Schlangenlinien im Sand

Im neuen Band «Lucky Luke sattelt um» setzt der deutsche Zeichner Mawil den berühmten Comic-Cowboy aufs Fahrrad.

Eine der beliebtesten Comicfiguren im deutschsprachigen Raum: Der «Poor Lonesome Cowboy» Lucky Luke. Foto: Lucky Luke Comics, 2019 by Mawil

Eine der beliebtesten Comicfiguren im deutschsprachigen Raum: Der «Poor Lonesome Cowboy» Lucky Luke. Foto: Lucky Luke Comics, 2019 by Mawil

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Die Zukunft gehört dem Fahrrad. Das wusste schon Paul Newman als Butch Cassidy im Westernklassiker «Butch Cassidy and the Sundance Kid». Da kurvt er auf einem neumodischen Drahtesel zu «Raindrops Keep Fallin’ on My Head» herum, die schöne Etta auf der Lenkstange. Nun wird ein weiterer klassischer Westernheld zum Radfahrer. In «Lucky Luke sattelt um» tauscht der berühmte Cowboy mit der Tolle seinen Schimmel Jolly Jumper gegen ein seltsames Gefährt mit zwei Rädern: «Was . . . für . . . eine . . . bescheuerte . . . Erfindung!», ächzt Luke, während er einen Hügel ­hinaufstrampelt.

Erfunden hat dieses Ding ein gewisser Albert Overman, ein kleiner Herr, dem Luke in den Weiten der Prärie begegnet. Overman schleppt eine grosse Holzkiste mit sich herum, in der sich das erste Modell eines modernen Fahrrads befindet. Er will beweisen, dass dieses Rad den gängigen Hochrädern überlegen ist, und möchte deshalb an einem Radrennen in San Francisco teilnehmen. Luke erweist sich wie immer als selbstloser Helfer in der Not. Und das ist auch nötig, denn ein skrupelloser Konkurrent Overmans will um jeden Preis verhindern, dass dieser und sein Rad heil ans Ziel kommen.

Besonderes Interesse

«Lucky Luke sattelt um» ist Teil eines Trends, der in den fran­zösischsprachigen Comics seit einem Jahrzehnt immer stärker geworden ist: Klassische Serien werden durch teils radikale Neubearbeitungen namhafter Zeichner revitalisiert. Vorreiter ist die «Spirou»-Serie, ähnlich aufgefrischt wurde «Valerian und Ve­ronique», und auch von «Lucky Luke» sind bereits zwei «Hommagen» erschienen. Dass ein deutscher Zeichner seine Version eines Klassikers präsentieren darf, ist aber etwas Besonderes.

Der 1976 geborene Mawil – bürgerlich: Markus Witzel – zählt zu den profiliertesten deutschsprachigen Graphic-Novel-Zeichnern. Er gehört einer Generation an, die vor rund 15 Jahren antrat, um dem Erzählen im Comic ­wieder zu seinem Recht zu verhelfen. In den meisten seiner Arbeiten schöpft Mawil aus eigenen Erfahrungen, verfällt aber nicht in die Jammerlappenhaf­tigkeit, die viele andere autobiografisch inspirierte Comics so ­anstrengend macht.

Angesichts dessen mag Mawils Interesse an Lucky Luke verwundern. Der Cowboy, der 1946 vom belgischen Zeichner Morris erfunden wurde und dessen Abenteuer lange René Goscinny schrieb, ist nicht nur ein europäischer Comic-Mythos, sondern eine der beliebtesten Comicfiguren im deutschsprachigen Raum. Mawils Annäherung an Luke geschah über einen Umweg: «Da hat mir Overman geholfen, weil er zwar ein toller Fahrradkonstrukteur ist, aber sonst Schwierigkeiten hat, sich in der Welt zurechtzufinden.» Ausserdem hat Mawil dem ­Cowboy menschliche Schwächen zugestanden: «Er ist natürlich supercool, aber ich lasse ihn ­wenigstens ein bisschen schwitzen. Er kann sich bei mir nicht immer mit einem gezielten Schuss aus jeder brenzligen Situation hinausschummeln.»

Enttäuschung und Eifersucht bei Jolly Jumper

Lustig ist «Lucky Luke sattelt um» natürlich trotzdem. Der ­Humor ist bei Mawil nur etwas schärfer als sonst. Die Gags sind das Ergebnis eines sorgfältigen Ausleseprozesses: «Ich habe mir überlegt: ein Fahrrad im Wilden Westen – was kann da passieren? Alle Gags, die mir so eingefallen sind, habe ich aufgeschrieben, und als ich eine lange Liste hatte, habe ich mit dem Überprüfen angefangen.» Wie gut Mawil, der selbst passionierter Radfahrer ist, sein Humorhandwerk versteht, zeigt etwa die Szene, als Lucky Luke zum ersten Mal auf das neumodische Rad-Ding steigen muss. Ein durchschnittlicher Zeichner hätte eine Slapstick-Szene daraus gemacht. Mawil aber zeigt nur zwei Verfolger ­Lukes, die anhand der merkwürdigen Spuren im Sand – Schlangenlinien, Hand-, Fuss- und sogar ein Hinternabdruck – darüber rätseln, was hier passiert sein könnte. Ihr staunendes Fazit: Zwei besoffene Schlangen müssen Lucky Luke gefressen haben.

Und dann ist da ja auch noch Jolly Jumper. Ihm hat Mawil sich mit besonderer Liebe zugewandt. Die Enttäuschung und die Eifersucht des Pferdes, das den Eindruck hat, von seinem Herrn ­zugunsten eines zweirädrigen Metallgestänges abgeschrieben worden zu sein, verleihen dem Album einen Human Touch, den man in «Lucky Luke» sonst nicht findet. Dass Luke am Ende wie stets «I’m a Poor Lonesome Cowboy» singend davonreitet, ist hier erstmals mehr als die Parodie eines Klischees: Er hat ja wirklich bloss sich und Jolly Jumper. Zum Glück sind die zwei dann wieder vereint; nur dass am ­Sattel nun eine Fahrradklingel klemmt: «Ring, ring!»

Erstellt: 31.05.2019, 19:55 Uhr

Mawil: 

Lucky Luke sattelt um

Egmont Comic Collection, Berlin 2019. 64 S., ca. 24 Fr.

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