Putze - Mein Leben im Dreck

Die französische Journalistin Florence Aubenas hat die Grande Nation als Putzfrau von unten erlebt. Ihr Buch über diese Erfahrung ist zu einem Bestseller geworden.

Erinnerungen an eine Geiselhaft: Florence Aubenas nach ihrer Freilassung im Jahr 2005.

Erinnerungen an eine Geiselhaft: Florence Aubenas nach ihrer Freilassung im Jahr 2005. Bild: Keystone

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Ganz Frankreich feierte sie als Heldin, als die Journalistin Florence Aubenas nach 157 Tagen irakischer Geiselhaft nach Paris zurückkehrte. Das war vor fünf Jahren. Jetzt macht die 49-Jährige Schlagzeilen mit ihrem Buch «Putze. Mein Leben im Dreck», das nun in deutscher Übersetzung in den Buchhandlungen ausliegt.

Es ist eine lange Reportage, ein Erfahrungsbericht à la Günter Wallraff: Florence Aubenas meldete sich Anfang letzten Jahres in der normannischen Stadt Caen als arbeitssuchend. Pikanterweise tat sie dies unter ihrem richtigen Namen, allerdings mit gefärbten Haaren, mit Brille und mit nichts als einem Maturzeugnis als Qualifikation.

Sechs Wochen später fand sie einen Job als Putzfrau auf einer Fähre, stundenweise und zu einem miesen Entgeld. Sie suchte nach Zusatzjobs und jagte alsdann von morgens früh bis abends spät von Hungerjob zu Hungerjob.

Nur ein Teil des Staubsaugers

Auf der Fähre hatte sie maximal drei Minuten Zeit pro Kabine zum Schrubben; sie putzte Toiletten, Böden und Duschen im Akkord und auf engstem Raum. In einer anderen Anstellung musste sie sich auf einem Campingplatz von den Vorgesetzten erniedrigen lassen und kam nicht umhin, sich mit den Schicksalen diverser Leidensgenossinnen auseinanderzusetzen.

Die Kurzporträts über ihre Arbeitskolleginnen färben Florence Aubenas’ authentischen Bericht noch bunter. Da lernen wir zum Beispiel die junge Frau kennen, die trotz Zahnschmerzen nicht zum Arzt geht, weil sie warten will, bis ihre Zähne verfault sind und sie sich alle auf einmal im Krankenhaus unter Vollnarkose ziehen lassen kann.

Besonders eindrücklich schildert Florence Aubenas als Undercover-Putzfrau die Erfahrung, ein Nichts zu sein, unsichtbar. So unsichtbar, dass sich der Büroangestellte hemmungslos auf seine Kollegin stürzt, während die Protagonistin wenige Meter daneben putzt. «Ich bemühte mich, noch mehr Lärm zu machen, damit sie mich bemerkten, stiess gegen Möbel und liess Papierkörbe scheppern. Doch sie hörten mich nicht, sahen mich nicht. Ich war für sie nicht mehr als eine Verlängerung des Staubsaugers, ein Ding, das Kittel und Gummihandschuhe trug.»

Sozialreportage sexy gemacht

Florence Aubenas hat in ihrer Karriere als Reporterin unter anderem aus dem Krieg in Algerien und über den Völkermord in Ruanda berichtet. Mit ihrem neuen Buch reiht sie sich explizit in die Reihe von Journalisten, die in die Rolle der Verlierer unserer kapitalistischen Gesellschaft schlüpfen. Das Ziel: möglichst detailliert zu beschreiben, wie es denen geht, die sonst kaum eine Stimme in der Öffentlichkeit haben.

«Putze» gehört zum Genre der Sozialreportagen und auch der Arbeitswelt-Literatur; beide werden gerne als Gut-mensch-Sparten abgewertet. In diese Schublade passt Florence Aubenas jedoch nicht. Sie geht strikt deskriptiv vor und driftet kaum je auf die Mitleids-ebene ab. Sie lässt die Lesenden als eine Art versteckte Kamera mit sich wandeln. Damit erzeugt sie Nähe und gibt Einblick in die Welt der untersten Schichten der Arbeitswelt.

Vom Einzelfall zum System

Geschickt schwenkt sie den Fokus vom Einzelfall auf das System. So thematisiert sie die perversen Auswüchse der auf Profit ausgerichteten Marktwirtschaft, die in Zeiten der Krise unmenschliche Züge annimmt. Dabei bleibt sie allerdings sachlich, humorvoll und heiter. Das hat Stil und macht ihre Sozialreportage sexy.

Die französische Presse ist des Lobes voll, alleine in Frankreich wurden bisher über 250'000 Exemplare verkauft. Eine beachtliche Zahl. «Putze. Mein Leben im Dreck» ist eine Art Fortsetzungs-Erfolgsgeschichte: Letztes Jahr machte «Die Leiden einer jungen Kassiererin» Furore. Die Französin Anna Sams schilderte darin das Arbeitsleben einer Supermarktkassiererin mit Witz und Satire – zuerst in einem Blog, später als Buch, das zum Bestseller avancierte.

Die Krise in der sozialen Mitte

Frankreich scheint sich regelrecht nach ungeschönten Augenzeugenberichten aus den Niederungen der krisengeschüttelten Arbeitswelt zu sehnen. Es ist bezeichnend, dass es sich bei beiden Büchern um Erfahrungsberichte weisser Einheimischer handelt. Die Krise ist eben inzwischen mitten in der Gesellschaft angekommen und trifft nicht mehr bloss Menschen mit Migrationshintergrund.

Übrigens: Florence Aubenas hat ihren Selbstversuch abgebrochen, als ihr, nach sechs Monaten, zum ersten Mal ein unbefristeter Arbeitsvertrag angeboten wurde. Sie wollte keiner echt arbeitssuchenden Person die Stelle streitig machen – vor allem aber wohl zu ihrem angestammten Beruf zurückkehren. Heute arbeitet sie wieder als Journalistin: beim «Nouvel Observateur». (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 19.10.2010, 08:19 Uhr

Florence Aubenas: Putze. Mein Leben im Dreck. Übersetzt von
Gaby Wurster. Pendo, München/Zürich 2010. 240 S., ca. 25 Fr.

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