Schweizer Promis verraten ihr Lieblingsbuch

Zu seinem 500. Geburtstag fragt Buchhändler Orell Füssli Kundinnen und Leser nach ihrer Lektüre. Wir wollten wissen, was Prominente am liebsten lesen.

Regula Mühlemann, Thomas Hürlimann und Tamy Glauser haben eins gemeinsam: Sie lesen gerne. Fotos: Henning Ross, Keystone, Getty Images

Regula Mühlemann, Thomas Hürlimann und Tamy Glauser haben eins gemeinsam: Sie lesen gerne. Fotos: Henning Ross, Keystone, Getty Images

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Corine Mauch, Stadtpräsidentin Zürich
Kurt Guggenheim: Alles in allem

Ein wahres Zürich-Epos. Guggenheim erzählt minutiös, feinsprachlich und bilderstark vom Leben und bewegten Zusammenleben unterschiedlichster Menschen im Zürich der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts. Ereignisse und ihre Schauplätze tauchen auf, wandeln sich – und bieten zahllose Anknüpfungspunkte, um vom Heute ins Gestern und zurück ins Heute zu sinnieren.

Stefan Küng, Radrennfahrer
Gregory Roberts: Shantaram

Das Buch handelt von einem australischen Kriminellen. Ihm gelingt die Flucht nach Indien, dort fängt er in den Slums ein neues Leben an. Er wird aber immer wieder von seiner Drogensucht und seiner kriminellen Vergangenheit eingeholt. Faszinierend an diesem Buch ist, dass es zeigt, wie das Leben immer wieder unvorhergesehene Überraschungen bereithält – und dass es nie zu spät ist, sich zu verändern.

Tamy Glauser, Model
Rüdiger Dahlke: Habakuck und Hibbelig

Eine unglaublich schön geschriebene Geschichte. Träumerisch und real. Gesellschaftskritisch und doch voller Liebe, auch zur Natur. Habakuck gehört nirgendwohin, passt aber trotzdem oder genau deswegen überall rein – darin ähnelt mir der Held. Es ist eine Geschichte, die man tausendmal lesen kann und in der man stets Neues entdeckt. Jeder, der offen für das Leben ist, wird sich in ihr wiederfinden können.

Regula Mühlemann, Sängerin
Florian Illies: 1913. Der Sommer des Jahrhunderts

Ich bin keine Buchsammlerin. Ich lese sie und gebe sie weiter. Hier war es anders. Als Sängerin beschäftige ich mich oft mit vergangenen Epochen. In meiner Arbeit überschneidet sich Musik mit ­Literatur, bildender Kunst und Politik – oft trockene Materie, die man, um sie lebendig zu machen, mit emotionalem Gehalt zu füllen versucht. Florian Illies schafft es auf herrliche Weise, den damaligen Zeitgeist einzufangen unddie grossen Persönlichkeiten menschlich erfahrbar zu machen.

Jacques Herzog, Architekt
Die Bücher von Yuval Harari

Lieblingsbuch habe ich keines. Lange habe ich aber nichts mehr gelesen, das mich und Millionen andere mehr fasziniert als die Texte von Yuval Harari. Was er schreibt und wie er schreibt. Ohne Firlefanz. Ohne Sprachschranke, ohne Metasprache – wie sie Philosophen meistens vor dem Leser aufbauen, wie eine Hürde, bevor sie in des Denkers Welt gelangen dürfen. Nicht so bei Harari. Er versetzt dich unmittelbar hinein in die Welt von heute. In die Probleme in unserer Welt.

Milo Rau, Regisseur
Leo Tolstoi, Anna Karenina

Kein Buch habe ich öfter gelesen. Zwischen meinem 13. und 25. Geburtstag vielleicht sechsmal. Keine ausgefallene Wahl, ich weiss. Vor ein paar Wochen erzählte mir ein Schauspieler, als wir zwei alternative Enden für ein neues Stück probten, Tolstoi habe in einer Fassung der «Anna Karenina» die Heldin überleben lassen, depressiv und vereinsamt. Erst­leserinnen zogen das suizidale Ende vor. Der Verleger machte Druck, Tolstoi gehorchte, und Anna stürzte sich unter einen Zug.

Karin Keller-Sutter, Bundesrätin
Rolf Holenstein: 1848

Rolf Holenstein zeigt auf, wie 1848 unser Bundesstaat entstanden ist. Er gewährt Einblick in die Arbeit der damaligen Revisionskommission. Mit ihren 23 Mitgliedern hat sie die Bundesverfassung entworfen und dabei so grundsätzliche Fragen wie das Zweikammersystem oder die Schaffung des Schweizer Binnenmarktes entschieden. Und das alles in 51 Tagen. Was als historisches Sachbuch daherkommt, liest sich wie ein Krimi. Und es erinnert uns daran, was die Schweiz ausmacht.

Mike Müller, Schauspieler
Jurek Becker: Jakob der Lügner

Jurek Beckers Erstling war für mich eine der Einstiegsdrogen in die Literatur. Ich lese das Buch alle paar Jahre mal wieder, und es hat für mich nichts an seiner Kraft eingebüsst. Wie bei anderen grossen Schriftstellern (ich hätte ebenso gut einen Roman von Philip Roth nennen können) ist bereits die erste Seite ein Hammer, und der Trost liegt darin, dass ein Autor so etwas Tieftrauriges wie das exemplarische Schicksal von Jakob dem Lügner sprachlich überhaupt fassen kann.

Nathalie Wappler, Direktorin SRF
Ian McEwan: Abbitte

«Abbitte» ist ein grosser Roman über Liebe und Trennung, Selbsterkenntnis und Schuld. So geschickt verwoben durch Zeit und Raum, dass man sich gerne hineinweben lässt. Briony Tallis ist eine typische 13-Jährige und will dazugehören zur Welt der Erwachsenen. Eine entscheidende Lüge wird Biografien zerstören, und man folgt nur allzu gern der Spur, dass es Versöhnung geben könnte. «Abbitte» ist ein ergreifend schönes Buch über den Versuch, mit Umständen umzugehen, die man nicht mehr ungeschehen machen kann. Ich werde es immer wieder lesen.

Thomas Hürlimann, Schriftsteller
Daniel Defoe: Robinson Crusoe

Die Grossmutter las es mir vor. Sie war damals schon alt und schlummerselig. Schlief sie ein, wollte ich wissen, wie die Geschichte weitergeht, griff mir das Buch, bestimmte erst einzelne Buchstaben, das O, dann einzelne Wörter: Robinson! Auf einmal konnte ich lesen und begab mich im Buchstabenmeer auf grosse Fahrt. Der Sturm warf mich an Land, auf die einsame Insel, wo ich zugleich der König und der einzige Untertan war. Auch Bücher sind Inseln. Deshalb wiederhole ich mit jedem Buch die ursprüngliche Ausfahrt und lerne leben, wie ich mit dem Robinson lesen gelernt hatte.

Patti Basler, Bühnenpoetin
Johanna Spyri: Heidi

Das dickste Buch im Regal war «Heidi» von Johanna Spyri. Ich mochte dicke Bücher und las es Dutzende Male. Es hat mich als Forschungsobjekt bis zum Abschluss meines Zweitstudiums begleitet: Literatur- und sozialgeschichtliche Aspekte, Erziehungsvorstellungen des späten 19. Jahrhunderts und unzählige fromme Gebete finden sich im Original. «Heidi», bemerken literarisch und theologisch Interessierte, ist Bekehrungs- und Bildungsroman. Die Lektüre lohnt immer wieder: Wer entdeckt das Gleichnis des verlorenen Sohnes? Wer die Referenz an «Wilhelm Meister»?

Erstellt: 19.05.2019, 16:53 Uhr

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