Bern

Rettet Kunst das Buch-Antiquariat?

Künstler aus Italien und der Schweiz machen am Projekt Unibookat mit. Dabei hinterlassen sie in antiquarischen Büchern ihre ganz persönlichen Spuren.

Wollen das Buch-Antiquariat retten: Sophie Brunner vom Atelier Rohling in Bern und Riccardo Bargellini vom Atelier Blu Camello in Livorno.

Wollen das Buch-Antiquariat retten: Sophie Brunner vom Atelier Rohling in Bern und Riccardo Bargellini vom Atelier Blu Camello in Livorno. Bild: Susanne Keller

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Es ist ein Ort der letzten Chance für Bücher, die ihren Marktwert verloren haben. Weil sie in rauen Mengen vorhanden sind oder weil ihr Zustand nicht mehr so gut ist. In der Bücherhöhle Alibaba kostet jedes Buch zwei Franken. Die Kasse ist unbedient, nicht alle zahlen. Ursula Curtiss’ «Sturz in die Vergangenheit» liegt hier, ebenso «Die Darm-Reinigung» von Dr. Erich Rauch.

Tausende ausrangierte Geschichten, vereint auf dem letzten Halt vor der Vernichtung. Hier unten, im Keller der Rathausgasse 30 in der Berner Altstadt, ist die Idee entstanden: Bücher durch künstlerische Interventionen von der Serienkopie in Unikate zu verwandeln – neue Spuren für alte Bücher, die keiner mehr will. Daraus ist Unibookat geworden, lanciert vom italienischen Künstler Riccardo Bargellini zusammen mit dem Berner Atelier Rohling unter der Leitung von Sophie Brunner.

Gegen die Wegwerfkultur

Heute feiert die Kunstaktion Vernissage im Progr-Lehrerzimmer. Die Absicht der Aktion: ein Statement abzugeben – gegen die Wegwerfkultur, für die kleinen Buchhandlungen und das Buchantiquariat. Wie das Berner Antiquariat Wild, das die Bücherhöhle Alibaba betreibt. Mit jedem Laden, der dichtmachen müsse, so der Projektgedanke, verschwinde ein Stück Stadtgeschichte. In der Stadt Bern gibt es noch eine Handvoll echte Antiquariate, Geschäfte, die ihr Geld mit alten und gebrauchten Büchern verdienen. Fast alle in der Altstadt, natürlich. Beim Antiquariat Wild, einem Familienbetrieb, bestehend aus mehreren Läden mit einem Gesamtsortiment von einer Viertelmillion Büchern, ist die zweite Generation ins Geschäft eingestiegen.

Roman Wild, einer der beiden Söhne von Gründer Alexander Wild, führt die Bücher-Eule, die sich auf wissenschaftliche Werke spezialisiert hat. Er sagt: «Die Umsatzentwicklung im Antiquariatsbuchhandel zeigt generell nach unten, seit Jahren.» In seiner Existenz bedroht sei der Familienbetrieb aber nicht, auch wenn mehr Bücher reinkommen als rausgehen, auch wenn heute vieles übers Internet oder den Katalog laufe. «Eine Ladenschliessung», sagt Wild, «ist absolut keine Option.»

Umzug in ein kleineres Lokal

Sein Laden, der ungefähr 10'000 Titel anbietet, diene nicht nur der Romantik – die blosse Existenz eines physischen Shops bürge auch bei Online-Suchenden für Zuverlässigkeit in einem Markt, der unübersichtliche und unseriöse Züge angenommen habe. Seit sieben Jahren ist sein Antiquariat im Netz präsent, wo der Markt keine Grenzen kennt; 80 Prozent der Onlineverkäufe gehen nach Deutschland. Doch die Zusatzeinnahmen durch das Onlinegeschäft vermögen die Einbussen nicht zu kompensieren, die durch den Preiszerfall und veränderte Lese- und Konsumgewohnheiten verursacht werden.

Zwei Gassen weiter, an der Münstergasse, ist das Buchantiquariat Hegnauer von Christoph Schwarzenbach. Das Antiquariat gibts seit 60 Jahren, vor 4 Jahren kam die Zäsur: Umzug in ein kleineres Lokal, Spezialisierung auf Raritäten. «Der Handel mit gewöhnlichen Secondhandbüchern ist seit Jahren im freien Fall», sagt Schwarzenbach. Das Antiquariat habe nur noch als Teilbereich des Antiquitätenhandels eine Zukunft, und der Markt funktioniere nur noch für seltene Kostbarkeiten.

Subtil bis boshaft

Mehr Wert dank Einzigartigkeit – darauf baut auch Unibookat. Das Projekt verbindet Art brut (Outsiderkunst) mit Mainstreamkunst. Unter den insgesamt 27 beteiligten Künstlerinnen und Künstlern aus Italien und der Schweiz sind auch bekannte Namen wie der Berner Grafiker Claude Kuhn. Der hat dem Titel «Das fleissige Hausmütterchen» ein Büchlein ins Buch operiert. Entstanden sind über 100 neue Buchwerke, die künstlerischen Aktionen reichen von subtilen, ironischen Interventionen hin zu «fast boshaften Eingriffen», wie Atelierleiterin Sophie Brunner sagt. Sie liebe es, in gebrauchten Büchern Spuren von früheren Lesern zu finden.

Die Spuren, die die Unibookat-Künstler hinterlassen haben, sind im Grunde Kommentare, zu Form, Erscheinung oder Inhalt. Und damit wird das Buch nicht nur zum Unikat, es erhält auch neue Aktualität. (Berner Zeitung)

Erstellt: 12.04.2014, 19:48 Uhr

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