Regionalkrimiautoren auf der Abschussliste

Krimi der Woche: Gleich eine ganze Reihe von Krimiautoren wird in Jens Schäfers witzigem Roman «Wer sich in die Provinz begibt, kommt darin um» ermordet.

In Jens Schäfers Krimi werden Krimiautoren ermordet. Die Geschichten zu den jeweiligen Morden hat jemand am Tatort hinterlassen. Bild: Nadine Staedtner

In Jens Schäfers Krimi werden Krimiautoren ermordet. Die Geschichten zu den jeweiligen Morden hat jemand am Tatort hinterlassen. Bild: Nadine Staedtner

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Der erste Satz
(Bergedorfer Zeitung, eigener Bericht) In der Nacht vom 6. Dezember ereignete sich im Ortsteil Friedrichsruh ein grausames Gewaltverbrechen, als eine fünfköpfige Familie brutal ermordet wurde.

Das Buch
Im deutschsprachigen Raum boomt der Regionalkrimi; es gibt einige Verlage, die jährlich Dutzende von solchen Titeln auf den Markt werfen, die sich teils sehr gut verkaufen. Grundsätzlich ist dagegen nichts einzuwenden. Bei praktisch allen guten Kriminalromanen spielt der Schauplatz, der ein erkennbarer Ort oder eine bestimmte Region ist, eine nicht unwesentliche Rolle. Doch bei den mit dem Etikett Regionalkrimi versehenen Büchern geht es meistens in erster Linie darum, auf Teufel komm raus Lokalkolorit zu bolzen. Es gibt Verlage, die gezielt Autoren suchen, welche noch vorhandene weisse Flecken auf der Regionalkrimi-Karte zuschreiben. Allzu oft bleibt da der Plot wenig glaubwürdig, die Charakterisierung der Protagonisten klischiert, das literarische Niveau tief bis nicht vorhanden.

Dass jemand dem einen oder anderen Regionalkrimischreiber ganz gerne das Handwerk legen möchte, ist nachvollziehbar. In «Wer sich in die Provinz begibt, kommt darin um» werden gleich mehrere Autoren ermordet. Es ist der erste Krimi von Jens Schäfer, der aus dem Süden Deutschlands stammt und in Berlin Sachbücher, Romane, Theaterstücke und Drehbücher, vor allem für TV-Krimis, schreibt. Sein Held Leo Donat, der sich in Berlin mit allerlei Jobs durchs Leben schlägt, versucht sich neuerdings als Privatdetektiv. Von einem Verlag wird er nach Bayern geschickt, weil dessen Starautor Gunter Maria Schweiger den Abgabetermin für seinen neuen Krimi nicht eingehalten hat und selbst auch nicht mehr auffindbar ist. Es ist der erste Tote auf Donats Roadtrip durch die Republik, die ihn auch in die Pfalz, an die Ostsee und in die Ex-DDR führt. Alle Mordopfer haben an einem Buch gearbeitet, in dem eine fünfköpfige Familie ermordet wird und nur der Hund überlebt. Bei allen ist das Manuskript verschwunden. Dafür findet Donat an den Tatorten jeweils eine kurze Geschichte, die den Mord am jeweiligen Autor erzählt.

Schäfer pflegt einen angenehm unprätentiösen Stil, der zwar sehr witzig ist, der aber nie, wie man ob dem Titel befürchten könnte, mit forcierten Sprüchen um Aufmerksamkeit heischt oder mit simplen Scherzen um billigen Beifall buhlt. Leo Donats Beobachtungen auf der Reise durch die deutsche Provinz bringt er ohne zu lange Ausschweifungen auf den Punkt. Sein Held ist einem trotz seiner zeitweiligen Dusseligkeit sympathisch. Auch die anderen auftretenden Personen werden in wenigen Sätzen präzise gezeichnet. Dass am Ende die Auflösung des Falls ein paar Fragen offenlässt, mindert das Vergnügen an der kurzweiligen Lektüre keineswegs. Jens Schäfer muss gewiss keine Mordanschläge von enttäuschten Lesern fürchten.

Die Wertung

Der Autor
Jens Schäfer, geboren 1968 im Schwarzwald, studierte Geisteswissenschaften in Freiburg, Wien und Berlin. Als freier Autor veröffentlichte er Romane und Sachbücher in verschiedenen Verlagen, zum Beispiel «Gebrauchsanweisung für den Schwarzwald» (Piper) und «Alles, was gut ist. Handbuch für die schnäppchenfreie Zone» (Bloomsbury Berlin) sowie Drehbücher, Theaterstücke und andere Texte. Zudem gibt er regelmässig Schreibseminare. «Wer sich in die Provinz begibt, kommt darin um» ist Schäfers erster Krimi. Er lebt und arbeitet in Berlin.

Jens Schäfer: «Wer sich in die Provinz begibt, kommt darin um». Ullstein, Berlin 2018. 288 S., ca. 15 Fr. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 04.07.2018, 15:45 Uhr

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