Scharfer Kontrast zum Himmelsblau

Die bengalisch-amerikanische Autorin Jhumpa Lahiri hat für ihren zweiten Roman «Das Tiefland» eine härtere Gangart angeschlagen – und trifft uns dort, wo wir weich sind.

Erzählt in ihrem Zweitling eine grosse, tragische Familiensaga in sparsamer Sprache: Jhumpa Lahiri. Foto: Tyler Hicks (Laif)

Erzählt in ihrem Zweitling eine grosse, tragische Familiensaga in sparsamer Sprache: Jhumpa Lahiri. Foto: Tyler Hicks (Laif)

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Es waren einmal zwei Brüder, die hatten ihr Land so lieb und konnten zu ihm nicht kommen, die Politik war viel zu tief. Oder zu schwer. Oder, und das auf jeden Fall: zu schlimm. Die beiden Brüder wurden vor den Augen ihrer Familie abgeknallt, vor dem Haus ihrer Grosseltern, irgendwann Ende der Sechzigerjahre in Kalkutta.

Jhumpa Lahiri hat schon als junges Mädchen von diesem Brüderschicksal aus der Zeit ihrer Geburt gehört. Sie selbst ist Jahrgang 1967, und Verwandte von ihr waren Sympathisanten der maoistischen Naxaliten, die damals brutal ­gejagt wurden. Die Vorstellung von der Exekution verfolgte Lahiri jahrzehntelang und wurde, wie sie in einem Interview sagt, zur Urzelle ihres neuen Ro­mans «Das Tiefland» («The Lowland», 2013) – und damit auch zum Katalysator für ­einen literarischen Neustart.

Den liess sie sechzehn Jahre in sich reifen: bis sie den rechten Ton gefunden hatte für das Unterfangen, eine grosse polithistorische Recherche mit einer grossen, tragischen Familiensaga zu verbinden. Statt glänzender Satzpaläste und leichthändiger Verspieltheiten gibts in «Tiefland» Satzbruchstücke und disziplinierte grammatische Kleinbauten. «Die Story und das Thema haben viel ­Gewicht, der Roman sollte aber leicht wirken», erklärte die vielfach preisgekrönte bengalisch-amerikanische Bestsellerautorin neulich. «Ich formulierte so sparsam wie möglich». So sind sparsame 523 Seiten entstanden.

Das ist durchaus keine Ironie: Nichts ufert aus in den acht Kapiteln, die das sich entfaltende Drama aus verschiedenen Perspektiven und Zeiten beleuchten. «Das Tiefland» ist kein Epos. Im Gegenteil, Jhumpa Lahiri zügelt ihre Erzählerstimmen, reduziert sie durchwegs auf die Selbstbeobachtung, verzichtet auf Antworten. Der Leser ist mit jenen Fragen konfrontiert, die die Autorin selbst umtrieben. Wie werden vom Weltverbesserungsdrang erfüllte junge Männer zu Mördern? Wie funktioniert Idealismus, wie Integration in die Gesellschaft? Und – um die Fragen aller Fragen nicht zu übergehen – wie Liebe? Was ist Glück?

Alles scheint auf Sand gebaut

Nicht einmal Mutterliebe und Mutterglück taugen in «Das Tiefland» als stabile Stützen im Lebenschaos. Schier alles scheint auf Sand gebaut auf dem Weg der zwei Brüder. Bei Jhumpa Lahiri heis­sen sie Subhash und Udayan. 1944 und 1946 geboren, wachsen sie in Kalkutta auf, da, wo der englische Major William Tolly im 18. Jahrhundert einen Kanal hatte ausheben lassen. Inzwischen ist dieser ein stehendes Gewässer, überwuchert von Wasserhyazinthen – eine dichte, grüne Decke «im Kontrast zum Blau des Himmels». Der ist weit oben. Unten, an den Zipfeln der grünen Decke, stehen kleine, armselige Hütten. Das Haus der Mittelschichtkinder Subhash und Udayan dagegen ist durch ein Gewirr von Gassen geschützt und der schicke Tolly Club mit seinem Golfplatz durch hohe, dicke Mauern.

Im Stadtteil Tollygunge spiegelt sich Ende der Fünfziger die indische Gesellschaft wider: wie zerrissen das Land nach der Unabhängigkeitserklärung und der Teilung von 1947 ist. Der Strom der Flüchtlinge aus dem neu entstandenen Staat Pakistan hat den Fluss in Tollygunge in einen Abwasserkanal verwandelt. Die ganze alte Ordnung scheint aufzuweichen. Nur die Polizei versucht, althergebrachte Hierarchien durch eine knallharte Law-and-Order-Politik aufrechtzuerhalten. Dass ein Gesetzeshüter die Brüder bei einem verbotenen Besuch des Clubgeländes erwischt und Subhash, den Träumer, mit dem Golfschläger züchtigt, legt beim aufmüpfigen Udayan den Samen für das Verbrechen, bei dem er über ein Jahrzehnt später mittun wird: Polizistenmord.

Den hochbegabten und hoch ambitionierten Jungen ist die «upward mobility» quasi in die Gene eingeschrieben. Aber während der ältere, Subhash, bei Lahiri den Klassiker macht: Abflug in die USA mit einem Postgraduierten-Stipendium, will der jüngere, Udayan, Indien von innen umdrehen. Er kämpft als Naxalit für faire Landverteilung, gegen Ausbeutung, gegen das Kastensystem.

Subhash zieht dorthin, wo auch ­Lahiri als Zweijährige mit ihren Eltern landete: an einem Ort zwischen Marschland, Sand und Meer, der an den Sumpf von Tollygunge erinnert, aber nahe der University of Rhode Island liegt, wo Lahiris Vater arbeitete.

So direkt hat sich die Autorin mit dem besonderen Gespür für den Genius Loci noch nie ans Eingemachte herangetastet. Wenn sie sonst ihr Grundthema ­anschlug – das Leben der indischen Secondos in den USA und überhaupt das Gefühl von Fremdheit und Wurzellosigkeit im Globalisierungsstrudel –, dann verschob sie es gern anderswohin. Etwa nach Cambridge, Massachusetts, im ­Romanerstling «The Namesake» oder in der Kurzgeschichte «The Third and Final Continent» aus dem gefeierten Erzählband «Interpreter of Maladies». Mit ihrem Blick von aussen pikte Lahiri jeweils die Eigenheiten des Schauplatzes exakt auf. Jetzt gelingt ihr dies auch mit den vertrauten Wegen von Narragansett.

Im Sumpf der Einsamkeit

Auf ihnen läuft ein kleines Mädchen durch eine einsame Kindheit. Es ist Bela, die Tochter von Udayan und Gauri. Der Rebell Udayan wurde vor ihrer Geburt von der Polizei erschossen. Gauri nahm darauf Subhashs Ehe-Angebot an: Er wollte die Frau seines toten Bruders vor einer Zukunft als ungeliebte Schwiegertochter und misstrauisch beäugte Naxaliten-Witwe bewahren. Der Plan ging auf, aber die Liebe ging unter. Sogar die zum eigenen Kind. Gauri lässt ihre kleine Familie im Stich, als Bela um die zehn Jahre alt ist, und macht eine Uni-Karriere. Subhash hingegen bleibt für die traumatisierte Bela der bestmögliche ­Vater. Aber ein sicheres Zuhause kann er, der seinerseits Verlorene, nicht herbeizaubern. Dass seine (Stief)Tochter schliesslich schwanger, ohne festen Partner und ohne festen Job, bei ihm in Rhode Island unterkriecht, ist für ihn Symptom seines Versagens – und ein Riesengeschenk.

Ehrlich gesagt: für uns auch. Lahiri hatte für den Werdegang ihrer Einzelgängerfiguren, ihrer Streiter für das Gute, die manchmal im Sumpf der Geschichte, immer jedenfalls im Sumpf der Einsamkeit strampeln, ursprünglich ein bittere Finales in petto. Dass Gauri sich im Alter nun doch nicht von einem Balkon in Kalkutta wirft und dass Belas Tochter eine glückliche Kindheit mit Mutter und (Stief)Opa erlebt, ist, na ja, sentimental. Aber eben unsentimental inszeniert, sparsam durchgeführt!

Sanft geht die Autorin weder mit der alten Generation in Indien um noch mit den Exilanten in den USA, derweil sie zwischen den Schauplätzen springt und die Geschichte verschränkt. Lahiri entlarvt alles Politische als Splitter des Menschlichen – und nichts Menschliches ist ihr fremd. «Sie waren zusammengeprallt und auseinandergegangen», analysiert Subhash seine Ehe. Die Analyse könnte für alle Gestalten gelten. Dennoch verneigt sich die Autorin vor der Liebe – und beglückt uns mit dem zarten Aroma eines bittersüssen Märchens.

Jhumpa Lahiri liest am Freitag im Rahmen der L-Reihe im Kaufleuten. Ausverkauft, noch wenige Restkarten bei Orell Füssli Kramhof und an der Abendkasse.

Erstellt: 09.09.2014, 02:48 Uhr

Leseprobe

(Cover anklicken für die Leseprobe)

Jhumpa Lahiri: Das Tiefland. Roman. Aus dem Englischen von Getraude Krüger. Rowohlt, Hamburg 2014. 523 S., ca. 34 Fr.

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