Schweizer Historiker weckt den Ärger der Albaner

Der Schweizer Historiker Oliver Jens Schmitt hat eine kritische Biografie über den albanischen Nationalhelden Skanderbeg geschrieben - und gleich eine Protestwelle ausgelöst.

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Bücher sind in dieser Stadt überall erhältlich. Sie liegen unter der Theke des Zigarettenverkäufers, am Zeitungsstand und natürlich in den Buchhandlungen. Die Strassenhändler in der albanischen Kapitale Tirana verkaufen hauptsächlich esoterische Druckerzeugnisse und die Romane des Brasilianers Paulo Coelho. Doch kürzlich haben sie auch ein Geschichtsbuch in ihr Angebot aufgenommen. Auf dem schwarzen Cover des Werkes von Oliver Jens Schmitt prangt das Porträt eines weissbärtigen Mannes, der schmächtig und altersmüde wirkt. Es ist das Porträt des legendenumwobenen albanischen Helden Skanderbeg, der im Mittelalter gegen die osmanischen Besatzer kämpfte.

Wechselvolle Geschichte

Schmitt ist ein junger Schweizer Historiker mit Jahrgang 1974 und gilt im deutschsprachigen Raum als einer der besten Kenner der Sozial- und Kulturgeschichte des albanischen Siedlungsraumes. Darüber hat er wichtige Arbeiten und Bücher veröffentlicht, die sich mit den Beziehungen zwischen Albanien und Venedig oder mit der wechselvollen Geschichte Kosovos befassen. Für Aufsehen sorgt der in Wien lehrende Wissenschaftler aber mit seinem neusten Buch, das nun in Tirana sogar von Tabakhändlern verkauft wird. Es ist eine fast 600-seitige kritische Biografie über Skanderbeg (1405-1468), die im vergangenen November in albanischer Sprache erschienen ist und im Herbst auf Deutsch vorliegen soll.

Für Schmitt besteht kein Zweifel, dass der Ritter der albanischen Berge eine der bedeutendsten historischen Persönlichkeiten Südosteuropas ist. Der Sohn eines Stammesführers kam im Knabenalter als Geisel an den Hof des Sultans in Istanbul. Wegen seiner Tapferkeit im osmanischen Heer wurde der Albaner Gjergj Kastrioti nach Alexander dem Grossen benannt, auf Türkisch «Iskander». Die grösste Wende in seinem Leben vollzog er im Jahr 1438, als Murad II. ihn nach Albanien entsandte. Bald verliess Skanderbeg das Heer des Sultans, bemächtigte sich der Festung Kruja und leistete 25 Jahre lang Widerstand gegen die Osmanen.

Er wurde schon zu Lebzeiten in ganz Europa berühmt. Der Papst würdigte seine Verdienste um die militärische Verteidigung des christlichen Glaubens gegen das Osmanische Reich und verlieh ihm den Titel «Athleta Christi». Berichte und Studien über ihn erschienen schon im 16. Jahrhundert auf Deutsch. Der Führer der Adlersöhne, wie die Albaner in der deutschsprachigen Literatur häufig genannt wurden, ist auch der Titelheld einer Oper von Antonio Vivaldi. «Skanderbegs Hauptverdienst war der Versuch, alle um sich zu scharen, die Albanisch sprachen, sie im gemeinsamen Kampf gegen die Türken zu vereinen», meinte einmal der albanische Schriftsteller Sabri Godo, der einen Roman über den Nationalhelden geschrieben hat.

Doch im Unterschied zu den albanischen Autoren, die Skanderbeg als mythischen Verteidiger seines Volkes und des Christentums gegen die Übermacht der Osmanen verklären, beschreibt der Historiker Schmitt den albanischen Fürsten als tragischen Helden, der einen aussichtslosen Kampf geführt und seine albanische Heimat ins Unheil gestürzt habe.

Aus Blutrache gegen die Türken

Skanderbeg habe die Rebellion gegen die Türken aus Blutrache angezettelt, weil der Sultan seinen Vater ermorden liess. Für diese Behauptung beruft sich der Historiker auf Quellen in italienischen Archiven. Zudem weist er darauf hin, dass Skanderbegs Vater Gjon Kastrioti in allen Dokumenten stets als «Ivan» auftaucht.

Diese Ansichten haben einen Sturm der Entrüstung in Albanien und in Kosovo ausgelöst. Historiker, Publizisten, Schriftsteller, Politiker und vor allem journalistische Trittbrettfahrer warfen Schmitt vor, er provoziere und beleidige das albanische Volk, indem er unterstelle, der Vater des Nationalhelden habe einen slawischen Namen getragen.

Als einer der Ersten protestierte Albaniens international bekanntester Schriftsteller Ismail Kadaré. Er bezeichnete Schmitts Buch als «Angriff auf die Freiheit», das zum Ziel habe, Skanderbeg zu «serbisieren». Staatspräsident Bamir Topi, ein ausgebildeter Biologe, wandte sich gegen die «elenden Versuche», die Grosstaten Skanderbegs in Frage zu stellen. In Internetforen wurde gegen Schmitt und den Übersetzer seines Buches Ardian Klosi offen gehetzt. Die emotionsgeladene Polemik hat nicht zuletzt auch Klosi entfacht, der mit den umstrittenen Thesen des Autors hausieren ging, oft in seinem Namen sprach und sich fast als Mitverfasser des Buches ausgab.

Schmitt behauptet, es gehe ihm keineswegs darum, Skanderbeg zu entmythifizieren. Er habe den albanischen Nationalhelden lediglich in den Kontext des regionalen und europäischen Umfelds seiner Zeit gestellt und nicht im Rahmen einer isolierten Nationalgeschichte betrachtet. «Dadurch», so Schmitt, «ergeben sich Erkenntnisse, die von den Interpretationen der nationalkommunistischen albanischen Historiografie und schönen Literatur abweichen.» Skanderbegs Familie stammte aus der Region Dibra, die sich heute an der Grenze zwischen Albanien und Mazedonien befindet. Das Gebiet war im Mittelalter sowohl von albanischen als auch von slawischen Stämmen christlich-orthodoxen Glaubens besiedelt. Skanderbegs Mutter Vojsava war eine Serbin aus der einflussreichen Familie Brankovic. Der Name des Stammes Kastrioti leitet sich laut Schmitt vermutlich vom griechischen Wort «kastron» (Festung) ab.

Weder ein Slawe noch ein Grieche

Das alles macht den albanischen Nationalhelden keineswegs zum Slawen oder Griechen, wie manche Stimmen in Tirana und in Pristina dem Autor der Skanderbeg-Biografie wütend unterstellen. Ivan war im Mittelalter auch unter den orthodoxen Albanern ein gebräuchlicher Vorname, worauf der berühmte kroatische Albanologe Milan Sufflay hingewiesen hat. Schmitt zeigt auf, dass auf dem Balkan im Mittelalter die Grenzen zwischen den Ethnien fliessend waren und vor allem die Verteidigung der christlichen Religion im Vordergrund stand. Die albanischen, bulgarischen und serbischen Fürstenhäuser pflegten enge Beziehungen zueinander und kämpften häufig gemeinsam gegen die osmanischen Eroberer.

Die Erinnerung an Skanderbeg wurde von katholischen Priestern in Nordalbanien und von Albanern, die nach dem Tode Skanderbegs nach Süditalien geflüchtet waren, wachgehalten. Seine Vergötterung in den albanisch besiedelten Gebieten auf dem Balkan begann jedoch erst im 19. Jahrhundert. Als Reaktion auf die anderen südosteuropäischen Nationalismen entwickelte sich damals langsam auch ein albanisches Nationalbewusstsein. Skanderbeg eignete sich als Symbol für die kulturelle und politische Einheit der Albaner auf dem Balkan, die noch heute drei Religionen angehören.

Der Nationalheld wurde als orthodoxer Christ geboren, musste am Hof des Sultans zum Islam konvertieren und kämpfte nach seiner Fahnenflucht als Katholik gegen das Osmanische Reich. In der kommunistischen Ära nach dem Zweiten Weltkrieg wurde Skanderbeg mit dem albanischen Diktator Enver Hoxha verglichen, der sein Land von der Aussenwelt abschottete und dem kapitalistischen Westen, später auch der Sowjetunion und China die Stirn bot und Albanien in einen Gulag am Mittelmeer verwandelte. Schulen, Militärakademien, höchste Orden und sogar der bekannteste albanische Cognac wurden nach Skanderbeg benannt.

In den vergangenen Jahren wurden auch in Kosovo und in den von Albanern bewohnten Städten in Mazedonien Skanderbeg-Denkmäler aufgestellt. Der Held dient nicht nur den Politikern als Symbolgestalt für die europäische Integration, sondern befeuert auch den albanischen Nationalismus auf dem Balkan. Vor diesem Hintergrund sind auch die Angriffe auf Oliver Jens Schmitt zu sehen. Die Wogen haben sich in den letzten Wochen aber ziemlich geglättet. Vor allem junge Historiker aus Albanien haben sich sehr kritisch über das Wiederaufleben autoritärer Denkweisen im Umgang mit der albanischen Geschichte und Wissenschaft geäussert.

Oliver Jens Schmitt. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 25.02.2009, 17:49 Uhr

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