Buchmesse-Blog

«Ou, Schoisse!»

Schriftsteller Thomas Meyer bloggte für Tagesanzeiger.ch/Newsnet von der Buchmesse Leipzig. Im letzten Beitrag geht es um ein merkwürdiges Treffen im Taxi – und Euphorie, die ins Blut schiesst.

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Nach drei Tagen Buchmesse bin ich auf den Geschmack gekommen. Die Kombination aus Lesungen, dem Gespräch mit Lesern und Autoren sowie der grundsätzlichen Tatsache, von zigtausenden von Büchern umgeben zu sein; jenem Gegenstand, den ich für die wesentlichste zivilisatorische Errungenschaft halte, erzeugt in mir ein Gefühl tiefster Zufriedenheit.

Doch leider ist der Messesonntag, der vierte Messetag, auch schon der letzte. Er wird mir allerdings dadurch versüsst, dass mich derselbe Taxifahrer vom Hotel abholt.

Ich freue mich: »Sie haben mich gestern schon gefahren!«

Er schaut mich an und sagt: «Ou, Schoisse!»

Ich: «Wieso, war ich ein unangenehmer Fahrgast?» (Ich frage mich, was ich getan haben könnte – ich, beziehungsweise der Milchzucker.)

Er: «Noin, noin! Blouss, woil isch misch nisch erinner!»

Ich: «Nun, mir ist es auch lieber, Sie schauen auf die Strasse als in den Fond.»

Am Messestand lerne ich die reizende Ingrid Noll kennen. Wie es ihr gehe, frage ich. «Wie's einem dann halt so geht», sagt sie gutgelaunt.

Wir signieren gegenseitig unsere Bücher. «Für Thomas, meinen neuen Kollegen! Alles Gute & Liebe von der alten Ingrid», schreibt sie in ihren Roman «Hab und Gier». Ich finde sie grossartig.

Sie will wissen, wie ich Schriftsteller geworden sei. Sie, die grosse Schriftstellerin, fragt mich das. Ich antworte, ich sei immer noch zurückhaltend im Gebrauch dieses Wortes. Das sei ihr auch so gegangen, erzählt Frau Noll, sie habe sich lange Autorin genannt. Aber jetzt – sie legt liebevoll ihre Finger auf mein Buch – jetzt seien wir Schriftsteller.

Diesermassen von höchster Stelle geadelt, blicke ich voller Euphorie auf die Leipziger Buchmesse zurück und bedanke mich beim Diogenes Verlag, der sich so engagiert um mein Taschenbuch kümmert, sowie beim Salis Verlag, der vor zwei Jahren hier in Leipzig mit der gebundenen Ausgabe von «Wolkenbruch» den Grundstein gelegt hat für all diese Freude.

Mein Verleger André Gstettenhofer würde jetzt sagen: «Nein, du hast den Grundstein ge–», und ich würde ihn unterbrechen: «Nein, du hast den Grundstei geleg–», und er würde mich unterbrechen: «Nein, du», and we would agree to agree.

Erstellt: 17.03.2014, 09:26 Uhr

Meyers Buchmesse-Tagebuch

Der Schweizer Schriftsteller Thomas Meyer (40) schildert die Leipziger Buchmesse für Tagesanzeiger.ch/Newsnet aus Autorenperspektive. Meyer lebt und arbeitet in Zürich. Nach seinem Erfolgsroman «Wolkenbruchs wunderliche Reise in die Arme einer Schickse» schreibt er an seinem zweiten Roman, der im Sommer erscheint.

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