«Schreiben ist wie fliegen»

Die koreanische Autorin und Übersetzerin Bae Suah ist für fünf Monate Writer in Residence in Zürich. Sie liebt die Sprachmusik von Robert Walser. Am Mittwoch tritt sie im Literaturhaus auf.  

Zählt sich nicht zu den politischen Intellektuellen ihres Landes: Schriftstellerin Bae Suah in Zürich. Foto: Reto Oeschger

Zählt sich nicht zu den politischen Intellektuellen ihres Landes: Schriftstellerin Bae Suah in Zürich. Foto: Reto Oeschger

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

«Ich mag keine Journalisten», sagt die Heldin ihres Romans. «Wie sie sprechen, wie sie schreiben, wie sie ihre Visitenkarten hervorkramen.» Die Erwähnung der Stelle ist ein etwas provokativer Gesprächseinstieg, den Bae Suah aber charmant und diplomatisch pariert: Bei ihr komme es ganz darauf an. Darauf, wie die Begegnung verläuft.

Sprachlich schon mal problemlos: Die 53-jährige Koreanerin spricht ein fliessendes, wenn auch sehr leises Deutsch, sodass sich der Journalist im hohen Geräuschpegel des Zürcher Cafés immer wieder weit vorbeugen muss. Gelernt hat sie es in Berlin. Und wie sie dorthin kam, ist bezeichnend für das Leben wie das Schreiben von Frau Bae (in Korea steht der Nachname vorn). Sie hatte sich eine einjährige Pause erspart, die sie im Ausland verbringen wollte, «um nichts zu tun». London war eine Option, aber eine teure. Eine Freundin sagte ihr, Berlin sei die billigste westliche Grossstadt. Also flog sie dorthin.

Einsam, aber nicht zu sehr

2001 war das. Bae Suah mag die Einsamkeit, aber auch nicht zu viel davon; also buchte sie einen Sprachkurs, und nach sechs Monaten lernte sie weiter: indem sie deutsche Literatur las. Das gab ihrem Leben eine entscheidende Wende: Heute übersetzt sie im Zweitberuf deutsche Literatur – Kafka, Sebald, Erzählungen von Robert Walser. Den mag sie besonders, sie findet, Walsers Rhythmus, seine Musik lasse sich besonders gut ins Koreanische übertragen.

«Nichts machen»: Das war in ihrer Jugend ihre Form der Rebellion, gegen die Eltern, gegen die Verhältnisse. Natürlich musste sie dann doch etwas tun. Chemie studieren. Auf einem Flughafen arbeiten. 1990 besuchten sie und die Kollegen eine Computerschule, jeder sollte zur Übung irgendeinen Text eingeben. Bae Suah dachte sich einen aus. «Ich schrieb einen Satz, ohne zu wissen, wie der nächste sein würde. Dann den nächsten.» Und so weiter. Am Schluss war ihre erste Kurzgeschichte fertig. Eine Zeitschrift druckte sie ab. Es folgte Auftrag auf Auftrag, das angesparte Jahr Berlin. Inzwischen sind einige Romane entstanden, die sie auf Reisen schreibt; wenn sie zu Hause in Seoul ist, übersetzt sie. Vom Schreiben ernsthafter Literatur könne man in Korea nicht leben.  

In die Literatur geraten 

So ist Bae Suah in die Literatur geraten. Und so, sagt sie, entstehen auch ihre Bücher: Satz für Satz, ohne im Voraus entwor­fenen Plot. Viel wichtiger sind Emotionen, Stimmung, Atmosphäre. So wie in «Die niedrigen Hügel von Seoul» ihrem einzigen auf Deutsch vorliegenden, aber noch nicht gedruckten Roman. Ein «Wir», namenlos und körperlos, begegnet an einem Bahnhof der Hauptfigur Kyung-hee, die von Reisen und Begegnungen erzählt. Sie ist «Bühnenrezitatorin», und bisweilen wirkt der Roman wie eine lange Rezitation, wobei die Übergänge von Erlebtem und Erzähltem, Geschehenem und Vorgestelltem fliessend sind.

Es gibt Ortsnamen wie Seoul, Wien, Berlin, aber vorherrschend ist der Eindruck einer grossen Ortlosigkeit, einer grenzenlosen Transitzone. Mit einem Begriff wie «Heimat» kann Bae Suah gar nichts anfangen. Ihr Leben und das ihrer Heldin besteht im Wechsel der Aufenthalte. «Wie kann eine 10-Millionen-Stadt wie Seoul Heimat sein?»

Sie selbst lebt ausserhalb, in einer «Nebenstadt». Nicht weit von der Grenze zum Norden. Das Thema ist unvermeidlich, auch wenn sich Bae Suah nicht zu den politischen Intellektuellen ihres Landes zählt. Das Kriegsgerassel zwischen Kim und Trump hat sie, wie ihre Landsleute, mit Gelassenheit zur Kenntnis genommen. «Wir waren schon immer bedroht, in meiner Schulzeit wurde uns jeden Tag eingetrichtert: Der Norden wird uns angreifen.» Wie sich Nord und Süd seit kurzem aufeinander zubewegen, das nimmt sie erstaunt und erfreut zur Kenntnis: «Wenn das jemand vor einem Jahr vorausgesagt hätte, man hätte ihm nicht geglaubt.»

Bae Suah nutzt die Zeit und schreibt Satz für Satz, oft selbst gespannt, wie es weitergeht.

Ob sie noch ein vereintes Korea erleben wird? Bae Suah wiegt den Kopf. Sie zieht selbst den Vergleich zur deutschen Wiedervereinigung, an die auch niemand geglaubt hat, um die Unterschiede zu markieren: Beide Landesteile haben, anders als die Deutschen, gegeneinander Krieg geführt. Erst mal müssten sie Frieden schliessen.

Zürich hatte sie – «ich war naiv» – für eine «Megastadt» gehalten, wegen des internationalen Rufes. Jetzt staunt sie, wie übersichtlich und sauber alles ist. Viel hat sie noch nicht gesehen, denn am liebsten sitzt sie in der Wohnung, die die Stiftung PWG dem Literaturhaus für das «Writer in Residence»-Programm zur Verfügung gestellt hat. «Nichts tun» – das ist vorbei. Sie nutzt die geschenkte Zeit und schreibt. Satz für Satz, oft selbst gespannt, wie es weitergeht. Eine intensive Erfahrung. «Schreiben ist wie fliegen!», sagt Bae Suah, und ihr Gesicht leuchtet auf.

Am Mittwoch 19.30 Uhrstellt Bae Suah im Literaturhaus Zürich ihren Roman vor.  (Redaktion Tamedia)

Erstellt: 01.10.2018, 18:20 Uhr

Artikel zum Thema

Die Barbaren sind immer die anderen

Stephan Thome erzählt von einem Bürgerkrieg im China des 19. Jahrhunderts und zeigt, worin der Reiz des historischen Romans liegt. Sein Buch steht auf der Shortlist des Deutschen Buchpreises. Mehr...

Vom Leid eines Künstlerkindes

Die norwegische Schriftstellerin Linn Ullmann beschreibt in einem gnadenlos ehrlichen Bericht, was es heisst, die Tochter weltberühmter Eltern zu sein.  Mehr...

Kollektiver Wahnsinn

Nick Drnaso zeichnet in «Sabrina» die USA als psychotisches Land. Seine Graphic Novel ist jetzt für den Man-Booker-Preis nominiert. Literaturpreise für Comics? Unbedingt. Mehr...

Die Redaktion auf Twitter

Stets informiert und aktuell. Folgen Sie uns auf dem Kurznachrichtendienst.

Newsletter

Der ideale Start in den Tag

Sonntags bis freitags ab 7 Uhr die besten Beiträge aus der Redaktion.
Newsletter «Der Morgen» jetzt abonnieren.

Kommentare

Blogs

History Reloaded Österreich ist, was übrig bleibt

Mamablog Mein Kirchentrauma

Die Welt in Bildern

Ein Sturm brachte heftige Regenfälle mit sich: Menschen warten in Indien auf den Zug. (18. Dezember 2018)
(Bild: PIYAL ADHIKARY) Mehr...