Live-Poesie

«Nicht weniger als 50 Stufen von Grau nahmen die Stadt ein»

Thomas Meyer gehört zu den fünf Nominierten des Schweizer Buchpreises. Heute nahm er am Live-Poesie-Experiment teil und textete auf Tagesanzeiger.ch/Newsnet eine Geschichte – und was für eine krude!

Thomas Meyer liest seinen Text im Park, umtost von Lärm, Radau und Rausch.
Video: Linus Schöpfer

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Je länger der Winter andauerte, desto mehr schien das Grau die Stadt einzunehmen.

Anpfiff! Meyer spielt den Textball gleich mit dem ersten Satz ins Off. Das Publikum stöhnt auf den Plätzen. Die ersten klicken schon weg.

Meyer nimmt Anlauf auf den seltsamen Startsatz von Vorschreiber Mann ...

... und kickt ihn aus dem Stadion. Er steht im Strafraum. Gibt das Penalty?

Schiedsrichter Schöpfer von Tagesanzeiger.ch/Newsnetz sitzt zwar keine drei Meter nebenan, reagiert aber nicht. Meyer lacht hämisch.

Die Sunil-Mann-Fans auf den Rängen pfeifen empört. Sie wollen, dass mit Manns Startsatz gearbeitet wird.

Unter den Mann-Fans ist auch Mann selbst: «Mach was mit meinem Satz, du Hund!», brüllt er zu Meyer auf den Rasen hinunter.

«Er inspiriert mich aber nicht!», gibt Meyer zurück. Die Meyer-Fans johlen. Erste Petarden werden gezündet.

Zwölf Minuten der Live-Poesie sind gespielt. Der Match will nicht recht zum Laufen kommen.

Bei Tagesanzeiger.ch/Newsnetz gehen erste Reklamationen ein: Meyer habe nachweislich keine Ahnung von Fussball; die Parodie auf den Liveticker sei unglaubwürdig. 25 der Hassmails stammen von Sunil Mann.

Sie beginnen alle mit: «Je länger der Winter andauerte, desto mehr schien das Grau die Stadt einzunehmen.»

19 Spielminuten. Das Turnier gewinnt an Fahrt. Fragt sich bloss, in welche Richtung.

Schiedsrichter Schöpfer pfeift: Foul! Es sei unsportlich von Meyer, seinen Vorschreiber zu veräppeln. Meyer macht abwehrende, entschuldigende Gesten, die jede Verantwortung von sich weisen wollen. Es ist nicht ganz klar, ob er nun Jude oder Italiener ist.

Elfmeter für Mann. Meyer macht ein Handke-Titel-Zitat.

0:1! Sunil Mann versenkt den Penalty. Meyer bemerkt nichts davon, er unterhält sich mit einer attraktiven Zuschauerin.

Schiedsrichter Schöpfer kann Meyer im letzten Moment davon abhalten, mit der Zuschauerin in der Garderobe zu verschwinden. Meyer schimpft, kehrt aber auf den Rasen zurück. Der Match geht weiter. Es sind 27 Minuten gespielt.

Meyer dribbelt einige Wörter geschickt zu einem Satz zusammen, vertippt sich aber beim letzten.

Je länger das Spiel andauerte, desto mehr schien das Grau den Text einzunehmen.

Tumult auf den Zuschauerrängen: Zahlreiche Sunil-Mann-Fans wechseln das Lager und die Plätze und befeuern nun Meyer. Einige lassen sich spontan in der Erste-Hilfe-Station beschneiden.

10:1! Meyer kickt denselben Satz mehrmals hintereinander ins Tor. Meyer kickt denselben Satz mehrmals hintereinander ins Tor. Meyer kickt denselben Satz mehrmals hintereinander ins Tor. Meyer kickt denselben Satz mehrmals hintereinander ins Tor. Meyer kickt denselben Satz mehrmals hintereinander ins Tor. Meyer kickt denselben Satz mehrmals hintereinander ins Tor. Meyer kickt denselben Satz mehrmals hintereinander ins Tor. Meyer kickt denselben Satz mehrmals hintereinander ins Tor. Meyer kickt denselben Satz mehrmals hintereinander ins Tor. Meyer kickt denselben Satz mehrmals hintereinander ins Tor.

Meyer packt schon mal seine mitgebrachte Pizza aus. Schiedsrichter Schöpfer ermahnt ihn, damit zu warten bis zur Pause. Noch 7 Minuten Spielzeit.

Spielunterbruch. Meyer, Mann und Schiedsrichter Schöpfer geraten in eine wüste Diskussion, wie der Begriff Live-Poesie auszulegen sei. Mann verlangt abermals, es müsse an seinen Startsatz angeknüpft werden, Meyer verweist auf die zahlreichen und damit genügenden Verweise. Schöpfer grübelt.

Das Spiel geht weiter. Einwurf Meyer. Er wirft einige Argumente ein. Mann kontert trefflich.

Abpfiff. Nach 45 Spielminuten steht es 10:1 für Meyer. Meyer stellt Antrag, das Gegentor sei aus ästhetischen Gründen zu annullieren, ein Spielstand von 10:0 sei hübscher.

Nach Rücksprache mit seinem Team gibt Schiedsrichter Schöpfer dem Antrag statt. Meyer verlangt als nächstes, seine Torbilanz zu verzehnfachen, ein Spielstand von 100:0 sei hübscher. Nach Rücksprache mit seinem Team gibt Schiedsrichter Schöpfer dem Antrag statt. Der offizielle Spielstand lautet jetzt 100:0.

Meyer stellt seine leere Michel-Fruchtsaft-PET-Flasche zu der, die bereits auf dem Schreibtisch hier steht. Hat Mann daraus getrunken?

Meyer stellt die beiden PET-Flaschen in gebotenen Abstand.

Meyer entzündet in der Garderobe einige Räucherstäbchen. Journalisten, Verehrerinnen und Funktionäre verlassen den Raum.

Meyer twittert aus der Tagesanzeiger.ch/Newsnetz-Garderobe ein Bild dieses Satzes.

Vor dem Stadion verbrennt der Mob Meyers Roman. Meyer fühlt sich unangenehm an eine vergangene Epoche erinnert, kann aber beim besten Willen nicht sagen, welche. Das Pleistozän?

Die zweite Halbzeit beginnt. Meyer betritt den Rasen nackt.

Rote Karte für Meyer. Schiedsrichter Schöpfer, der sich im bisherigen Verlauf tolerant, ja vielleicht gar zugunsten von Meyer leicht parteiisch verhalten hat, präsentiert sich nun von seiner knallharten Seite. Meyer muss sich wieder anziehen.

Meyer rennt auf dem Rasen umher. Und winkt dabei den Damen zu. Mann ruft blank entsetzt: Das ist nicht fair! Doch Meyer winkt in aller Ruh.

Die Damen winken froh zurück. Sunil Mann schimpft und speit: Schiebung! Schmu! Ein ganz mieser Trick! Doch Meyer grinst nur breit.

Die zweite Halbzeit ist zu 18 Minuten gespielt. Meyers taktischer Wechsel zur Reimform überzeugt ihn selbst nicht.

Die Fisa (Fédération Internationale de Schabernack Association) aberkennt Meyer 990 Texttore. Sie seien faktisch nicht gefallen. Somit steht es wieder 10:1 für Meyer.

Michèle Binswanger verbreitet auf Twitter die ungeheuerliche Unterstellung, Meyer zwinge die Tagesanzeiger.ch/Newsnetz-Redaktion zum Passivräuchern. Obwohl das zutrifft, schaltet Meyer die Anti Defamation League ein.

Schiedsrichter Schöpfer kommt vorbei und fragt Meyer, ob er gedenke, mal noch ernsthaft mit der Live-Poesie anzufangen. Es sei bald halb eins. Meyer schaltet die Anti Defamation League ein.

In Tel Aviv demonstriert eine wütende Menge vor Michèle Binswangers Konsulat.

10:2! Sunil Mann nutzt die allgemeine Verwirrung und Aufregung für einen schönen Satz: «Je länger der Winter andauerte, desto mehr schien das Grau die Stadt einzunehmen.»

Torchance Meyer! Er knüpft an: «Tatsächlich schien das Grau die Stadt nicht nur einzunehmen, nein, es nahm sie ein.»

11:2! Schöpfer lässt den Satz gelten.

Michèle Binswanger schliesst ihr Konsulat in Tel Aviv, twittert aber weiterhin schmähliche Thomas-Meyer-Karikaturtexte.

Meyer gefährlich in Tornähe: «Nicht weniger als 50 Stufen von Grau nahmen die Stadt ein.»

12:2! Ein historischer Satz. Auch im Slow-Motion-Replay: «Niiicht weeenigeeer aaals 50 Stuuufen vooon Graaau naaahmen diiie Staaadt eeein.»

Schiedsrichter Schöpfer ist dermassen gerührt, dass er die Spielzeit spontan um 15 Minuten verlängert.

Vor dem Stadion marschieren Kantonspolizisten auf. Meyer soll ihre Helme und Schilder signieren, fordert ihr Kommandant.

Grammatikfoul! Sunil Mann hat ein Komma vergessen. Meyer weist Schöpfer wütend darauf hin. Er schaltet die Anti Defamation League ein.

Freisatz Meyer.

Je länger der Sommer dauerte, je mehr schien das Gold die Stadt einzunehmen.

Der Satz ist hübsch gespielt ... doch er prallt am Plagiatspfosten ab.

Noch 7 Minuten sind zu schreiben.

Meyer textet ganz eindeutig auf Sicherheit.

Es ist noch eine Minute zu spielen. Die Fans auf den Rängen feiern bereits bzw. rollen traurig ihre Banner zusammen.

Abpfiff! Schiedsrichter Schöpfer in seinem Berner Dialekt: «Auso de, d Zyt wär langsam um.» Meyer hat das Live-Poesie-Match für sich entschieden. Ein leichtes Spiel, wenn man bedenkt, dass sonst keiner an der Tastatur sass.

Nächste Woche beschliessen wir unser Live-Poesie-Experiment. Letzter Gast wird Endo Anaconda sein. (Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

Erstellt: 21.09.2012, 14:49 Uhr

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