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Der Bücherverkauf hats schwer, Bücher-Festivals dagegen boomen. Warum? Auf der Suche nach Antworten an den Solothurner Literaturtagen.

Berühmtester Zuhörer in Solothurn: Peter Bichsel, selbstverständlich in der Beiz Kreuz sitzend. Bild: Sabina Bobst

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Sind unsere literarischen Mägen derart geschrumpft, dass wir keinen mittellangen Roman mehr vertragen? Geht die ganze schöne Literatur zugrunde? Aber bitte, was für garstige Fragen an diesem sonnigen Samstagmorgen in Solothurn!

Erst mal frühstücken. Eine Schale Kaffee und zwei Gipfeli im Kreuz, jener Beiz also, wo Kauen und Denken, Fressen und Hirnen, Esprit und Behaglichkeit so eigentümlich beeinanderhocken, als wärs eine lebendig gewordene Skizze von Dürrenmatt. Hier drin wurden die Solothurner Literaturtage gegründet. Hier drin bechern und spachteln die Autorinnen und Autoren des Festivals – alle zusammen, immer im ersten Stock, immer samstags, immer um 18 Uhr. Und hier drin ist auch das Refugium von Peter Bichsel, der näselnden Eminenz. Noch ist er nicht da, noch ist es zu früh.

Aber Reina Gehrig ist schon da. Gehrig ist seit fünf Jahren Geschäftsführerin, also Chefin der Solothurner Literaturtage. Sie hat eine Lücke in der Agenda, eine halbe Stunde nur – und muss schon vom ersten Ärger des Tages berichten. In der Buchhandlung des Festivals wurde über Nacht eingebrochen. Kasse weg, Laptops weg. Die Bücher dagegen liessen die Langfinger im Regal. Gehrig muss jetzt doch kurz lachen. «Wäre schon lustig gewesen, wenn sie beim Klauen noch ein Buch entdeckt hätten, das ihnen gefällt.» Nie hatte das Festival mehr Besucher als unter der Leitung Gehrigs, letztes Jahr waren es 18 000 – Rekord. Dieses Jahr waren es fast so viele, 17 800.

Festivalleiterin Gehrig.

Ein einfaches Festival war es allerdings nicht für Gehrig. Die Leiterin wurde kritisiert, noch bevor das erste Wasserglas aufs Tischchen gestellt wurde. Die Abwesenheit von Sibylle Berg und Joël Dicker – die Schweizer Autorin und der Schweizer Autor der Stunde – wurde rasch bemerkt und bemängelt, in den gedruckten Medien, in den sozialen Medien. Das habe formale Gründe, wiegelt Gehrig ab. Bergs Buch habe die Programmkommission noch nicht lesen können, als sie das Programm zusammengestellt habe. Und bei Joël Dicker sei schlicht die deutsche Übersetzung neu.

Die Offenheit für Neues

Bücher verkaufen sich heute eher schlecht. In den letzten zehn Jahren ist der Umsatz der Deutschschweizer Buchhändler um ein Viertel geschrumpft. Literaturfestivals dagegen boomen – neue wie etwa das Literaare-Festival in Thun überleben, alte wie Solothurn sind beliebt wie nie. Zu den Gründen befragt, wirkt Reina Gehrig etwas ratlos. Sicher, in Solothurn habe man zuletzt einiges richtig gemacht, das könne man schon sagen. Die Spoken-Word-Anlässe seien sehr beliebt, das hätten Besucherbefragungen gezeigt. Ebenso das literarische Flanieren, bei dem Wortkünstler in Solothurn ihren Gedanken freien Lauf lassen. Dank solcher Formate hätten die Literaturtage, die lange einen elitären Ruf gehabt hätten, einen Imagewandel durchgemacht. «Letztes Jahr gab ein Viertel der Befragten an, zum ersten Mal an den Literaturtagen gewesen zu sein», sagt Gehrig, «was eine fantastische Zahl ist.»

Aber ja, auch ein gesellschaftlicher Trend spiele ihr als Festivalleiterin in die Hände, sagt Gehrig. «Es geht um die Lesung als Event. Die Leute erleben gerne etwas, sind offen für Neues.» Autorinnen und Autoren hätten mittlerweile gemerkt, dass sie etwas bieten müssten auf der Bühne. Aber man wolle niemanden zu etwas drängen, sagt Gehrig noch – dann muss die Chefin weiter. Die Lyriker warten auf ihre Begrüssung.

Andernorts auf dem Festivalgelände finden derweil die ersten Events statt: Parfümkunde mit Tim Krohn in der «Duftbar», später das neue Format «Auf ein Glas Wein mit …», bei dem zwei Schriftstellerinnen oder Schriftsteller eine Flasche köpfen und zu plaudern beginnen.

Der Mangel an Zeit

Nein, zum Lesen von Büchern komme er nicht, sagt Kurt Fluri, seit einem Vierteljahrhundert Stadtpräsident von Solothurn. Es ist knapp vor Mittag, als sich Fluri ins Kreuz setzt. Auch er ist auf dem Sprung. Am Einkaufen sei er, sagt der FDPler, was man ihm nicht unbedingt ansieht: klassische Politiker-Montur mit Hemd und Krawatte. «Das Brot habe ich schon, jetzt fehlt mir noch das Gemüse und der Käse.»

Stadtpräsident Fluri (Bild von 2013).

Welche Bedeutung die Literaturtage für Solothurn hätten? «Aber schauen Sie sich doch um», sagt Fluri und lässt den Zeigefinger über die dicht bevölkerte Strasse schweifen, die zwischen Kreuz und Landhaus liegt, dem wichtigsten Veranstaltungsort des Festivals. Wenn es gerade passe, höre er sich eine Lesung an, sagt Fluri. Von Franz Hohler etwa, oder von Peter Bichsel. Da bekomme er etwas mit von der Literatur, deren grosse Stärke es ja sei, erklärt der Stadtpräsident, den Menschen in seiner ganzen Vielfalt zu zeigen.

Vielleicht ist das Versprechen der geistigen Komprimierung der eigentliche Grund des Lesungs-Booms. Dass dabei einige Finessen der Form flöten gehen, scheint man zu akzeptieren. Und so ein längerer Text wird ja gern etwas zäh, so wie das blutige Pferdesteak im Kreuz. Dann lieber die Lesung, das Podium oder die Performance als literarische Snacks. Es ist mittlerweile 13 Uhr, Peter Bichsel tippt im Stadion des FC Solothurn den Ball an zum Anstoss eines Mätschlis zwischen Schriftsteller-Nati und örtlichen Künstlern. (Pedro Lenz, Fussball-Literat und Oltner, stand übrigens nicht auf dem Rasen, wurde also als Mitglied der Nati nicht in Loyalitätskonflikte verwickelt.)

Das Wirken der Aura

Lukas Hartmann kommt gerade aus dem Landhaus. Er hat ein Zweiergespräch mit Kurzlesung hinter sich. Nur wenige haben öfter in Solothurn gelesen als der Berner Romancier, zum zehnten Mal ist er nun schon hier. Hartmann sagt es ganz direkt: «Die Aufmerksamkeitsspanne hat nachgelassen. Bei vielen beträgt sie heute kaum noch zehn Minuten. Dann verlieren sie die Konzentration.»

Er habe das Glück, sich über die Jahre eine treue Leserschaft erschrieben zu haben. «Die wollen keinen Schnickschnack und kein Spektakel von mir.» So könne er es sich erlauben, gewisse Dinge nicht mitzumachen, und sei nicht auf jede Lesung angewiesen. Am eindrücklichsten seien für ihn auf den Solothurner Bühnen ohnehin stets jene gewesen, die ihre Aura hätten wirken lassen. Der näselnde Bichsel, der stockende Otto F. Walter, die ungestüme Mariella Mehr.

Schriftsteller Hartmann im Kreuz.

Etwas Positives gewinnt Hartmann der neuen Ungeduld im Publikum doch noch ab: «Dampfplauderer haben heute keine Chance mehr.» Lukas Hartmann erinnert an den Reiseliteraten René Gardi, der jeweils zu seinen Dias zwei Stunden ohne Punkt und Komma doziert habe. «Es war grausam. Da musste ich immer irgendwann vorzeitig raus. Oder ich bin eingeschlafen.» Ansonsten klingt der 74-Jährige wie einer, der froh ist, nicht zu den jungen Schreibern zu gehören und sich als Neuling im Aufmerksamkeitsmarkt behaupten zu müssen.

Aber vielleicht ist das ja zu düster gedacht. Womöglich kommt schneller als vermutet die nächste dialektische Kehre der Literaturlesung, eine Art Slow Literature. Wenn ein Slavoj Zizek mit seinem minutenlangen Assoziations-Gezupfe Zehntausende von Youtube-Klicks sammelt, müsste eigentlich was drinliegen für die Epiker dieser Tage und für Texte, die ausufern.

Das Glück der Möglichkeiten

Samstagabend, und nicht alles ist im Fluss: Peter Bichsel wurde gesichtet, in der Beiz sitzend. Schliesslich die «Fussballlesungen», das Solothurner Gegenprogramm zum Champions-League-Final. Knallige Texte, auf die Pointe getrimmt.

Der Basler Schriftsteller Patrick Tschan erzählt von einem mirakulösen Toggenburger Reisläufer, der sich streckt und lang macht und eine Kanonenkugel im Flug wegfaustet, als ein Goalie vor der Erfindung des Fussballs. Dazu der erste Schluck Bier, der seine Runde in der Blutbahn dreht – sowieso kommt da Freude auf.

Und vielleicht kommt dieses gute Gefühl ja auch ein kleines bisschen von der Vermutung her, dass die oben auf den Bühnen Solothurns ein paar Bücher geschrieben haben, die einem mit ziemlicher Sicherheit Spass machen, wenn man sie dereinst gekauft haben wird.

Erstellt: 03.06.2019, 06:47 Uhr

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