Schrieb der Vater von Anne Frank mit?

Das Urheberrecht am berühmten Tagebuch läuft aus. Ein Trick soll es bis 2050 verlängern.

Anne Frank, auf einem Foto von 1941. Damals war sie zwölf. Foto: Frans Dupont (Keystone)

Anne Frank, auf einem Foto von 1941. Damals war sie zwölf. Foto: Frans Dupont (Keystone)

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Wem gehört das Tagebuch der Anne Frank? Wer besitzt die Rechte an dieser heiligen Schrift des Schoah-Gedenkens? Wem stehen die – bei einer Auflage von dreissig Millionen nicht unbeträchtlichen – Tantiemen zu? Und wer hat es geschrieben? Fragen wie diese haben Öffentlichkeit und Gerichte schon öfter beschäftigt. Neonazis und Holocaust-Leugner wie David Irving und Robert Faurisson haben immer wieder bezweifelt, dass ein 14-jähriges Mädchen das wohl berühmteste Tagebuch der neueren Geschichte verfasst haben könne. Die infamen Fälschungsvorwürfe wurden durch zahlreiche forensische und grafologische Untersuchungen widerlegt.

Jetzt gibt es wieder Zweifel an Anne Franks Autorschaft. Gesät werden sie nicht durch Anti­semiten, sondern ausgerechnet vom Anne-Frank-Fonds in Basel, der die Rechte verwaltet und als Non-Profit-Organisation die Einnahmen für karitative Zwecke ausgibt. Die Stiftung will das Auslaufen ihrer Urheberrechte zum 1. Januar 2016 verhindern, indem sie Annes Vater Otto zum Mitautor des Tagebuchs erklärt: So würde das Werk nicht jetzt, 70 Jahre nach dem Tod Anne Franks im KZ Bergen-Belsen, gemeinfrei werden, sondern erst 2050, siebzig Jahre nach dem Tod Otto Franks. Dieser hatte auch verfügt, die von ihm 1963 gegründete Stiftung müsse sich auflösen, wenn die Urheberrechtsgelder versiegten.

«Der Streit schadet dem Tagebuch als historischer Quelle.»Source

Der juristische Trick liesse die Geldquellen länger sprudeln, aber er wirft Fragen auf. Was ist eigentlich noch von Anne Frank, wenn ihr Vater nicht nur der erste Lektor, sondern womöglich der legale Autor ist? Darf man ein Werk, das zum Unesco-Weltkulturdokumentenerbe und damit der ganzen Menschheit gehört, derart privatisieren? Das Amsterdamer Anne-Frank-Haus, das gerade eine neue Onlineausgabe des Tagebuchs angekündigt hat, hält den Plan der Basler Stiftung für höchst bedenklich. Sein Direktor fragt sich öffentlich, ob man Anne Franks «Erbe teilen will oder besitzen und kontrollieren».

Otto Frank hat das Tagebuch seiner Tochter zweifellos collagiert, redigiert und herausgegeben; so hat er Stellen gestrichen, in denen sich Anne über ihre Mutter beklagt oder ihre erwachende Sexualität andeutet. Aber er ist definitiv nicht der Urheber. Pikanterweise stützt der Fonds seine Argumentation auch auf das Vorwort, in dem Otto Frank sich 1952 ausdrücklich für die Autorschaft seiner Tochter verbürgte.

Stilles oder lautes Gedenken?

Die Querelen beschädigen nicht nur die Glaubwürdigkeit der Erben, sondern auch das Tagebuch als literarisches Dokument und historische Quelle. Wer Otto Frank aus durchsichtigen Gründen zum Co-Autor mache, sagt die Pariser Urheberrechtsexpertin Agnès Tricoire, stelle damit implizit Wahrheitsgehalt und Authentizität des Tagebuchs infrage. Der Sprecher der Basler Stiftung wird von der «New York Times» mit den Worten zitiert, es gehe nicht ums Geld: «Wir schützen Anne Frank. Das ist unsere Aufgabe.» Aber das ist nicht die ganze Wahrheit.

Der Streit zwischen der Amsterdamer Anne-Frank-Stiftung, die das Museum in der Prinsengracht verwaltet, und dem Basler Fonds schwelt schon lange; immer wieder gab es unterschiedliche Auffassungen über die Form des Gedenkens. Das Anne-Frank-Haus steht für eine eher offensive Vermarktung, welche die Basler Stiftung auch schon Missbrauch und Veruntreuung nannte: Gegen den Willen Otto Franks sei aus einem Ort stillen Gedenkens ein Rummelplatz des Betroffenheitstourismus gemacht worden. Der Basler Anne-Frank-Fonds bevorzugt eine nicht kommerzielle Erinnerungskultur, die sich im Einklang mit dem jüdischen Bilderverbot mehr an der Schrift orientiert. Was ihn nicht hindert, Filme, Apps, Theaterstücke und Anne-Frank-Ausstellungen zu initiieren oder lizenzieren.

Noch eine Co-Autorin

In der TV-Dokumentation «Meine Tochter Anne Frank» sah man Otto Frank gerade wieder kräftig redigieren und umschreiben. Im Tagebuch der Anne Frank heisst es am 5. Mai 1944 dagegen: «Es hat viel Kampf und Tränen gekostet, so selbständig zu werden, wie ich jetzt bin. Für meine Handlungen trage ich allein die Verantwortung.»

Inzwischen hat sich noch eine dritte Co-Autorin gemeldet: Mirjam Pressler, die 1991 die historisch-kritische Ausgabe der Tagebücher übersetzt und mit zusätzlichen Materialien erweitert hatte, vermachte ihre Urheberrechte dem Anne-Frank-Fonds. Sie laufen 2061 aus.

Erstellt: 18.11.2015, 20:31 Uhr

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