Roche legt sich mit Ringier an

In ihrem neuen Roman «Schossgebete» thematisiert die Bestsellerautorin Charlotte Roche ihren Kampf gegen «Bild» und den deutschen Springer-Verlag. Nun nahm sie den «Blick am Abend» ins Visier.

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Der Ringier-Kolumnist Helmut-Maria Glogger ist bekannt für seine deftigen Texte. In seiner täglichen Rubrik «Glogger mailt» im «Blick am Abend» nimmt er jeweils Personen des öffentlichen Lebens aufs Korn und schiesst mit scharfen Worten auf sie. Treffsicher ist er nicht immer, manchmal verletzt er die Ehre des Angeschriebenen, häufig überschreitet er die Grenzen des guten Geschmacks.

Am 22. August hat sich Glogger aber mit der falschen Person angelegt: Unter dem Betreff «Ghostwriter?» schrieb er dem Piper-Verlag, der den neuen Roman «Schossgebete» der deutschen Erfolgsautorin Charlotte Roche herausgibt. Zuerst pinkelte er dem Verlag ans Bein und schrieb, dass der früher mal gut gewesen sei. Was explizit heisst: jetzt nicht mehr. Die übliche Rhetorik von Glogger, die man überlesen kann und die noch niemanden aufregt.

Max-Havelaar-Label für den Journalismus

Doch dann äussert er als «gewiefter Ghostwriter» die Vermutung, dass die Autorin Charlotte Roche das Buch gar nicht selber geschrieben habe. Und er untermauert seinen Argwohn mit seiner sehr eigenen Logik: «Es ist so unterirdisch obszön. Da sassen mehr als zwei gewiefte Ghostwriter dran.» Aha, je versauter ein Werk, umso mehr Schreiber. Und das stand notabene auf derselben Seite, auf der eine barbusige Frau abgebildet war.

An die Adresse von Roche schrieb Glogger salopp: «Sie sind einfach die Marketing-Masche.» Das liess die Autorin nicht auf sich sitzen. Nach einer Anfrage durch Tagesanzeiger.ch/Newsnet beim Buchverlag wusste man zunächst nichts von diesem Artikel – das, obwohl in der Adressatenzeile von Gloggers Kolumne die Presseleiterin von Piper eingefügt war. Obwohl die Rubrik «Glogger mailt» heisst, hat er offenbar Hemmungen, seine Texte auch wirklich abzuschicken.

Der Piper-Verlag ging nun rechtlich gegen den «Blick am Abend» vor und setzte eine deutsche Anwaltskanzlei auf den Fall an. Die forderte eine Gegendarstellung der Kolumne. Welche Strafandrohung gemacht wurde, darüber herrscht von beiden Seiten Stillschweigen. Jedenfalls willigte der Ringier-Verlag als Herausgeber von «Blick am Abend» ein, eine Gegendarstellung abzudrucken.

Zwei Wochen nach der Veröffentlichung der Kolumne titelte die Gratiszeitung auf der zweitletzten Seite: «Roche hat ‹Schossgebete selber geschrieben.» Um die Richtigstellung abzumildern, war der Artikel mit dem Stempel «Fairness beim ‹Blick am Abend›» versehen – Max Havelaar für den Journalismus.

«Ein Missverständnis»

Diese reichte dem Piper-Verlag nicht. Er wollte Glogger an den Pranger stellen und verlangte einen erneuten Abdruck der Richtigstellung – prominent an der Stelle von Gloggers Kolumne und ohne das «Fairness»-Label. Die Gegendarstellung sollte als solche erkennbar sein und nicht als Artikel daherkommen.

Beim Ringier-Verlag erklärt man dieses Nachdoppeln folgendermassen: «Der erneute Abdruck in der gestrigen Ausgabe war notwendig geworden, weil aufgrund eines Missverständnisses auf der Redaktion der erste Abdruck nicht an derselben Stelle erfolgte wie die Kolumne», sagt Edi Estermann, Leiter der Kommunikation bei Ringier Schweiz. Dies sei so vereinbart worden und in solchen Fällen üblich. Der Fall sei für Ringier somit erledigt.

Wie heikel es ist, sich mit der Erfolgsautorin anzulegen, davor hätte sie das deutsche Schwesterblatt «Bild» warnen können: Die Boulevardzeitung veröffentlichte ein Foto des ausgebrannten Unfallautos, in dem vor zehn Jahren die drei Brüder von Roche starben.

Die Schriftstellerin ging darauf gegen den Springer-Verlag vor, der die «Bild»-Zeitung herausgibt. Diese Episode bildet literarisch verarbeitet den Hauptteil des neuen Romans «Schossgebete». Helmut-Maria Glogger hätte das eigentlich wissen müssen – wenn er mehr als die «unterirdisch obszönen» Stellen gelesen hat.

Erstellt: 13.09.2011, 12:21 Uhr

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