Nichts kann sie aufhalten

Xiaolu Guo kommt aus einem chinesischen Fischerdorf und lebt heute als erfolgreiche Autorin und Filmemacherin in London. Ab Juni wird sie die nächste Stadtschreiberin in Zürich sein.

Klug, brillant und kämpferisch: Xiaolu Guo (42) gewann auch als Filmerin Lorbeeren.  Foto: Ulf Andersen (Getty Images)

Klug, brillant und kämpferisch: Xiaolu Guo (42) gewann auch als Filmerin Lorbeeren. Foto: Ulf Andersen (Getty Images)

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Habe ich sie doch angestarrt? Das muss an ihrer Brille liegen, die auf keinem Foto zu sehen ist. Dicke Gläser, in der Mitte noch einmal ein lupenartiger Einsatz. Xiaolu Guo muss meinen Blick ­bemerkt haben, denn sie bringt das ­Gespräch selbst auf ihre schwere, genetisch bedingte Sehbehinderung. Mehrere Familienmitglieder sind erblindet, sie selbst kann nur noch eingeschränkt sehen. «Aber nichts kann mich stoppen, auch das nicht», sagt sie dezidiert, um eventuelle Mitleidsäusserungen gleich abzublocken.

Nicht zu stoppen – aber wozu auch? – ist auch ihr Redefluss: Sie hat viel zu sagen, und sie will es sagen, bei unserem Treffen im Nebenzimmer eines Basler Hotels, in einem raschen, leicht vernuschelten Englisch, das nicht ihre Mutter-, aber inzwischen ihre Alltags- und Literatursprache geworden ist. Auch den jüngsten Roman, «I Am China», gerade in deutscher Übersetzung erschienen, hat sie direkt auf Englisch verfasst.

Chinesische Schriftzeichen enthält das Buch dennoch; Auszüge aus den Briefen, die sich das Liebespaar Jian und Mu schreibt, sind im Buch reproduziert. Es sind erfundene Gestalten, fiktive Briefe, in die sich Xiaolu Guo aber identifikatorisch versenkt hat – bis zu den zwei «Handschriften», einer herrisch-verstört ausfahrenden männlichen und einer winzigen, wie gestochenen weiblichen.

Ein zorniger Punk

Ein Briefroman? Nicht ganz. Denn zum Liebespaar tritt eine dritte Person, die schottische Übersetzerin Iona, die ein Konvolut chinesischer Blätter erhalten hat, aus dem sie die Geschichte von Jian und Mu rekonstruiert. Im klassischen Liebesroman trennt «das Schicksal» das Paar, halten Seestürme, Piraten, Seuchen das Happy End auf. In «Ich bin China» tritt die Politik als Zerstörerin auf. Jian ist ein zorniger Punk, der mit dem Kopf gegen die Wand der chinesischen Verhältnisse gerannt ist. Nun treibt er durch europäische Länder und Institutionen, Zellen, Behörden, die Psychiatrie. Eine Zeit lang ist er auch in der Schweiz, und einmal schreibt er einen rührenden, empörten Brief an die Queen.

Dieser zornige Brief, erzählt Xiaolu Guo, war die Keimzelle des Buches, zehn Jahre trug sie ihn mit sich herum, ehe sie wusste, wie daraus der Roman entstehen würde. Die Politik trennt die Liebenden auch innerlich. Denn Mu will leben, nicht kämpfen, in China oder wo auch immer, nach den jeweils geltenden Regeln. Die Briefe zeigen die zunehmende Entfernung und Entfremdung der beiden. Fasziniert liest diese unglückliche Korrespondenz die Über­setzerin Iona, deren Leben so sicher, so stabil, so – langweilig ist.

Mit Iona, sagt Xiaolu Guo, will sie westliche Leser «abholen» – indem sie ihnen eine Identifikationsfigur gibt. Sehr pragmatisch ist diese Autorin, anpassungswillig an die westliche Literatur, ihren Betrieb, ihre Koordinaten. Pragmatisch, aber im Wissen, was sie tut: «commercial censorship» nennt sie das, was Verlage von ihr verlangen, und dem sie sich mal beugt, mal nicht. Auf einer Abtreibungsszene in einem früheren Buch bestand sie; dass das politische Manifest des Punkers, das «Ich bin China» beschliesst, von 20 auf 4 Seiten gekürzt wurde, hat sie erlaubt.

«She, a Chinese»

Abenteuerlich muss für Xiaolu Guo der Sprung aus der chinesischen in die westliche Literatur gewesen sein. Da ist der Sprachwechsel, der Verlust der Vieldeutigkeit der chinesischen Schriftzeichen . . . Nein, kein Verlust!, unterbricht sie mich. Englisch sei eine Bereicherung, eine neue Welt in einer neuen Sprache! Und von ihr schwärmt sie nun, von ihrem Reichtum, ihrer Offenheit, dem ständigen Zufluss an Wörtern aus den Kolonien. Und ausserdem, seinerzeit, auf Chinesisch, «habe ich mich an jeder einzelnen Zeile berauscht, an ihrer Schönheit, ihrem Klang . . . ich konnte gar keine Geschichten erzählen.»

Das kann sie jetzt. Mit dem «Kleinen Lexikon für Liebende» machte sie ihr noch unfertiges Englisch zum strukturierenden Element – und das Buch schlug regelrecht ein. In 24 Sprachen ist es inzwischen übersetzt. Die Zeitschrift «Granta» wählte sie 2013 in die massstabsetzende Liste der vielversprechenden Autoren unter 40, und auch als Filmerin gewann sie Lorbeeren, nämlich 2009 den Goldenen Leoparden in ­Locarno für «She, a Chinese».

Ihr eigener Weg aus einem südchinesischen Fischerdorf über die Filmhochschule Peking nach London, als Protagonistin einer globalisierten Künstlerszene: noch viel, viel aufregender als der Wechsel einer Literatursprache. Xiaolu Guo spielt beides gern herunter. «Na und? Joseph Conrad war 17, als er auf Englisch zu schreiben begann, Naipaul 19 – ich war eben schon 30.» Und auf die Suggestion, ob ihr Leben ihr nicht wie ein Märchen vorkomme, will sie erst recht nicht eingehen: «In der heutigen Welt sind solche Lebensläufe gar nicht ungewöhnlich.»

Mehr als eine Kategorie

Hart sind die Übergänge aber wohl doch, zumal, wenn man schweres biografisches Gepäck mit sich trägt. Als kleines Kind wurde sie zu einer fremden Familie gegeben; der Vater sass als «fauler Bourgeois» jahrelang im Gefängnis. Als sie schwer erkrankte, kam sie zu den Grosseltern an die Küste. Der Grossvater war Fischer, die Enkelin half bei der Reisernte. Aber Xiaolu Guo war ehrgeizig, klug und brillant, sie lernte und lernte und schaffte es auf die Pekinger Filmakademie. «Wie einst im kaiserlichen China», lacht sie: «Aufstieg durch Bildung und gute Prüfungsergebnisse.» Sie erhielt sogar einen Drehbuchpreis – aber ihre Filme waren nicht genehm, ebenso wenig wie ihre Bücher. Beides kursiert heute im Lande nur inoffiziell.

Da sie nicht veröffentlichen konnte, musste sie ins Ausland. Da man sie dort nicht verstand, musste sie die Sprache wechseln. So einfach ist das? So soll man es wohl sehen. Auch die Frage nach der Identität wischt sie schnell weg: «Ich bin keine britische Schriftstellerin, ich bin keine chinesische Schriftstellerin, ich bin beides und noch mehr: Jedes Individuum ist mehr als jede Kategorie.»

Ein paar Kategorien dürfen es dennoch sein. Feministin: ganz sicher. Und «Anti-Familie»: So nennt sie es selbst. Zu ihrer Mutter, die sie einst weggab, hat sie nie wieder ein gutes Verhältnis bekommen. Den Krebstod ihres Vaters hat sie auf waghalsige Weise literarisch vorweggenommen: Drei Monate, bevor er starb, schrieb sie die Todesszene von Mus Vater. «Mal dachte ich, man kann so den Tod wegschreiben, mal fühlte ich mich wie eine Verbrecherin. Aber die Literatur hat ihre eigene Moral, und nur die darf zählen für einen Autor.»

Erneut ein Ortswechsel

Inzwischen hat die antifamiliäre Xiaolu Guo eine kleine Tochter, einen Lebensgefährten (einen Philosophiedozenten aus Australien) und in Hackney, Nord-London, eine Art Lebensmittelpunkt. Ob sie das erden wird, sie, die unentwegt Reisende – «ich habe vieles von meinen Büchern im Flugzeug geschrieben»? Sie hofft es und zweifelt doch auch wieder. Vorerst steht ein neuer Ortswechsel an: Im Juni wird sie für fünf Monate nach Zürich übersiedeln, als Writer-in-­Residence des Literaturhauses. Dort will sie an einem autobiografischen Essay schreiben über die drei Gesellschaftsformen, die sie erlebt hat: die bäuerliche Welt, den Kommunismus und nun den kapitalistischen Westen.

Vermisst sie etwas, wenn sie an China denkt? «The Food!» In London muss sie eine Stunde fahren, um zu einem richtigen chinesischen Restaurant zu kommen. Aber natürlich kocht sie auch selbst – und verspricht dem Interviewer eine Hausparty in Zürich mit selbst ­gemachten Dim Sum.

Xiaolu Guo: Ich bin China. Roman. Aus dem Englischen von Anne Rademacher. Knaus, München 2015. 430 S., ca. 28 Fr. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 01.05.2015, 18:35 Uhr

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