Rezension

Schläuche um Eier

Von der Verfertigung des Albtraums beim Schreiben: H. R. Gigers Tagebücher der «Alien»-Jahre sind erschienen.

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Seine Biester sind grässlich und die Handschrift ist auch nicht schön. Wer sich durch die nun als Faksimile veröffentlichten Tagebücher von Hansruedi alias H. R. Giger lesen will, braucht gute Augen und viel Geduld. Zumal der Designer seine Gedanken kraus durcheinander und mit billigstem Schreibzeug, mit Kugelschreiber und Bleistift, festgehalten hat.

Doch wer sich – oder die Transkription am Buchende – bemüht, erhält Einblick in die Kreation eines der schaurigsten Monster der Filmgeschichte: Die Notizen entstanden während Gigers künstlerischer Blütezeit, zwischen Winter 1978 und Winter 1979. In dieser Zeit arbeitete der Bündner, der sich mit Skulpturen wie der «Gebärmaschine» oder dem «Kofferbaby» international einen Namen gemacht hatte, mit Ridley Scott in London am künftigen Science-Fiction-Klassiker «Alien». Er entwarf ein ikonisches Mischwesen, ein Hybrid aus Eidechse, Piranha und Made, das ihm wenig später den Oscar für Spezialeffekte einbringen sollte.

Das Tagebuch demonstriert, wie perfektionistisch Giger an seinem Alien tüftelte. Jedes Detail musste stimmen und handwerklich erprobt werden («In den Studios am Finger modelliert. Hoffe, morgen einen Abguss machen zu können»). Ständig suchte er nach besserem, das heisst praktischerem und zugleich schrecklicherem Material. Giger illustrierte sein Tagebuch mit Arbeitsskizzen, mit denen er den Effekt neuer Installationen («Schläuche um Eier») testete. Dazu kommen Polaroidfotos mit den neusten Masken und Puppen und mit Aufnahmen vom Film-Set.

Die Einträge zeigen, wie eng der Schweizer mit Regisseur Scott zusammenarbeitete, wie anstrengend aber auch seine künstlerische Selbstbehauptung im Umfeld der sehr aufwendigen und teuren Produktion war. Einmal möchte Scott mit dem Kopf des Aliens «rumexperimentieren», erzählt Giger – «aber ich habe Angst, dass der Kopf dadurch Schaden nimmt.» Ein anderes Mal ärgert er sich über einen Financier, der das Set inspiziert und das Filmteam zu rascherer Arbeit antreibt. Mit den Londoner Exzessen kommt er nur schlecht zurecht («Gestern zu viel durcheinander getrunken … habe die grösste Mühe, mich auch nur fortzubewegen»).

«Ich Idiot»

Es ist eine aufreibende Zeit für den introvertierten Künstler, der tagsüber seine Entwürfe auf dem Set verteidigt und danach bis tief in die Nacht an seiner Kreatur arbeitet. Riesig ist die Erleichterung, wenn er in sein Häuschen in Oerlikon und zu seinen geliebten Katzen zurückkehren kann: «Das schwarze Schloss ist der schönste Ort auf der Welt.» Immer wieder fühlt sich Giger von seinem Arbeitgeber benachteiligt. Dann packt ihn die Wut: «Und ich Idiot habe noch die Kosten der Fräsermaschine übernommen, die 1000 Franken, die eigentlich Century Fox bezahlen sollte.» Verschiedene Passagen erschienen dem Tagebuchschreiber im Nachhinein als zu drastisch, weshalb er sie vor Drucklegung mit Korrekturflüssigkeit unkenntlich gemacht hat.

Dieser Zensureingriff ist ein Manko, das allerdings durch die hohe Dichte an Emotionen, Reflexionen und kunsthandwerklichen Details des 660-seitigen Buchs und nicht zuletzt durch dessen durchdachte und nuancierte Aufmachung mehr als wettgemacht wird. Zum Schluss des Bandes notiert ein müder Giger, wie Scotts Filmcrew ihn herzlich verabschiedet und die Hoffnung auf eine künftige Zusammenarbeit äussert. «Ich glaube nicht daran», notiert Giger, voller Skepsis gegenüber der grossen Filmwelt. Zwar kam es zu keiner revolutionären Kollaboration mehr, dennoch sollte er sich täuschen: Im letztjährigen Blockbuster «Prometheus» glitt ein Raumschiff, das Giger in seiner «Alien»-Zeit kreiert hatte, durchs All – und wieder hiess der Regisseur Ridley Scott. (Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

Erstellt: 30.07.2013, 12:41 Uhr

Giger, Hansruedi, «Alien Tagebücher / Alien Diaries», Edition Patrick Frey, 660 Seiten, ISBN 978-3-905929-45-4, CHF 120.00.

Alien Tagebücher

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