Schluss mit Kuscheln

Die 28-jährige Berlinerin Meredith Haaf hat mit «Heult doch» ein erfrischend kritisches Buch über ihre Generation geschrieben.

«Jungsein ist heutzutage nicht viel mehr als eine Depression»: Meredith Haaf, Journalistin und Buchautorin aus Berlin.

«Jungsein ist heutzutage nicht viel mehr als eine Depression»: Meredith Haaf, Journalistin und Buchautorin aus Berlin. Bild: PD

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Das Lieblings-Schimpf- und oft auch -Kosewort, das sich Jugendliche in Zürichs Strassen derzeit zurufen, lautet: «Hey, du huere Missgeburt!» Natürlich ist dies eine Ausgeburt ironischer Verdrehtheit, aber trotzdem fragt man sich manchmal leise: Woher kommts? Welcher grundsätzliche Pessimismus schwingt da mit? Die Jugend von heute lebe eben in postoptimistischen Zeiten, würde Meredith Haaf sagen, die 28-jährige Berliner Journalistin und Autorin des Buchs «Heult doch – Über eine Generation und ihre Luxusprobleme».

Sie meint damit Menschen in ihren Zwanzigern, aber man könnte die 16-Jährigen, die sich als Missgeburt bezeichnen, ruhig auch noch dazurechnen. Weil sie vor den gleichen Problemen stehen. Etwa davor, dass ein Erwerbsleben ohne Perioden der Arbeitslosigkeit heute eigentlich nicht mehr denkbar ist. Dass Jugendarbeitslosigkeit wahrscheinlicher ist, als eine Lehrstelle zu finden. Dass man zu einer Leerstelle in der Gesellschaft zu werden droht, sobald man das familiäre Nest und die damit einhergehende verhältnismässige finanzielle Sicherheit verlässt. Und dass der Absturz in die Bescheidenheit und oft auch in die Bedeutungslosigkeit umso drastischer ist, je länger und besser und behüteter eine Ausbildungszeit dauerte.

Der ängstliche Mensch

Auf ein Studium, so beschreibt Meredith Haaf höchst anschaulich, folgt für viele gleich das Prekariat. Jungsein heutzutage ist nicht viel mehr als eine anhaltende Depression. Wenn da nicht die Überlebensstrategien wären. Früher hätte man sie Lebenslügen genannt. Heute heissen sie Lifestyle. Denn im Postoptimismus, so sagt Meredith Haaf, konzentriert sich der junge Mensch mit aller Macht auf eine positive Selbstinszenierung. Er kaschiert seine Ängstlichkeit mit Freundlichkeit. Er mag Dinge, auch sehr gern die modisch korrekte Oberfläche. Er verabscheut nichts, jedenfalls nicht merkbar. Deshalb gibt es auf Facebook seit 2009 auch eine «Gefällt mir»-Funktion – die Faust mit dem nach oben gereckten Daumen –, aber kein «Gefällt mir nicht»-Symbol. In der Kuschelarena der Jetztzeit bewerten die Gladiatoren, die um Aufmerksamkeit kämpfen, einander positiv oder gar nicht. Gepflegte Ignoranz ist das Schlimmste, was man einander antun kann.

Der gefällige und gefallsüchtige junge Mensch ist logischerweise konfliktscheu. Er mag Kritik nicht und kritisiert selbst nicht gern, weil er mit dem Medium Kritik zu wenig vertraut ist, um selbstbewusst damit umzugehen. Gegenüber der Politik verspürt der mittelständische Mittzwanziger ein vages Missbehagen: Politik heisst, Konflikte offen auszutragen, Entscheidungen zu fällen und Haltungen einzunehmen. Lieber geht er deshalb – Umfragen in der Schweiz bestätigen dies regelmässig – erst gar nicht wählen. Er ist zwar vernetzt, aber den «Gefällt mir»-Daumen für Protestierende in Kairo anzuklicken, erfordert weniger Aufwand, als einen Stimmzettel auszufüllen.

Die Abwesenheit von Kritik fängt für Meredith Haaf beim abwesenden Generationenkonflikt an: Denn der junge Mensch von heute, der ohne Probleme bis 25, gelegentlich auch bis 30 zu Hause wohnen bleibt, kennt keine Reibung mit seinen Eltern. Er möchte auch eigentlich gar nicht anders sein als sie, er möchte sich bloss den Standard bewahren können, mit dem er aufgewachsen ist. Und weil das heute schon beinah realitätsfremd ist, bleibt er gern zu Hause hängen, auch wenn sich seine Kindheit dadurch weit über die Volljährigkeit hinaus verlängert. Stets begleitet vom «Heute möchte ich ja wirklich nicht jung sein! So viele Möglichkeiten und so viele Unsicherheiten!» der eigenen Eltern.

Die ist doch erst 28!

Klar, dass so ein ängstliches ewiges Kind auch in der Arbeitswelt mit Flexibilität und Anpassungsfähigkeit auszuharren versucht, statt auf die eigene Leistung und den eigenen Wert zu pochen. Und dadurch die zermürbende Schlaufe aus unter- oder gar unbezahlten Teilzeitjobs und Praktika nur noch verlängert.

Das gut reflektierte Befindlichkeits-Jammern über die gesellschaftlich und selbst verschuldeten Zustände ist nichts Neues, das machen heute gern viele jüngere und mittelalte Autoren, es herrscht eine wahre Inflation an zerknirscht Verzagten. Viele davon sind wie Meredith Haaf Journalisten und sitzen am Strom der Information, etwa Manuel J. Hartung und Cosima Schmitt von der «Zeit» und der taz mit «Die netten Jahre sind vorbei. Schöner Leben in der Dauerkrise» (2010) oder Nina Pauer, ebenfalls von der «Zeit», mit «Wir haben keine Angst: Gruppentherapie einer Generation» (2011, TA vom 15. 12.). Sie alle haben erkannt, dass Florian Illies’ eitles Retro-Szene-Geplänkel in «Generation Golf» (2002), das den Generationen-Bücher-Boom unter deutschsprachigen Autoren eröffnete, nichts war als ein letztes, dekadentes Aufbäumen des Dotcom-Fin-de-Siècle. Seither gehts bergab, die Welt fiel von einer Wirtschaftskrise und Umweltkatastrophe in die nächste, und Deutschland erfand Hartz IV.

Meredith Haaf, die Geschichte und Philosophie studiert hat und als Journalistin für «Neon» und das Magazin der «Süddeutschen Zeitung» schreibt, ist da erfrischend direkt. Sie nimmt ihre Generation in den Schwitzkasten grundsätzlicher Kritik, demontiert das Kuschel-Gekusche, den freundlichen Autismus, den biederen Fleiss und die Mutlosigkeit. Sie klagt aber auch an, die Wirtschaft, die Gewerkschafen, die Parteien, fordert überall mehr Teilnahmerecht, Reformen, kollektives Engagement, das sich ausserhalb der virtuellen Wellnesszonen vollzieht. Sie rüttelt kraftvoll an den Toren der Macher und der Ohnmächtigen, und immer wieder denkt man sich verblüfft: Dabei ist die doch erst 28! Eine Schwäche muss man dem Buch nachsehen: Es prescht nicht immer so imposant vorwärts wie in den ersten und den letzten Kapiteln, dazwischen macht es ein paar Loops, ein paar Motive werden überstrapaziert, man muss ein bisschen Geduld haben. Aber die lohnt sich.

«Er wird Feminist werden»

Vor drei Jahren hatte Meredith Haaf mit Susanne Klingner und Barbara Streidl bereits den Soft-Feminismus-Bestseller «Wir Alphamädchen: Warum Feminismus das Leben schöner macht» geschrieben und für mehr Sexiness und erotisches Kapital im Kampf um die Gleichberechtigung plädiert. Aus dem Buch ergab sich ein preisgekrönter Blog; er heisst Maedchenmannschaft.net, wendet sich an «Feministinnen, Feministen und alle, die es werden wollen» – und ist weit radikaler als das Buch.

Meredith Haaf hat sich in diesen drei Jahren ebenfalls radikalisiert, hat sich abgewandt von jeder gefälligen, sexy Kostümierung des F-Worts. Es gibt in ihrer Welt inzwischen weder High Heels noch andere Anbiederungen, sondern Forderungen und Vorwürfe ohne Umschweife, und sie hat auch keine Scheu davor, sich am Internationalen Frauentag auf ein kämpferisches Podium zu setzen. Und über ihren kleinen Sohn, der erst ein paar Monate alt ist, sagt sie in aller Öffentlichkeit: «Er wird Feminist werden, wenn er gross ist.»

Meredith Haaf: Heult doch – Über eine Generation und ihre Luxusprobleme. Piper, München 2011. 236 Seiten, ca. 15 Franken. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 19.12.2011, 07:36 Uhr

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