Reuige Folterknechte bitten den Papst um Absolution

Der Historiker Arnold Esch erzählt aus dem Alltag des Spätmittelalters. Seine Quelle: die Vatikanbehörde.

Mancher, der sich an den Gewaltakten der spanischen Inquisition beteiligte, suchte hinterher Gewissenserleichterung: Der um 1500 entstandene Stich zeigt Mönche, die auf das Geständnis eines Folteropfers warten.<br />Foto: Hulton Archive (Getty Images)

Mancher, der sich an den Gewaltakten der spanischen Inquisition beteiligte, suchte hinterher Gewissenserleichterung: Der um 1500 entstandene Stich zeigt Mönche, die auf das Geständnis eines Folteropfers warten.
Foto: Hulton Archive (Getty Images)

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Als er zwölf Jahre alt war, schreibt ein Mönch in einer Bittschrift an den Papst, habe er sich bei einer Hinrichtung nützlich gemacht. Er habe sich ein Schwert gegriffen und die beiden Räuber zum Galgen begleitet. Später habe er einem der Gehängten den Fuss durchbohrt, um zu prüfen, ob er wirklich tot sei. Da es Klerikern im Mittelalter verboten war, an Folter, Hinrichtungen oder Verstümmelungen teilzunehmen, wandte sich der Mönch nun in einem Schreiben an den Papst mit der Bitte um Absolution.

Ob Krieg, Folter oder Mord – der «brutale Umgang von Menschen mit Menschen» durchzieht einen Grossteil der Absolutionsgesuche, mit denen sich Kleriker, aber auch Laien aus ganz Europa im 15. Jahrhundert an die päpstliche Behörde wandten. Mancher fühlte sich schon schuldig, weil er beim Feuertod eines anderen stille Freude empfand. Viele bereuten, dass sie im Krieg zur Waffe gedrängt wurden. Einer hatte als Priester geholfen, den Kopf des Verurteilten auf den Richtblock zu legen.

Für sein neues Buch hat Arno Esch, ehemals Leiter des Deutschen Historischen Instituts in Rom, insgesamt 97'000 Bittschriften ausgewertet, die zwischen 1439 und 1484 in der Vatikanbehörde eingingen. Auf der Grundlage dieses einzigartigen Quellenmaterials zeichnet Esch ein Bild Europas im Spätmittelalter, wie es bunter, anschaulicher und lebendiger nicht sein könnte.

Durch Schenken und Schulen

Es sind gewöhnliche Menschen, die zu uns sprechen, und sie erzählen uns ihre Geschichten «weit unterhalb der grossen Geschichtsschreibung». Es sind traurige, mitunter anrührende Episoden von Menschen, die sich durch Fehlverhalten oder auch nur durch ein Missgeschick schuldhaft verstrickt haben. Sie gewähren uns Einblick ins Ehe- und ­Familienleben, in die Schenken, Klöster und Schulen, in den Alltag des Spätmittelalters: Nur ein bisschen an den Ohren habe er den zwölfjährigen Schüler gezogen, schreibt ein Lehrer, weil der seine Lektion nicht aufsagen konnte – und schon war er tot. In der Nähe von Pales­trina ärgerte sich ein Priester, weil ­einige Buben nicht aufhörten, an der Glocke zu läuten und herumzulärmen – er züchtigte sie mit dem Stock, was einem der Knaben zum Verhängnis wurde.

Sogar bei harmlosen Freizeitvergnügen kommt es manchmal zum Unglück: Bei einem Fussballspiel, berichtet ein Priester 1441, seien durch sein taktisches Zurückweichen vom Ball zwei Spieler zusammengeprallt, von denen kurz darauf einer starb. Immer wieder kommt es in Wirtshäusern zu Streitereien; Provokationen auf der Strasse können in eine Massenschlägerei ausarten.

Der Anlass für die Gewalt ist oft nichtig, die Bereitschaft dazu gross. Das Bemerkenswerte an diesen Episoden ist, dass sie stets aus der Perspektive des Täters erzählt werden, der natürlich seine eigene Tat herunterspielt: Nur ein Brotmesser habe er dabeigehabt, die anderen waren schwer bewaffnet. Nur ein bisschen in die Luft geschossen habe er als Soldat, aber niemanden verletzt.

Für die verschiedenen Regionen ­Europas setzt Esch überzeugend thematische Schwerpunkte. Während etwa im Mittelmeerraum häufig für unerlaubten Handel mit Muslimen und Übertritte zum Islam oder Judentum um Absolution gebeten wird, erzählen Suppliken aus der Westschweiz oft von Verwicklungen in vermeintliche Hexerei und Häresie. So schildert ein Bertholus Barabani aus Lausanne detailliert, wie er als Tischlerlehrling in Kontakt mit Teufelssekten geriet, Menschenfleisch ass, an Sexorgien teilnahm und auf Befehl des Teufels ein Kleinkind erwürgte.

In Spanien und Süditalien dagegen wird oft von sexuellen Verfehlungen Geistlicher berichtet, die dann in einem Akt von Selbstjustiz der Opferangehörigen entmannt oder ermordet wurden. Und wie man sich auch in guter Absicht schuldig machen konnte, zeigt der ­portugiesische Mönch, der seinen an der Pest erkrankten Klosterbruder «in so schrecklicher Pein liegen sah», dass er dessen «schlimme Schmerzen» abkürzte – ein für das Mittelalter ungewöhnlich offenes Bekenntnis zur Sterbehilfe.

So schön wie Boccaccio

Arnold Eschs Buch versammelt Hunderte solcher kleinen, oft novellenartig verknappten Erzählungen ohne literarischen Anspruch, aus denen menschliche Schicksale aufleuchten. Wie die Geschichte des französischen Zisterziensermönches, der ein Verhältnis mit einer verheirateten Frau hatte und ihr dafür gefälschte Silbermünzen gab. Als der betrogene Ehemann das Geld ausgeben wollte, wurde er wegen Falschgeldbesitzes eingekerkert. Nun gestand die Frau, um ihren Mann freizubekommen, ihre Liebesbeziehung. Der Mönch wanderte ins Gefängnis, brach aber wieder aus, indem er seinen Wärter darin einschloss. Eine Geschichte, wie Boccaccio sie sich in seinem «Decamerone» nicht schöner hätte ausdenken können.

Erstellt: 29.10.2014, 19:53 Uhr

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Arnold Esch. Wahre Geschichten aus dem Mittelalter, C. H. Beck, München 2014. 544 S., ca. 43 Franken.

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