Interview

«Oft gibt es keine tieferen Gründe für Seitensprünge»

Der deutsche Philosoph Franz Josef Wetz schrieb ein «Lob der Untreue». Den Glauben an sexuelle Befriedigung auf Dauer mit nur einer Person hält er für wissentliche Selbsttäuschung.

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Herr Wetz, wann waren Sie das letzte Mal untreu?
Dies ist ein Betriebsgeheimnis, nicht für die Öffentlichkeit bestimmt. Aber das Menschlich-Allzumenschliche ist mir sehr vertraut.

Und, ernteten Sie dafür Lob?
Weder Lob noch Tadel, weil ich damit eher diskret umgehe.

Immerhin dürften Sie sich ob der Leistung selber auf die Schulter geklopft haben, denn Sie haben eben das Buch «Lob der Untreue» veröffentlicht.
Eine solche falsche Vermutung legt der provokante Buchtitel nahe, zugegeben, aber im Buch geht es ja eher darum, den Fremdgänger moralisch zu entlasten.

Wie kamen Sie auf die Buchidee?
Ausgangspunkt des Buches war die Feststellung, dass trotz der erfolgreichen sexuellen Befreiung das Liebesleben vielen Menschen nicht die ersehnte Befriedigung gibt, ja nicht einmal dauerhaft geben kann. Woran liegt das? Hängt das nur von uns ab? Gibt es hierfür natürliche Ursachen? Wie können wir damit umgehen?

Sie nennen das Buch im Untertitel «Eine Unverschämtheit». Geben Sie es zu: Sie wollten bloss ein bisschen provozieren und führen eigentlich eine normale monogame Beziehung.
Provozieren möchte ich schon, aber nicht um der Provokation willen, sondern um ein Problem offen darzulegen, dieses zu ergründen und vielleicht auch, um ein paar Auswege daraus aufzuzeigen. Und zum zweiten Teil ihrer Frage: Ich führe eine diskret offene Beziehung, überzeugt davon, dass man grössere Achtung voreinander beweist, wenn man sich gegenseitig Geheimnisse zugesteht, als wenn man auf unverbrüchliche Treue besteht.

Treue bezeichnen Sie als einen Mangel an Gelegenheiten. Ist das nicht ein bisschen zu kurz gegriffen?
Das trifft natürlich nicht auf frisch Verliebte zu. Aber irgendwann werden aus den Schmetterlingen im Bauch wieder langsam kriechende Raupen; Traumprinzessinnen und Märchenprinzen verwandeln sich zurück in gewöhnliche Frösche. Früher oder später liegt in den Umarmungen und Küssen der Lebensgefährten ein Sehnen nach grösserer Lust. Statt beim langjährigen Partner werden dann Sex und Liebe an anderen Stellen gesucht – im harmlosesten Fall in Romanen und Filmen; andere verlassen sich auf ihre Hände. Eine Partnerschaft strotzt förmlich vor Verschwiegenem.

Ist das immer so?
Man muss nur lange genug an der Oberfläche selbst einer geglückten Ehe kratzen, um auf den Traum einer knisternden Liebelei zu stossen. Wie viele halten ihren Partner fest in den Armen und denken an neue Liebschaften oder fühlen sich ertappt bei dem Wunsch, der häuslichen Enge zu entfliehen?

Ist unsere Gesellschaft verlogen?
Freilich misst die überwiegende Mehrheit der Treue offiziell einen hohen Stellenwert zu. Aber wie wir uns für mutig halten, bis wir einem gewaltbereiten Schläger gegenüberstehen, so halten wir uns womöglich nur so lange für treu, bis wir von einer reizvollen Person eindeutige Avancen gemacht bekommen mit der Garantie, alles im Verborgenen zu belassen.

Ist Treulosigkeit aber nicht bloss der Unwille, Energie für den Erhalt einer Beziehung aufzuwenden und stattdessen in eine neue Beziehung zu flüchten?
Nein, wobei natürlich eine Beziehung auch ohne romantische Verliebtheit und sexuellen Rausch schön sein kann, wenn man mit dem Partner gemeinsame Rituale pflegt. Bei der nötigen Achtung voreinander können auch Gefühle zärtlicher Geborgenheit erhalten bleiben, die einen befähigen, sich wie Strebepfeiler im Leben gegenseitig zu stützen. Hierauf geht das Buch ja gleichfalls ein – wie auch auf die Frage, was Liebe denn überhaupt ist. Sexuelle Untreue schliesst Herzenstreue keineswegs aus. Aber es ist eine wissentliche Selbsttäuschung zu glauben, man könne sein Leben lang seine sexuellen Bedürfnisse mit einer Person befriedigen.

Ausser man geht zum Paartherapeuten, der neuen Schwung in die Beziehung bringt.
Paartherapeuten treten manchmal mit dem Anspruch auf, erklären zu können, wie sexuelle Leidenschaft in einer Langzeitbeziehung wiederkehren könne. Hierbei überschätzen sie gerne die Macht ihrer Empfehlungen. Oftmals gibt es gar keine tieferen Gründe für den Lustverlust und den Beginn der Seitensprünge. Sie sind häufig nicht Anzeichen einer vermeidbaren oder korrigierbaren Fehlentwicklung, sondern haben gewissermassen natürliche Ursachen.

Apropos natürlich: Ihr Buch ist zutiefst männlich, liegt das Fremdgehen biologisch gesehen doch hauptsächlich in der männlichen Natur: Das Männchen verteilt seinen Samen auf möglichst viele Weibchen, während das Weibchen auf den Wettbewerb unter den Männchen setzt.
Das Buch hat ja ein Mann geschrieben, so wird es Aspekte enthalten, die man möglicherweise als typisch männlich entlarven wird, auch wenn es so gar nicht beabsichtigt war. Ansonsten geben Sie die Ergebnisse der modernen Biologie wieder, die ich nicht infrage stelle. Dennoch sieht die kulturelle Praxis im Zeitalter der Emanzipation etwas anders aus. Schon die neuere Literaturgeschichte ist voll mit Frauenfiguren, die fremdgehen. Im Gegensatz zu Männern, die sich gerne untereinander als draufgängerische Casanovas feiern, sind Frauen in diesen Fragen eher stille Geniesser. Jedenfalls ist auch in diesem Punkt eine zunehmende Gleichstellung von Mann und Frau in den letzten Jahren zu beobachten.

Sehen Sie Ihr Buch als Anleitung zur Untreue?
Nein, vielmehr ein Buch zur Entdramatisierung der Untreue. Flüchtigen One-Night-Stands oder vorübergehenden Affären sollte nicht so viel Bedeutung beigemessen werden. Darum sollte man wirklich gut überlegen, wie weit man seinen Partner hierüber informieren möchte. Wenn natürlich fortdauernde Disharmonie und anhaltende leidenschaftliche Liebesgefühle für eine dritte Person bestehen, dann besteht Handlungsbedarf.

Sonst nicht?
Ansonsten ist es falsch, seinen langjährigen Partner zu verlassen oder aufzuklären, statt ihn heimlich zu betrügen. Wie viele unnütze Schmerzen werden wegen Eifersucht erlitten, wie viele müssige Wortgefechte beruhen auf ihr? Immer wieder führt sie zu heftigen Streitereien und überstürzten Trennungen. Bedauerlicherweise unterstützen Sitte und Gesetzgebung bis heute diese fragwürdige biologische Neigung. Wenn dann doch alles herauskommt, sollten sich beide auf alle Fälle nicht von den Worten berauschen lassen, die der erste Augenblick des Schmerzes und der Hilflosigkeit eingibt.

Welche Wirkung erhoffen Sie sich bei den Lesern?
Ich rechne mit einigem Einspruch, aber auch mit Zustimmung. Schön wäre es, wenn es eine offenere Auseinandersetzung mit diesem delikaten Thema anstossen könnte – ein Thema, in dem es ja sowieso um ein offenes Geheimnis geht, über das hinter vorgehaltener Hand viel gesprochen und das in zahllosen Spielfilmen, Romanen, auch Boulevard-Zeitschriften gerne ausgebreitet wird.

Erstellt: 13.10.2011, 11:12 Uhr

Franz Josef Wetz (58) ist ein deutscher Philosoph. Er lehrt Philosophie und Ethik in Schwäbisch Gmünd. Seine Hauptarbeitsgebiete sind Kulturphilosophie und Ethik mit der Frage, welche Konsequenzen die Erkenntnisse der modernen Naturwissenschaften für das menschliche Selbst- und Weltverständnis haben – in existenzieller, weltanschaulicher, gesellschaftlicher, ethischer und juristischer Hinsicht.

Franz Josef Wetz: «Lob der Untreue», Diederichs-Verlag, ISBN: 3-424-35061-3.

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