«Putin weiss, dass er sich Stalinismus nicht leisten kann»

Helmut Altrichter hat eine «Geschichte der Sowjetunion» veröffentlicht. Im Interview sagt der Historiker, wie sowjetisch der russische Präsident noch ist.

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Welche sowjetischen Traditionen haben sich in der Politik Wladimir Putins erhalten?
Putins Geschichtsbild ist geprägt vom Sowjetpatriotismus, er hat sich immer als Diener des Staates verstanden – nicht unbedingt des Sozialismus, aber des russischen Staates. Und er hatte ja nie Schwierigkeiten mit der UdSSR, wie sein Jurastudium und seine Arbeit im KGB zeigen.

Putin studierte in den 1980ern, als die sterbenskranken Greise Breschnew, Andropow und Tschernenko die UdSSR regierten. Kamen da einem ehrgeizigen jungen Mann keine Zweifel?
Kaum. Die wirtschaftliche Lage war noch deutlich besser als 1989, die Schwäche der Führungsriege wurde damals als Zwischentief eingeschätzt. In Gorbatschow, der im März 1985 die Macht übernahm, setzte man grosse Hoffnungen. Man hoffte wohlgemerkt auf Reformen, nicht auf Umsturz. Der Sowjetpatriotismus war ungebrochen – die Vorstellung, dass man eine grosse Idee und seine eigene Welt gegen einen mächtigen Feind verteidigen müsse, der einem seine fremden, kapitalistischen Vorstellungen aufzuzwingen suchte. Putin hat sich bis heute seinen unbedingten Glauben an den starken, die Normen setzenden, die Traditionen wahrenden und über die Medien verfügenden Staat bewahrt – trotz, ja gerade wegen der traumatischen Erfahrungen der chaotischen 1990er-Jahre, die Putin als Staatsdiener im damaligen Leningrad sehr nah mitverfolgt hat.

Inwiefern war dieses Chaos, ohne das Putins Aufstieg undenkbar ist, vom Westen verschuldet?
Boris Jelzin hatte ja keine Rezepte, er übernahm sie eins zu eins vom Westen. Letzterer glaubte fälschlicherweise, seine Rezepte seien global anwendbar – man denke an Francis Fukuyamas Buch «Das Ende der Geschichte» von 1992. Jelzins kapitalistische Schocktherapie ging dann auf brutale Weise schief. Ein Drittel der Russen rutschte in die Armut ab. Wenn westliche Beobachter heute vom Liberalismus der damaligen Zeit, einem erstmals freien Russland schwärmen, dann verkennen sie die schreckliche Lage, in der Putin das Land übernommen hat. Die Liberalen bildeten unmittelbar nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion einen wichtigen politischen Block. Heute sind die Begriffe «Liberale» und «Demokraten» in Russland eher Schimpfwörter.

Ist Putin ein rückwärtsgewandter Politiker? Ist Sowjetrussland sein wichtigster Orientierungspunkt?
Putin hat den Untergang der UdSSR als «grösste geopolitische Katastrophe des 20. Jahrhunderts» bezeichnet. Er trauert dem Imperium nach, so wie es wohl die meisten Russen tun. Putin pflegt das sowjetische Erbe denn auch intensiv: Er gab den Streitkräften die rote Fahne zurück, lässt die Hymne der UdSSR wieder spielen, wenn auch mit neuem Text. Zugleich setzt er seinen Staat aber auch mit dem monarchischen, orthodoxen Russland in Beziehung, das Staatswappen zeigt den zarischen Doppeladler, mit dem Heiligen Georg, dem Drachentöter, auf dem roten Brustschild.

Was ist der Zweck dieser eigentlich unmöglichen Verbindung?
Es geht Putin dabei um «Identitätsstiftung» im Innern und um Absetzung nach aussen, auch gegenüber dem Westen, die klare Botschaft: «Wir Russen gehen – zwischen Europa und Asien – unseren eigenen Weg.»

War die Annexion der Krim eine ins Militärisch-Strategische monumentalisierte KGB-Aktion?
Das kann man so sehen. Putin erkannte eine Schwäche und griff gezielt und kräftig zu. Diese gegen das Völkerrecht verstossende Aktion war für ihn und seinen Geheimdienst wohl ein Leichtes, kaum mehr als eine Routineübung. Die innenpolitische Wirkung dieser Annexion ist kaum zu überschätzen. Putin gelang die Profilierung als Politiker, der die Traumata des sowjetischen Zerfalls überwinden kann, dem die Wiederherstellung «alter Stärke» gelingen könnte. Indem er die neue Regierung in Kiew als faschistisch bezeichnet, aktiviert er überdies ein sehr mächtiges, medial geschickt inszeniertes Narrativ – dasjenige vom antifaschistischen Überlebenskampf.

Könnte sich Putins Russland künftig auch andernorts wieder vermehrt an der Sowjetunion orientieren?
Putin weiss, dass er sich Stalinismus nicht leisten kann, nicht einmal den Anschein davon. Durchaus weit verbreitet ist aber in der intellektuellen Elite der Wunsch, dass das Kollektiv, das Gemeinschaftsgefühl wieder gestärkt werden soll. Die wirtschaftliche Elite Russlands hingegen sieht das ein wenig anders. (lacht) Einig ist man sich wohl dagegen in der Ansicht, dass Russland danach streben sollte, die geopolitische Bedeutung wiederzuerlangen, die das Land zur Zeit der UdSSR hatte.

(Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

Erstellt: 28.05.2014, 17:34 Uhr

Helmut Altrichter (*1945) ist Professor für Osteuropäische Geschichte an der Universität Erlangen. (Bild: zVg)

Helmut Altrichter: Kleine Geschichte der Sowjetunion 1917–1991. 271 Seiten, 25.90 Franken. München 2014.

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