Schöne Schlange

Ein brillantes Buch führt anhand der Schlangenlinie von Höhlenzeichnungen bis hin zur zeitgenössischen Kunst. Das Reptil hat Künstler aller Epochen verführt.

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Kein guter Ruf, aber mit faszinierenden Ambivalenzen ausgestattet – die Schlange hat sich mit Inbrunst und Schläue immer wieder durch unser Leben und die Kunstgeschichte geschlängelt. Als christliches Symbol der Sünde mit dämonischen Zügen, aber auch als Beschützerin. Als Zeichen für Energie, unermüdlich auf Verwandlung und Variation aus. Das machte sie für Künstler aller Epochen so interessant. Im Jugendstil war sie ein plauderndes Ornament, bei den Surrealisten der bestimmende Kammerton des Schaffens, für Klee und Kandinsky wurde sie zum Symbol der Befreiung. Klee wollte ihre schwüle Erotik und ihre überladene Bedeutung versachlichen; er brach ihre Linie, zerstückelte und sezierte sie.

Energien, die sich annähern, auseinanderdriften und sich doch wieder treffen: «Die Vielseitigkeit auszusprechen mit einem Wort», nannte Klee das im übertragenen Sinn. Nun könnte man auch weniger theoretisch, sondern pragmatisch an die Sache herangehen und die Wellenlinie als schmückendes Beiwerk, als nette Arabeske betrachten, was sie etwa im Rokoko auch war. Schliesslich ist das Ende der einen Sache stets der Beginn einer anderen. Doch in der Schlange steckt mehr: das sich windende, erotische Potenzial der Verführung.

Eine teuflische Agentin der Sünde war sie von Anfang an. In Teufelsgestalt konnte sich Satan nicht zeigen, sonst wäre er im Paradies sofort erkannt worden. Und als weisse Taube aufzutreten, hatte ihm Gott nicht gestattet, denn die Taube war bereits für den Heiligen Geist reserviert. Es sind anschauliche Geschichten wie diese, die uns der 2013 verstorbene deutsche Kunsthistoriker Werner Hofmann, der langjährige Leiter der Hamburger Kunsthalle, in seinem letzten Buch präsentiert.

Ein kunstgeschichtlicher Krimi

«Die Schönheit ist eine Linie», das bei seinem Tod bereits als fertiges Manuskript vorlag, fängt gewissermassen bei Adam und Eva an, bei der Darstellung der Schöpfungsgeschichte in Michelangelos berühmtem «Sündenfall» 1509. Was aber nicht heisst, dass Hofmanns Schilderungen langatmig wären. Das Buch liest sich wie ein kunstgeschichtlicher Krimi über menschliche Imaginationen und das, was Kunst, Kunsthandwerk und Populärkultur aus der Linie geschöpft und gemacht haben. Es ist unglaublich, wo Hofmann überall gräbt und forscht, um der Bedeutung der Schlange auf die Spur zu kommen. Sogar bei den alten Wiener Caféhausstühlen aus gebogenem Holz der Gebrüder Thonet wird er fündig.

Weil Hofmann einerseits ein sehr scharfer Beobachter war (was sich in vielen ausgezeichneten Bildbetrachtungen zeigt), aber auch ein genau formulierender Autor, kann der Leser aus dem Buch eine Menge Honig saugen und anthropologische Einsichten gewinnen. Hofmann diskutiert steinzeitliche Felsmalerien, Dürer-Zitate wie «Mit der Schlangenlinie lässt sich gar wunderbarlich Ding machen», und er erkennt im höfischen Menuett-Tanz die S-Linie als erotisches Konzentrationsfeld, wo sich die Tänzerinnen und Tänzer immer wieder finden.

Schöner als Zickzack

«Warum wird die Schlangenlinie für die Schönste gehalten?», fragte sich der junge Schiller 1793, und er antwortete: «Weil sie sinnlich vollkommen ist. Es ist eine Linie, die ihre Richtung abändert (Mannigfaltigkeit) und immer wieder zu derselben Richtung zurückkehrt (Einheit).» Es ist fast rührend, Schillers Zeichnungen im Buch zu verfolgen. Als Dialektiker begnügte er sich nicht mit der Wellenlinie, sondern stellte ihr eine Zickzacklinie gegenüber. Die zwar auch über Einheit und Mannigfaltigkeit verfüge, so Schiller, aber nicht schön sei, weil sie die Richtung abrupt wechsle.

Mit ihrer ästhetischen Energie und Doppeldeutigkeit trieb die Linie die Fantasie der Künstler an – Munch etwa verwendete sie oft als dunkle, Unheil bringende Wellen. Aber auch die Kunsthandwerker machten sich über die Schlangenlinie her. Besonders interessant ist im Buch das Beispiel eines französischen Möbels von 1839, genannt Dos à Dos. Ein zweisitziges Sofa mit einer senkrechten, s-förmig geschwungenen Trennwand, die zwischen den Gesprächspartnern verläuft. Man schaut sich nicht an, redet aber miteinander; Konversation als spielerische Einladung zum Positionswechsel fand ihren Niederschlag in einer Möbel-Metapher.

Im Grunde war dieses Sofa eine Gebrauchsanweisung für den Doppelsinn. Geistreiches Plaudern war in der Mitte des 19. Jahrhunderts in den Pariser Salons schwer angesagt. Der Autor und Spötter Nicolas Chamfort schrieb damals: «In Frankreich scheint jedermann Geist zu haben. Der Grund ist einfach: Da bei uns alles eine Folge von Widersprüchen ist, genügt schon die leiseste Aufmerksamkeit, um sie miteinander zu verbinden.» Rede und Gegenrede, Abstossen und Vereinigung – die Schlangenlinie bringt es exakt auf den Punkt.

Werner Hofmann: Die Schönheit ist eine Linie. Verlag C. H. Beck, München 2014. 223 S., ca. 45 Fr. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 24.02.2015, 18:54 Uhr

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