Schweizer Verlage brauchen deutsche Leser

Der Ammann-Verlag wird im Juni geschlossen. Für manche ein Fanal. Wir haben uns bei Schweizer Verlagen umgehört, die auch hiesige Autoren im Programm haben. Welche Probleme haben sie, welche Chancen sehen sie?

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Zu einer Kulturnation gehört – neben einem aufgeklärten, interessierten Publikum – eine lebendige Szene in allen Sparten: Theater und Film, klassische und Pop-Musik, bildende Künste und, last, not least, Literatur. Die Autoren eines Landes spiegeln dessen Gefühls- und Bewusstseinslage, nehmen Themen auf und vorweg. Damit die Leser dies wahrnehmen können, braucht es eine lebensfähige Verlagslandschaft. Idealerweise wird die Literatur, die in der Schweiz geschrieben wird, auch von Schweizer Verlagen betreut.

An deren Lebensfähigkeit sind Zweifel aufgekommen, als Egon Ammann seinen Entschluss bekannt gab, nach fast 30 Jahren seinen Verlag zu schliessen. Er nannte dafür nicht nur persönliche Gründe (das Alter!), sondern auch strukturelle: Ein anspruchsvolles Programm sei unter den gegebenen Bedingungen – Konzentrationsprozesse im Buchhandel, Bestselleritis, Kostensteigerungen – nicht mehr zu realisieren. Und anspruchsvoll war, was Ammann gemacht hat: Neben den grossen Werkausgaben (Dostojewski, Mandelstam, Machado usw.) kümmerte er sich auch intensiv um die Literatur der Schweiz. Er war eine der besten Adressen für Schweizer Autoren – nicht zuletzt deshalb, weil er auch in Deutschland einen exzellenten Ruf hatte. Durch die finanzielle Beteiligung von Monika Schoeller, Verlegerin von S. Fischer (der auch die Auslieferung in Deutschland abwickelte), hatte man gewissermassen einen Fuss in der Tür.

Der deutsche Markt

Das gelingt Schweizer Verlagen nur ausnahmsweise. Bei den drei grössten verbliebenen ist das der Fall. Diogenes – ohnehin der Gigant der hiesigen Verlagsszene, in jeder Beziehung herausragend – ist an jedem deutschen Bahnhof im Drehständer vertreten, ein Liebling der Buchhändler und der Buchkäufer. Er hat mit Martin Suter das augenblickliche Zugpferd unter den Schweizer Autoren im Programm («Der Koch» steht bei 300'000 Auflage), aber auch Urs Widmer, Rolf Dobelli, Lukas Hartmann, unter den Toten Friedrich Dürrenmatt und Hugo Loetscher. Starke Namen, die aber nur sieben Prozent der Diogenes-Autoren darstellen. Es sind Bestsellergaranten aus dem Ausland, von Donna Leon über John Irving bis Ian McEwan, die den Erfolg des Hauses ausmachen und die 54 Millionen Franken Umsatz ermöglichen.

Kein&Aber, mit über 6 Millionen Umsatz der zweitgrösste, macht 85 Prozent seines Geschäfts in Deutschland. Dort wird er wohl gar nicht als Schweizer Verlag wahrgenommen. Bei ihm stellen die Schweizer Autoren eine «Beimischung» dar, wie man bei einem Aktiendepot sagen würde; es sind 14 von 400 lieferbaren Titeln, darunter neu etwa Angelika Waldis und Philipp Tingler. Kein&Aber finanziert sich über einzelne zugkräftige Titel (wie David Nicholls) und das attraktive Hörbuch-Programm.

Nagel&Kimche ist schon deutlich kleiner, als Tochter des Münchner Renommierverlags Hanser aber fast noch besser mit dem deutschen Markt verlinkt als Ammann. Innerhalb der Hanser-Gruppe pflegt N-&-K-Verleger Dirk Vaihinger ein ausgesprochen schweizerisches Profil (drei Fünftel des Gesamtprogramms); mit Milena Moser und Charles Lewinsky hat er auch zwei bestsellerträchtige Pferde im Stall, betreut aber auch Jürg Acklin, Margrit Schriber, Silvio Huonder, an denen vermutlich nicht viel zu verdienen ist – was ja für einen engagierten Literaturverlag nicht das einzige Kriterium bei einzelnen Entscheidungen sein kann, wenn die Bilanz am Ende stimmt.

Auflagen sinken

Ein Empire State Building, zwei mittelhohe Gebäude, dann wirds, um im Bild der Stadt zu bleiben, bestenfalls drei- oder zweistöckig. Bücher aus Häusern wie dem Rotpunktverlag oder Lenos gelangen nur ausnahmsweise noch über die Grenze in den «grossen Kanton», die Ausstrahlung von Limmat, Salis oder Zytglogge endet an dieser Grenze. «Die Grenze ist dicht!», erklärt, mit Ausrufungszeichen, die Limmat-Verlegerin Liliane Studer. Roman Grafs Debütroman «Herr Blanc» etwa, der einige schöne Preise gewonnen hat, wurde in deutschen Zeitungen so gut wie nicht rezensiert, und in der Schweiz allein sind keine anständigen Auflagen zu erzielen. Diese gehen nach Beobachtung Studers ohnehin zurück; von einem Autor wie Emil Zopfi, der früher 4000 Stück verkaufte, würden heute nur noch 2500 gedruckt.

Bestätigung und Widerspruch dieser Beobachtung zugleich stellt der Bilgerverlag dar. Vor 13 Jahren gegründet, zeigt die Erfolgskurve stetig nach oben, sagt Ricco Bilger. Von Katharina Fabers «Fremden Signalen» etwa konnte er vier Auflagen drucken (und verkaufen), die «Schattwand» von Urs Augstburger liegt bei 20’000 Exemplaren, sein «Graatzug» schon bei 10'000; Zahlen, die nur zustande kommen können, wenn auch deutsche Buchkäufer zugreifen. Und das geht nur, wenn diese von den Büchern erfahren – durch Rezensionen in deutschen Medien also. Bilger rechnet vor, dass durch eine hymnische Rezension in der FAZ die Verkäufe von Kaspar Schnetzlers Roman «Das Gute» von 22 auf 3000 gestiegen seien – und zu einer Taschenbuchlizenz bei Suhrkamp führten. «Fremde Signale» startete nach einem Lob in der «Zeit» durch.

Lebendige Schweizer Literatur

Bilger erklärt seinen Erfolg mit stetiger und professioneller Arbeit; das Lektorat liegt etwa bei Christian Döring (Ex-Suhrkamp, Ex-Dumont, gerade zum Herausgeber der Reihe «Die Andere Bibliothek» berufen). Auch auf seine Pressefrau Anja Wehnekamp hält Bilger grosse Stücke. Hinzuzufügen wäre wohl noch, dass Bilger sich einerseits klug beschränkt; es gibt nur zwei Festangestellte, nämlich die beiden Inhaber, sonst nur Freie; verlegt werden nur vier bis sechs Titel pro Jahr. Andererseits ist Bilger seinen Autoren der beste Verkäufer, Presse-, Marketing- und Werbemensch. Er steht nicht an, die Schweizer Literatur (vorneweg natürlich seine eigenen Autoren) «auf Augenhöhe mit den entsprechenden europäischen Literaturen» anzusiedeln. Wahrscheinlich ist ein Stück dieses Selbstbewusstseins nötig, um Schweizer Literatur einigermassen dynamisch zu vertreten – auch ein Schuss Grössenwahn ist sicher hilfreicher als das immer wieder vernehmbare Gejammer, die Schweizer Literatur sei langweilig und fade. Genauso sieht es auch Liliane Studer von Limmat: Den hiesigen Autoren mangle es nicht an Qualität, ihnen schade vielmehr die vielerorts «internalisierte Überzeugung, dass aus der Schweiz nichts Überzeugendes kommen kann».

Aber könnte es nicht doch auch an den Themen liegen, dass es Büchern aus Zürich, Chur oder dem Emmental schwerfällt, Leser in München und Hamburg zu finden? Das mag kaum einer der Befragten so sehen. «Schweizer Themen», meint Dirk Vaihinger bloss, müssten in Deutschland mit deutschen Themen konkurrieren, das sei natürlich schwerer. Den «Sprachsound» nennt Beat Brechbühl (Waldgut) als Hindernis. Und wenn Literatur von vornherein unter Schweizer Flagge segle, wirke das halt provinziell, sagt Peter Haag von Kein&Aber. Schweizer Autoren sollten sich aber auch «der grossen Chance eines deutschsprachigen Hundertmillionen-Marktes stärker bewusst sein», zumal die Themen gerade massenhaft auf der Strasse lägen. Es gibt, mag der Kritiker hinzufügen, einfach zu wenig Bücher wie Rolf Lapperts «Nach Hause schwimmen», das mit seinem grossen Erzähl-Atem geradezu als unschweizerisch empfunden und auch deshalb enthusiastisch aufgenommen wurde.

Sind die Medien schuld?

Schneller einigen können sich die Schweizer Verleger auf einen anderen Schuldigen für ihre Schwierigkeiten am Markt, besonders am deutschen: die Medien. Die tun zu wenig, hört man immer wieder, sie besprechen zu wenig Schweizer Bücher. «Immer weniger Feuilleton-Unterstützung», beklagt Hugo Ramseyer vom Zytglogge-Verlag. Auch André Gstettenhofer (Salis) meint, Schweizer Medien sollten mehr Schweizer Autoren besprechen und weniger internationale Bestseller.

Es gebe immer weniger Platz für Buchbesprechungen, hat Tom Forrer von Lenos in Basel beobachtet. Beat Brechbühl stellt generell eine Reduktion des Feuilletons fest, Virgilio Masciadri vom Orte-Verlag «das immer fühlbarere Fehlen unabhängig denkender, verantwortungsbewusster Kritiker, die die Produktion kontinuierlich verfolgen». Die einen machen also die handelnden Personen auf der Vermittlungsebene selbst haftbar, die anderen sehen sie in ihrer Handlungsfähigkeit beschnitten: durch zusammengesparte Kulturteile und die Vorgabe, vor allem solche Bücher vorzustellen, die schon «im Gespräch» sind.

Verlagsförderung, aber wie?

Nun sind Verleger, auch von Schweizer Literatur, keine Träumer, sondern Realisten. Sie wissen, dass ihre Unternehmen betriebswirtschaftlich funktionieren müssen. Und sie haben, Stichwort Verlagsförderung, präzise Vorstellungen, wie man die Rahmenbedingungen dafür verbessern könnte. Keiner will einfach nur «Staatsknete». Ricco Bilger spricht von «Infrastrukturförderung». Peter Haag nennt Hilfen bei der Präsentation im Ausland, etwa auf der Frankfurter und Leipziger Buchmesse.

Haag spricht auch die Posttaxen an, die bei Presseerzeugnissen ja auch subventioniert würden. Markus Schneider vom ganz jungen Echtzeit-Verlag schlägt einen Sondertarif von zwei Franken für Bücher vor. Heute koste der Versand eines Buches, das mehr als zwei Zentimeter dick ist, acht Franken! Ein anderer konkreter Vorschlag kommt von Tom Forrer (Lenos): Eine Institution übernimmt das Autorenhonorar für die erste Auflage und überweist es bei Erscheinen komplett an den Autor: Der müsste nicht warten, bis die Verkäufe kleckerweise zu ihm gelangen, und das Budget des Verlags wäre um einen gewichtigen Posten entlastet.

Tatsächlich besteht, wie Dirk Vaihinger es nennt, eine Schieflage in der Schweiz: Die Autoren können eine Vielzahl von Förderquellen anzapfen und stattliche Summen für Werkjahre (40’000 Franken) beziehen, für die Verlage gibt es dagegen keine öffentlichen Gelder übrigens als einzige kulturproduzierende Unternehmen – man vergleiche etwa die Subventionierung von Theatern, Konzertensembles, Museen). Vaihinger bringt ein fiktives, aber sehr realistisches Beispiel: Ein Autor verkauft 1500 Exemplare eines Titels und erhält ein Werkjahr (40’000 Franken) und Preise (20’000 Franken). Das führt genau zu dem «schrägen Verhältnis» – der Autor ist zwar hoch dotiert, sein Verlag kann es sich aber bei solch einer niedrigen Auflage nicht leisten, sein nächstes Buch zu verlegen.

Hier müssen Bund, Pro Helvetia, Kantone und Städte tatsächlich überlegen, ob und wie sie die insgesamt beträchtlichen vorhandenen Fördergelder umschichten können. Auf die Entstehung von Meisterwerken hat die öffentliche Hand keinen Einfluss. Wohl aber darauf, dass diese ein wirtschaftliches Umfeld finden, in dem sie verlegt werden, in Schweizer, österreichische und deutsche Buchhandlungen gelangen, rezensiert, gekauft und gelesen werden. Eine Kulturnation ist nicht nur auf Ideen, sondern auch auf Bilanzen gegründet. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 23.04.2010, 07:46 Uhr

Ammann-Autoren

Wo sind sie geblieben?

Thomas Hürlimann ist sicher der erfolgreichste Schweizer Autor, den Egon Ammann betreut hat – er war von der Gründung an ein Begleiter und Berater des Verlags. Bei S. Fischer hat er eine neue Heimat gefunden und fühlt sich nach eigener Aussage sehr wohl dort. Hansjörg Schneider, mit den Hunkeler-Krimis ebenfalls ein «Ertragsbringer», firmiert künftig bei Diogenes. Der letzte Gedichtband der gerade verstorbenen Erika Burkart ist gerade beim Frankfurter Weissbooks-Verlag erschienen. Damit ist Egon Ammann auch schon zu Ende mit den guten Nachrichten. Ruth Schweikert sitzt an ihrem neuen Roman, sie hat Angebote, will sich aber erst entscheiden, wenn sie fertig ist. Ähnlich, sagt Ammann, hält es Jürg Halter. Nichts Konkretes kann er über Matthias Zschokke, Christina Viragh oder Helen Meier sagen, auch Christoph Geiser ist noch verlagslos.
Besonders bedauerlich sei der Fall des grossen Meinrad Inglin. «Eine Art Nationaldichter», findet Egon Ammann, der 1987 bis 1991 eine zehnbändige Gesamtausgabe herausgegeben hat. Diese wolle niemand übernehmen, obwohl er für die Rechte kein Geld verlangen und die Inglin-Stiftung alle Nachdrucke finanzieren würde.

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