Phantomschmerz in den Bergen

Auf der Flucht vor dem Trauma in den Schweizer Kurort: Ein Roman von Robert Edric versammelt Kriegsversehrte in gesunder Höhenluft.

Robert Edric enthüllt die Narben und offenen Wunden der Kriegsversehrten subtil, behutsam und langsam – und strapaziert damit leider auch die Geduld der Leser. Foto: PD

Robert Edric enthüllt die Narben und offenen Wunden der Kriegsversehrten subtil, behutsam und langsam – und strapaziert damit leider auch die Geduld der Leser. Foto: PD

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Während in der zeitgenössischen deutschsprachigen Literatur der Erste Weltkrieg kaum noch ein Thema ist, beschäftigen sich angelsächsische Autoren wie Pat Barker oder Sebastian Barry immer noch und immer wieder hingebungsvoll mit dem «Grossen Krieg» und seinen Folgen. Robert Edric (ein Pseudonym von Gary Edric Armitage) nähert sich in seinem 1997 erschienenen, jetzt übersetzten Roman «In Desolate Heavens» den Schrecken dieses Kriegs auf einem Umweg über die Schweiz an.

1919 wird in einem Kurort eine Gruppe von Rekonvaleszenten – Männer und Frauen, deutsche Kurgäste und englische Soldaten, Opfer und Täter, Kranke und Pfleger – mit den physischen und psychischen Spätfolgen des Weltkriegs konfrontiert: mit Verletzungen, aber auch mit Phantomschmerzen und «hysterischer Blindheit», mit amputierten Gliedern und zerstörten Gesichtern, versteckt hinter Masken, Prothesen und kultivierten Umgangsformen. Hinter den Gästen liegt das Grauen, vor ihnen die Ungewissheit – einer spricht sogar schon von einer «Zwischenkriegszeit». Die Rückkehr in das «sichere kleine Leben zu Hause» ist sowieso verbaut.

Mary, die junge Witwe, kommt über den Tod ihres Mannes Robert nicht hinweg und hungert sich systematisch zu Tode. Roberts Schwester Elizabeth versucht ohne Erfolg, ihre Schwägerin zu retten. Immerhin gelingt der unkonventionell-freigeistigen Engländerin so etwas wie ein Neuanfang.

Keine Rede von Liebe

Jameson, angeblich Antiquar, handelt mit pornografischen Bildern: ein zwielichtiger, unnahbarer Mann, unter ­dessen Lügen und Zynismen sich ein melancholischer Offizier und Gentleman verbirgt. Er jammert nicht und sucht die Schuld nicht bei anderen, sondern tut ohne viel Worte, was ein Mann von Pflicht und Ehre tun kann: Jameson kümmert sich um Hunter, seinen schwer traumatisierten Freund, dem ein Prozess vor dem Kriegsgericht droht.

Jameson ist das Gravitationszentrum des Romans. Er kennt sie alle: die barmherzige, lebenserfahrene Nonne Mar­gret, die junge Krankenschwester Ruth, die Ärzte, den Erotika-Fotografen Emil und seine Modelle, selbst die Zigeuner draussen vor der Stadt, die ihn als Wohltäter verehren. Allerdings: Der Hotel­direktor, Kurgäste wie die deutsche Spiesserfamilie Gottlieb oder auch der schneidige Captain Cox sind nicht gut zu sprechen auf den merkwürdigen Engländer, aber Elizabeth fühlt sich zu ihm hingezogen, auch wenn er sie immer wieder kalt zurückstösst. Von Liebe ist nie die Rede; aber ausgerechnet im Hinterzimmer von Emils Fotostudio verbringt sie eine Nacht mit Jameson.

Es passiert wenig in Edrics Roman. Lange, ernste Gespräche über Schuld und Sühne im «Zeitalter der Ausflüchte und der Plattitüden» wechseln sich ab mit langen Gängen durch Klöster- und Klinikflure, labyrinthische Altstadtgassen und über Gletscherfelder. Die endlose Prozession der Krüppel in ihren Rollstühlen wird hin und wieder unterbrochen von kleineren Zwischenfällen – Blutstürze, Anfälle, Suizidversuche, erotische Spannungen. Am Ende löst sich der scheinbar so geordnete Kur- und Krankenbetrieb in einem Chaos von Auf- und Abbrüchen auf.

Der Schauplatz des Geschehens, ein spätherbstlicher, trüber Kurort in den Bergen, ist so traurig und düster wie die Herzen und Seelen der Invaliden: Keiner vermag aus seiner Haut zu schlüpfen, keiner findet die richtigen Worte, nicht einmal Elizabeth, die sich noch am ehesten von den finsteren Schatten der Vergangenheit befreit.

Edric enthüllt die Narben und offenen Wunden der Kriegsversehrten subtil, behutsam und langsam – und strapaziert damit leider auch die Geduld der Leser. Der Geruch des Todes ist mit Händen zu greifen, aber die Gefühle und ­Geheimnisse der Figuren bleiben undurchschaubar. Alles Wichtige bleibt ­unausgesprochen, wird verschwiegen, verdrängt und verschüttet unter Eislawinen, Nebeln und bedeutungsvollem Small Talk. «In finsteren Himmeln» ist kein Zwischenkriegs-«Zauberberg», sondern eine Trauerhölle im Kammerspielformat. Edric erzählt so spröde und unterkühlt, dass man mit seinem Roman nie so recht warm wird.

Robert Edric: In finsteren Himmeln. Roman. Aus dem Englischen von Friedhelm Rathjen. Steidl, Göttingen 2014. 461 S., ca. 35 Fr.

Erstellt: 21.01.2015, 07:37 Uhr

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