Raus aus dem Stubenarrest

Als Bloggerin wurde Ronja von Rönne mit einer Wutrede gegen den Feminismus bekannt. In Zürich erzählte die Berliner Autorin von zwei Arten der Langeweile: Der furchtbaren und der fruchtbaren.

In Wirklichkeit ist sie höflicher als in ihren Texten: Ronja von Rönne. Foto: Sabina Bobst

In Wirklichkeit ist sie höflicher als in ihren Texten: Ronja von Rönne. Foto: Sabina Bobst

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Kommt sie noch? Zuerst war da die Idee, sie am Nachmittag zu einem Kaffee zu treffen, aber eigentlich war das gar nie möglich; die Berliner Autorin Ronja von Rönne würde mit ihrem Partner, Tilman Rammstedt, ebenfalls Autor, erst am frühen Montagabend in Zürich eintreffen. Dann hiess es von den Veranstaltern, man könne sie knapp zwei Stunden vor ihrem Auftritt im Kaufleuten sehen, auf einen Drink vielleicht in der Pelikanbar. Tatsächlich wurde daraus ein Abendessen um zehn, nach der Veranstaltung, nach dem Büchersignieren, nach den Zigaretten eins und zwei draussen im Regen.

Feminismus und Ronja von Rönne. Video: Youtube/Der Tagesspiegel

Schon dachte man, von Rönne würde sich aus dem Treffen herauswinden wollen, wie sie das in ihren Texten oft tut – raus aus den Zwängen, über die Erwartungen hinweg, hinein ins Abwegige, Überdrehte. Dorthin, wo die Natur und die Dinge und die Tiere reden können, wo der Sarkasmus wühlt und wieder jemand «Schimpansen fickt». Aber in Wirklichkeit ist von Rönne höflicher als in ihren Stücken.

Kein Shitstorm, bitte!

«Wir kommen», das sagt sie nicht etwa, als sie und Rammstedt schliesslich im fast verlassenen Kaufleuten-Restaurant auftauchen, den Zigarettenrauch mit sich tragen und noch genau eine Minute Zeit haben, aus der grossen Karte zu bestellen – einmal Schnitzel, einmal Spaghetti mit Crevetten, beides zum Teilen. «Wir kommen»: So heisst von Rönnes erstes Buch, das sie vor zwei Jahren veröffentlicht hat. Es geht um vier Menschen, die sich eine Beziehung teilen wie andere das Essen. Vier Personen, die beieinander bleiben, weil sie sich sonst nur noch mehr langweilen würden. Das ist die Handlung, oder vielmehr: Da ist keine. Es ist gedehnter Zustand.

Seit 2012, damals 20 Jahre alt, schreibt von Rönne ihren Blog «Sudelheft», auf den die deutsche Zeitung «Welt» aufmerksam wurde. So begann die Karriere der Autorin, die vornehmlich in der Ichperspektive von Ikea-Besuchen, Eifersucht auf alle Dinge mit weiblichem Artikel, der Einsamkeit oder AfD-Wählern erzählt. Es folgten fast drei Jahre als Kolumnistin für die «Welt» und die «Welt am Sonntag». In dieser Zeit entstand auch von Rönnes «Wutrede», wie sie den Text rückblickend selber einmal nannte: «Warum mich der Feminismus anekelt». Von da an war sie vielen Menschen bekannt, weil manche in ihr die Verräterin an den Frauen sahen und andere sie als Komplizin für ihre politische Gesinnung vereinnahmten. Und als von Rönne Anfang 2016 den Axel-Springer-Preis ablehnte, weil sie keine Auszeichnung wollte für einen Text, den sie nicht mehr gut fand, wurde sie noch bekannter. Dass sie sich als junger Mensch die Freiheit nahm und ihre Meinung änderte, provozierte erneut.

Die Langeweile, dieses lähmende Nichts, kehrt in ihren Texten wieder wie ein hartnäckiger Schluckauf.

Inzwischen ist von Rönne differenzierter, was solche Themen betrifft. Die #MeToo-Debatte etwa findet sie grundsätzlich gut, auch wenn sie es nicht mag, dass Frauen als Opfer auftreten, da sie sich gegen missglückte Flirtversuche oder kleinere Grenzübertritte doch wehren könnten. Auf Twitter bittet sie das Internet, sich nun nicht gleich wieder in einen Shitstorm zu verwandeln.

Während von Rönne älter wird und gestern ihren 26. Geburtstag feierte, während es mit ihrer Karriere weitergeht, ist die Langeweile, dieses lähmende Nichts, in ihren Texten wiederkehrend wie ein hartnäckiger Schluckauf. In «Wir kommen» leiden die Protagonisten an der «neurotischen Hyperreflexion, der manischen Beschäftigung mit uns selbst»; sie leiden an der Zeit, die sich «öde und unendlich vor uns ausbreitet». Es ist die eigene Leere, die man schlucken muss. Wenn man sich selbst gerade nicht langweilt, verdächtigt man die anderen, es zu tun. In der Langeweile schwingt immer ein Vorwurf mit.

Darum gilt es, sie zu vermeiden oder wenigstens weit hinauszuschieben. Von Rönne und Rammstedt haben das für einen gemeinsamen Text versucht: das Weltliche aus ihrem Paradies, einer einsamen Insel in den Bahamas, zu vertreiben. Fast genau vor einem Jahr verbrachte das Paar eine Woche dort, und der Text ist einer von jenen, die sie an diesem Abend den 200 Gästen im Kaufleuten wechselweise vorlesen: «Das biblische Paradies ist ja im Grunde kein besonders interessanter Ort: bisschen Gepflanz, bisschen Getier, ein Lebenspartner, ein verbotener Baum. Schön war es doch vor allem deswegen, weil Adam und Eva noch nicht darüber nachgrübeln konnten, wie irre öde es ist, bis in alle Ewigkeit in einem Streichelzoo herumzuhocken und ihr Leben alternativlos als monogame Hardcore-Veganer zu fristen.»

Pärchenferien als Exzess?

Aber dann, geht es im Text weiter, habe Gott der Menschheit den «schlimmsten Stubenarrest aller Zeiten auferlegt: das Bewusstsein». Seither suchten die Menschen nach dem verlorenen Paradies, wie von Rönne und Rammstedt auch, und was die beiden fanden, war folgende Erkenntnis: erstaunlich wenig langweilig auf der Insel.

«Und beschämt schaut man in den Reisekoffer, der überquillt von Romanen, Bestimmbüchern, Notizheften, Sudokus, Frisbeescheiben, Jonglierbällen, Brettspielen, Sprachkursen, angefangenen Weltformeln. Noch grössere Angst als vor den Killersandflöhen und den Stachelrochen hatte man schliesslich vor all der freien Zeit.» Haben von Rönne und Rammstedt da gerade das Wesen Mensch erfasst? Eher die zweifelnden, jammernden Menschen, als die sie sich bezeichnen. «Unglückliche Menschen brauchen den Exzess», sagte von Rönne einmal. «Diese Ausnahmesituationen, in denen wir frei von Intellekt, vom Grübeln sind.» Ferien in den Bahamas sind kaum ein Exzess, und Pärchenferien schon gar nicht, aber ein Ausnahmezustand ist es allemal, wenn zwei aus Berlin ihre Handys für eine Woche ausschalten und sich genügen müssen.

Dass sie das tun, glaubt, wer sie den ganzen Abend beobachtet. Weil sie ständig nacheinander tasten, um zu spüren, dass da noch der andere ist. Beim Schreiben stehlen sie voneinander, beim Erzählen machen sie sich übereinander lustig, beim Essen bestellt sie für ihn die Crevetten, beim Talentiertsein lässt er ihr den Vortritt.

Es bleibt nicht viel zu tun ausser vielleicht im Bett liegen, an die Decke starren und die Gedanken wandern lassen, wie von Rönne das gerne macht. Das wäre dann die gute Langeweile, die fruchtbare.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 16.01.2018, 19:22 Uhr

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