöhnt an derartige Rhythmen, Vibrationen, Reize und Gefahren, in Zürich nicht langweilen? Ein leicht ironisches Lächeln ist die Antwort. «Langeweile hat etwas mit der eigenen Person zu tun. Ich langweile mich nie.»


Teju Cole liest am 18. 7. um 20.30 Uhr im Rahmen des Open-Air-Literaturfestivals im Alten Botanischen Garten in Zürich. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 26.06.2014, 08:17 Uhr

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Teju Cole

Open City. Roman. Aus dem Englischen von Christine Richter-Nilsson. Suhrkamp TB,
Berlin 2013. 334 S., ca. 18 Fr.

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