Ruhe herrscht nur im Finnland-Pavillon

Wortkarge Nordländer: Finnland ist das diesjährige Gastland an der Frankfurter Buchmesse. Sein Auftritt kommt ganz nach gängigem Klischee daher.

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Die Klischees über Finnen stimmen alle nicht. Sie sind nämlich noch untertrieben. Reden sie nicht gern? Doch, aber sie sagen viel mit wenig Worten. Wie, das erläutert Roman Schatz, seit 28 Jahren in Finnland lebender deutscher Autor, Übersetzer, Vermittler, so etwas wie das deutsche Gesicht des Gastlandauftrittes, von dem auch das Motto «Finnland. Cool» stammt. Wenn zwei Finnen sich treffen, kommt ihr Dialog mit genau vier Worten aus. Frei übersetzt: «Und, Kerl?» – «So halt.» Darin, so Schatz, seien längere Ausführungen über beider gegenwärtiges und vergangenes Leben enthalten, ihre Befindlichkeit, ihre Einstellung zum Leben und vieles mehr. Small Talk brauchen die Nordländer nicht, in ihrem Mikrotalk ist alles drin.

Das macht die Unterhaltung mit Ausländern nicht einfach, so lautet die Standardfrage an einen Finnen am Telefon: «Sind Sie noch dran?» Denn der, statt wie unsereins ständig dazwischenzuquatschen, um zu zeigen, dass man noch lebt, lässt seinem Gesprächspartner viel Zeit, einem geäusserten Gedanken eventuell noch einen weiteren hinzuzufügen – und vor allem Zeit, diesen Gedanken überhaupt erst zu fassen.

Minimalistisch designter Finnland-Pavillon

Die finnische Grammatik begünstigt dieses Kommunikationsverhalten, drängt sie doch Informationen, die wir auf mehrere Wörter verteilen, in ein einziges hinein. Ein perfekter «Verpackungsalgorithmus», meint Schatz. Auch in anderer Hinsicht ist sie äusserst ökonomisch: Für das männliche wie das weibliche Personalpronomen begnügt sie sich mit einem einzigen Wort, «hän». Das mag zwar in der Literatur für produktive Ambivalenz sorgen und in kriselnden Ehen für Eifersuchtsanlässe («Ich war noch mit hän einen trinken» – «Hä?»), macht aber jedenfalls den Feminismus, zumindest den sprachwissenschaftlich umstürzlerischen, überflüssig. Haben es die finnischen Frauen deshalb leichter, stehen sie deshalb besser da in Beruf und Politik als die Schweizerinnen?

Darüber hat der Messebesucher leider keine Zeit nachzudenken. Die Ruhe, die der idealtypische Finne offenbar mit der Muttermilch, der birkennadelgesättigten Atemluft und der konzentrierten Sprache aufnimmt, kann er nur im Finnland-Pavillon beibehalten, wo das Klischee des minimalistischen Designs voll ausgereizt wird. Weiss auf Weiss sind die Farben, oben Himmel, unten Eis; zylindrische Lampenschirme von Zimmergrösse fassen die Ausstellungsflächen ein, auf die Naturszenen (Wasser in allen Aggregatzuständen) projiziert werden.

Von Bildung bis zur digitalen Revolution

In einem dieser Zylinder kann man sich Elektroden an den Schädel setzen lassen, die dann aus den Gehirnströmen eine Art Dichtung an die Wand projizieren. In Wirklichkeit wird da irgendein Internetwortschatz zusammengewürfelt. Na ja. Das Finnland-Technologie-Element gehört halt auch hierher. An der Bar gibt es Lihariisipiirakka, eine Hackfleisch-Reis-Pastete (und was noch alles drin ist, sagt das Wort sicher auch).

In den anderen Messehallen tobt der Bär, wie es sich gehört für eine Buchmesse, schon an den eigentlich Fachbesuchern vorbehaltenen Tagen. Zu denen gehören anscheinend auch diverse Schulklassen aus dem Rhein-Main-Gebiet, die hierherkommen zum Prospektsammeln, Promigucken und Aufsatzschreiben («Mein schönstes Buchmesseerlebnis»).

Die Messe wird immer internationaler, 65 Prozent aller Aussteller kommen schon aus dem Ausland, immer mehr übrigens aus Asien. Und sie wird immer multipler, wirft karnickelhaft ständig neue Binnenmessen und -treffs hervor. Bildung ist ein Megathema, die digitale Revolution ein Dauerthema. Erinnert hier das Gutenberg-Museum mit einer Vorführung beweglicher Lettern daran, wie alles entstand, kann man dort im Samsung-Pavillon die neuesten Games mit einer Spezialbrille erproben.

«Crazy young grandma»

An Promis fehlt es nicht, von Gauck bis Kohl, wobei der Altkanzler eher eine bedauernswerte Figur macht, ein Abglanz einstiger Dominanz. Promi eine Messe lang ist auch Lutz Seiler, der zurückhaltende Buchpreisgewinner, der von einem blauen Sofa zum nächsten gereicht wird und sich Fragen anhören muss wie «Sind Sie der FC Bayern der Literatur?» – Antwort: «Ich wäre lieber Dynamo Dresden.»

Kaum fünf Minuten zum Verschnaufen und Neue-Gedanken-Fassen bekommt auch Sofi Oksanen, die finnisch-estnische Starautorin. Ein Podium nach dem anderen beschickt sie mit klugen Analysen und Warnungen, bevor sie sich nach Zürich zur Lesung im Kaufleuten heute Abend aufmacht. Ihre Auftritte bleiben auch optisch haften: Sie inszeniert sich wie ihre eigene Grossmutter, mit Nickelbrille, Spitzenkleid, Handgelenkswärmern (oder -schonern? oder -verschönerern?), aber auf schrill, mit farbigen Bändern in der imposanten Haarhaube. «Crazy young grandma»! Ist das das neue Klischee?

Erstellt: 09.10.2014, 12:12 Uhr

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