Plötzlich war das Meer nur noch Wasser

Sibylle Berg erinnert sich an ihre herrlichen und ihre schrecklichen Trips rund um die Welt. Vor lauter schlechtem Gewissen über ihre Privilegierung bekommt sie schlechte Laune.

Für manche ein Gefängnis auf hoher See: Die Reise mit einem Kreuzfahrtschiff ist Geschmackssache. Foto: Kiyoshi Ota (Bloomberg)

Für manche ein Gefängnis auf hoher See: Die Reise mit einem Kreuzfahrtschiff ist Geschmackssache. Foto: Kiyoshi Ota (Bloomberg)

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Sibylle Berg ist offensichtlich ein ängstlicher Mensch; jedenfalls spielt die Angst eine ziemliche Rolle in ihren Reise­berichten. Aber Neugier und Erlebnishunger sind grösser. Und so gerät sie gelegentlich in heikle Situationen: vor der Küste Myanmars, als Rebellen ihr Schlauchboot aufbringen. In einem Dorf in Mazedonien, wo sie bedroht und als «Nato-Hure» beschimpft wird. In einem brasilianischen Goldgräberlager, wo ein Killer fast durchdreht. Berg hat in den genannten Situationen jeweils einen Fotografen dabei; sie ist als Reporterin im Auftrag des einen oder anderen Magazins unterwegs, aber professionelle Mission und männliche Begleitung sind im Ernstfall kein hinreichender Schutz. Immerhin ein Privileg: Man muss sich nicht nur trauen, man muss auch die Mittel haben, an diese Orte zu gelangen.

Privilegien – die kennzeichnen die Existenz des Mittelschicht-Europäers überhaupt, und dessen ist sich die Autorin sehr bewusst. Es ist ein Privileg, überhaupt reisen zu können, ein Luxus, seinen Erlebnishunger zu kultivieren und nicht alle Kraft fürs blosse Über­leben aufwenden zu müssen.

Was macht der Durchschnittsreisende aus diesem Privileg? Sibylle Berg beobachtet: ein Überschuss an Ressourcen, ein Defizit an Sinn. Krass deutlich wird ihr das auf einem Kreuzfahrtschiff, das 4000 Menschen fasst, die während eines viertägigen Trips alles ausnutzen wollen, was das schwimmende Vergnügungscenter zu bieten hat. Wobei die innere Erlebnisfähigkeit mit dem Angebot niemals Schritt halten kann. Die Autorin selbst hasst den Luxuskreuzer, empfindet ihn als Gefängnis und zählt – was etwas pflichtenhefthaft wirkt – auf, welche ökologischen Schäden die Riesenschiffe anrichten.

Mitleid und Aggression

Mitnichten hasst sie aber die armen Vergnügungsreisenden, nein, «für einen Moment bin ich überwältigt von meiner Liebe zu der Spezies, der ich angehöre». Denn die leben in nicht selbstbestimmten Verhältnissen, «und jetzt wollen sie Spass». Dort, «wo sie endlich mal etwas zu sagen haben, wo sie ordern können, konsumieren, ohne dass der Chef sie bedroht, ohne die Angst, vom Arbeitsmarkt nicht gebraucht zu werden».

Eine Ladung Mitleid aus der Aggressionskanone ist das, gespeist von der Erkenntnis, das alles vergeblich ist. Die Auszeit auf dem Schiff ändert nichts an der von Angst und Druck bestimmten Arbeitswelt; sie kann das Schlechte nicht mal kurzzeitig kompensieren, wenn man nicht weiss, wie man richtig geniesst. Es gibt kein richtiges Leben im falschen, lautet da der passende Spruch eines lange toten Philosophen, den Berg natürlich nicht zitiert, weil sie es weniger dialektisch liebt, nämlich mit Sätzen wie «Die Welt ist scheisse». Schuld ist immer und überall «der Kapitalismus».

Nun liest man Sibylle Berg nicht, um subtile Analysen der Weltverhältnisse zu erhalten, sondern wegen ihres Sounds, dieses sensibel-rotzigen Stils, dieser Art, die Dinge an ihre sehr dünne Haut herankommen zu lassen und mit voller sprachlicher Wucht draufzuschlagen. Wer das liebt, kommt auch in diesen Reisestücken auf seine Kosten; es «verhebt», in der Sprache ihrer Wahlheimat, meist auch in diesem Genre. Berg war in Thailand und im Wallis, in Los Angeles und Indien, Südafrika und Israel.

Etliche der 19 Stücke sind in den letzten Jahren in diversen Zeitschriften erschienen, etwa im Magazin «Reportagen», das Postskriptum zum Israel-Text, worin sie erzählt, wie ganz in ihrer Nähe ein Attentat verübt wurde; auch vor einigen Monaten im «Tages-Anzeiger». Der Hanser-Verlag hat auf Nachweise verzichtet (leider auch auf ein sorgfältiges Lektorat, das muss gesagt werden, allzu viele Namen sind falsch), wohl weil die Autorin jedem Text ein oder mehrere P. S. angefügt hat. Diese Nachschriften sind Gefahrenindikatoren, weisen darauf hin, was einem heute am beschriebenen Reiseziel passieren kann: Terror und Erdbeben, Überfälle oder Lawinen.

Das Buch mit dem ironischen Titel «Wunderbare Jahre» hat nämlich ein Konzept und eine These: Heute, meint die Autorin, kann man das, was sie seinerzeit – von Mitte der Neunzigerjahre bis vor kurzem – unternommen hat, nicht mehr riskieren. Zu gefährlich!

Elend im Orientexpress

Dieses Konzept hält leider nicht stand, weil die These einfach nicht stimmt. Weder war das Reisen damals ganz ungefährlich (Bergs Erlebnisse in Burma, ­Mazedonien, Brasilien bezeugen das ja), noch ist es heute schier unmöglich. Lässt man aber die Zwängerei des Konzepts hinter sich, stösst man immer wieder auf frappierende Beobachtungen und glückliche Formulierungen; findet immer wieder den Widerstreit zwischen dem Befund, dass die Welt als Ganzes «scheisse» ist, das eigene Leben aber, weil privilegiert, gar nicht so schlecht. Schon der bezahlten Reisen wegen.

Daraus ergibt sich ein subkutanes schlechtes Gewissen, das die Autorin, erwartungsgemäss, in schlechte Laune umsetzt. Auch die führt zu hübschen Invektiven, manchmal aber auch, weil sie stilistisch noch einen draufsetzen will, zu reiner Peinlichkeit. So wird die Fahrt im luxuriösen Orientexpress quer durch Thailand als «unvorstellbares Elend» bezeichnet, wegen der blasierten Mit­fahrer, nachdem sie doch zuvor wirkliches Elend in einem Flüchtlingslager ­beschrieben hat.

Bei anderen Trips fragt man sich auch bloss, wieso das sein musste. Gut, der Auftrag, die Bayreuther Festspiele zu besuchen, war eine bizarre Idee der «Zeit»-Redaktion – Berg fehlt Kompetenz für und Interesse an Wagners Musik. Auch von den Royals hält sie nichts, wieso also die Hochzeit von William und Kate featuren?

Aber beim Lesen dieser Reisereportagen geht es dem Rezensenten unmerklich so wie der Autorin mit den Kreuzfahrern: Er begreift den tieferen Grund für die Enttäuschung. Endgültig lüftet sich das Geheimnis im zweiten Italien-Stück. Da registriert Berg erschreckt, wie die Begeisterung ihrer Jugendeindrücke dahin ist, der Zauber nicht mehr wirkt, auch in der allerschönsten Landschaft: «Die Schönheit macht nichts mehr mit mir, das Meer ist nur Wasser.» Es sind nicht die Dinge, die sich ändern, es ist die eigene Erfahrungssattheit. «Wie sich das Leben abnutzt»: Das ist die eigentliche, persönliche, melancholische Erkenntnis der Autorin. Das Band, das diese Texte zusammenhält.

Gesprengt werden sie von einem alten Text, den Berg nach langen Jahren wiederfand und hier wieder abdruckt. Er heisst «Mein Leben als Hund» und erzählt, vollkommen sachlich und und fast unerträglich in seiner grausamen Tatsächlichkeit, das Leben – nein, das Existieren eines Mädchens aus Bangladesh. Parul wird mit 13 verheiratet, wohnt mit ihrem Mann auf der Müllkippe, dann in einem besseren Slum, zerkleinert Tag für Tag Ziegelsteine, bekommt Kind um Kind, wird Tag für Tag verprügelt, schliesslich verstossen. Dass «das Leben ein ungerechter Scheissdreck ist», müsste in dem brillant ungekünstelten Stück gar nicht mehr gesagt werden.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 29.09.2016, 18:44 Uhr

Sibylle Berg

Wunderbare Jahre. Als wir noch die Welt bereisten. Mit Bildern von Isabel Kreitz.
Hanser, München 2016.
190 S., ca. 24 Fr.

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