Schweizer im deutschen Untergrund

Ulrike Edschmid war einige Jahre mit Philip Werner Sauber liiert, der 1975 bei einem Schusswechsel mit der Polizei starb. In einem Buch erinnert sie sich an ihre Zeit mit dem Bruder des Rennstallbesitzers.

Die Romanautorin Ulrike Edschmid im Jahr 2003.

Die Romanautorin Ulrike Edschmid im Jahr 2003. Bild: Sebastian Edschmid

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Auf der Buchrückseite schaut uns eine aparte junge Frau an. Ihr Gesicht prägt sich ein; aufmerksam, zurückhaltend, irgendwie verschattet von etwas, worüber man mehr erfahren möchte. Das war Ulrike Edschmid 1966. Ulrike Edschmid 2013, die mir jetzt im Café Einstein in Berlin gegenübersitzt, ist immer noch eine aparte Erscheinung, jetzt auch noch elegant. Lebhafte Augen, feine Züge, ein paar Falten mehr, natürlich. Ist ja auch ein paar Jahre her seit damals.

Damals: Das war die bewegte Zeit um 1968, die hoffnungsvoll begann mit Wohngemeinschaften, Kinderläden, Demonstrationen gegen die versteinerten Verhältnisse – und mit Träumen von anderen, menschlicheren. Und die dann tragisch, blutig oder auch ernüchternd endete, je nach Temperament in Resignation, Marsch durch die Institutionen oder Gewalt. Ulrike Edschmid, heute 72, war mittendrin. In diese Zeit, in dieses Milieu und zu diesen Träumen kehrt sie jetzt mit einem Buch zurück: «Das Verschwinden des Philip S.» erscheint im März.

Bruch mit der Familie

Wir sprechen über das Buch, vor allem aber über seinen Helden: Philip S., mit bürgerlichem Namen Philip Werner Sauber, Schweizer. Es ist der jüngere Bruder von Peter Sauber, dem berühmten Rennstallbesitzer.

Philip S. ist in Zürich aufgewachsen und auch in Zürich begraben. Seine entscheidenden Jahre aber spielten sich 1967 bis 1973 in Berlin ab. Dort lernte er Ulrike Edschmid kennen und lieben. Dort gründete er mit ihr und anderen einen der ersten Kinderläden. Dort wohnten sie zusammen in Schöneberg in einer «Kommune», wie man das damals nannte, mit dem Kind, das Ulrike Edschmid hatte, und auch mit einem, der im Buch nur H. heisst. Auch H. hat einen Klarnamen: Holger Meins, ein zentrales Mitglied der RAF, starb 1974 in einem Gefängnis an den Folgen eines langen Hungerstreiks.

Ulrike Edschmid äussert sich zu seiner terroristischen Phase nicht. Sie hat Holger Meins als Künstler erlebt. Er hat das Filmporträt eines Obdachlosen gedreht, allerdings auch einen Lehrfilm besonderer Art: «Die Herstellung eines Molotowcocktails». Vom Medium Film begeistert waren alle Bewohner der WG, allen voran Philip S. Er studierte an der gerade gegründeten Filmhochschule Berlin, drehte dort «Der einsame Wanderer», einen halbstündigen Film, der viel Lob erntete (auch von FAZ und NZZ) und noch heute hie und da auf Spezialfestivals gezeigt wird.

Sauber war 20, als er aus Zürich kam. Er hatte mit seiner Familie gebrochen, seinen Vornamen Werner abgelegt und sich eine Identität als Künstler zugelegt: Fotograf, dann Filmer. An der Filmakademie gab es zwei Gruppen, die Ästheten und die Politischen. Die einen wollten Experimentalkunst machen, die anderen die Gesellschaft aufklären, agitieren und verändern.

Philip S. gehörte zur ersten Gruppe, politisierte sich aber schnell, befördert durch seine Relegation von der Filmakademie (er hatte mit anderen das Büro des Direktors besetzt, um eine politischere Ausbildung zu erzwingen) und einige Wochen in Untersuchungshaft: Aus dem Mercedes von Holger Meins war eine Bombe geworfen worden. Sauber und Ulrike Edschmid hatten bezeugt, dass Meins den entsprechenden Abend bei ihnen gewesen war. Das stimmte, brachte sie aber wegen eines angeblich falschen Alibis erst mal ins Gefängnis.

Wer schoss zuerst?

Diese Haft hat Sauber radikalisiert, ihn zum Rebellen gegen das System gemacht – sie wirkt in Ulrike Edschmids Darstellung wie der Schlüssel zu allem, was folgte. Nie wieder, schwor er sich, gehe er ins Gefängnis. Ob das der Auslöser war, wegzulaufen, als er mit zwei Gesinnungsgenossen im Auto von Polizisten gestellt wurde, am 9. Mai 1975 auf einem Kölner Parkplatz? Alle drei waren bewaffnet, und Philip S., auf den geschossen wurde, schoss seinerseits und tötete einen Polizisten, bevor er selbst, schon über Stacheldraht gestolpert und am Boden liegend, getötet wurde. In der linken Szene galt dies als Hinrichtung. «Als das Erschiessen losging», versprach sich der Polizist beim anschliessenden Prozess gegen die beiden Mitfahrer.

Wer zuerst schoss, Sauber oder der Polizist, blieb ungeklärt. Die Boulevardpresse sprach vom Polizistenmörder Sauber. Das blieb hängen. Auch gegen dieses Bild schreibt Ulrike Edschmid mit ihrem Erinnerungsbuch an. Vor allem aber ist es getragen von Melancholie und Trauer – Trauer um einen Verlorenen, den sie nicht halten konnte. Als Philip S. erschossen wird, sind sie schon eine Weile getrennt. Seine Politisierung hat sie noch mittragen können, seinen Gang in die Illegalität nicht mehr; nicht nur wegen ihres Kindes. In ihr sei eine klare Grenze zur Gewalt gewesen, sagt sie im Gespräch. Bei Philip S. offenbar nicht. Er gehörte nicht zur RAF, hat aber an Banküberfällen teilgenommen (er soll Bonbons an Unbeteiligte verteilt haben), hat Waffen transportiert und versteckt. In der Bewegung 2. Juni, die unter anderem für die Entführung des Politikers Peter Lorenz verantwortlich war, galt er als «Säuberli», als übersorgfältiger Schweizer, der einmal Waffen so tief vergraben habe, dass man die Suche nach ihnen schon fast aufgegeben habe.

Ordentlich und sorgfältig, so hat auch Ulrike Edschmid ihren Freund erlebt. Und, ja, auf der ersten Silbe hat er ihren Namen betont, erinnert sie sich – sonst hatte er sich den Schweizer Akzent komplett abgewöhnt, wie alles, was ihn mit seiner Herkunft verband. Zuletzt, vor seinem Tod durch Polizistenkugeln, arbeitete er mit falschen Papieren in einer Fabrik, wo er die Lebensweise der Arbeiter teilen und ihr Bewusstsein verändern wollte.

«Roman» hat der Verlag auf den Buchumschlag gesetzt. Für Ulrike Edschmid ist es eher ein Bericht. Einer, der den Freund idealisiert, wie ich finde – wogegen sie sofort Einspruch erhebt. Für sie sei er durchaus schuldig. Er habe nicht mit einer Waffe herumlaufen müssen. Sonst könnte er noch leben. Auch meiner Charakterisierung als «Passionsgeschichte» widerspricht sie freundlich, aber bestimmt. Eine Liebesgeschichte sei es und der Versuch, «die intensiven Momente zu bewahren», die Aufbruchsstimmung jener Zeit wieder aufleben zu lassen: «Wir hatten das Gefühl, alles ist möglich. Und ich muss mich heute bemühen, mir etwas von diesem Gefühl zu bewahren.»

Wie eine Zeitmaschine

Also kopfüber zurück in die Kommune und den Kinderladen, zum Steinewerfen und zum Sitzstreik, zur Empörung und zur Solidarität: Da ist kein Platz für nachgetragenes Besserwissen, auch nicht für ironische Distanz. Ulrike Edschmid will «die Wahrheit der damaligen Zeit». Das wirkt auf den eine Generation Jüngeren – und auf noch Jüngere sowieso – manchmal befremdlich, aber auch wie eine tolle Zeitmaschine.

Ulrike Edschmid ist nach der Trennung von Philip S. nicht in eine bürgerliche Existenz eingeschwenkt. Sie hat ein «prekäres, aber freies Leben» geführt, dies und jenes gemacht, kurz als Lehrerin gearbeitet und dann, nach etlichen Brüchen, zum Schreiben gefunden. Die meisten ihrer Bücher sind autobiografisch inspiriert. Und wenn man mit ihr spricht, hat man den Eindruck, es sei alles nicht vergangen. Die Trauer, einen geliebten Menschen nicht halten zu können auf einem Weg, den man nicht teilen wollte und der, wie sie sehr wohl wusste, in den Tod führen konnte. Wie es ja auch kam.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 10.02.2013, 11:27 Uhr

Mingels, Guido / Scieszka, Jon / Kingston, William H. G., «Reisen ins Landesinnere. Reportagen aus der Schweiz», Applaus, 319 Seiten, ISBN 978-3-03774-055-2, CHF 36.90.

Das Verschwinden des Philip S.

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