«Schweizer sind wie Kokosnüsse»

Der in Bern lebende Engländer Diccon Bewes hat mit «Swiss Watching» ein Buch über die Schweiz geschrieben, aus dem nicht nur Ausländer überraschende Erkenntnisse über die Eidgenossen gewinnen können.

Hauptsache löchriger Käse: So sieht die Schweiz gemäss Diccon Bewes vereinfacht aus.

Hauptsache löchriger Käse: So sieht die Schweiz gemäss Diccon Bewes vereinfacht aus. Bild: zvg

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Die Schweiz ist das Land der roten Schuhe, im Ausland kennt man ausser Federer und Heidi kaum prominente Eidgenossen und wer bei uns an einem Apéro nicht jedem die Hand schüttelt, begeht gesellschaftlichen Selbstmord. Diese und weitere zum Teil erstaunliche Erkenntnisse gewinnt der englische Autor Diccon Bewes in seinem Buch «Swiss Watching». Der 42-Jährige lebt mittlerweile seit fünf Jahren in Bern und hat als stiller Beobachter über 300 Seiten Informationen über die Schweiz und die Schweizer gesammelt.

Bewes, der wegen der Liebe und der guten Luft in Bern gelandet ist, schliesst sich in seinem Buch nicht dem zurzeit beliebten Schweiz-Bashing an. Auch der typische schwarze Humor der Engländer flackert im Buch nur selten auf - mit voller Absicht wie Bewes sagt. Er fühle sich hier sehr wohl und lache lieber mit den Schweizern als über die Schweizer. Er wolle auch nicht mit rein provokativen Aussagen über die Schweiz Aufmerksamkeit erregen.

Literatur für Fauteuil-Reisende

Der 42-Jährige möchte mit seinem Buch in die Fussstapfen des amerikanischen Bestseller-Autors Bill Bryson treten. Dieser sei ein Meister der im englischen Sprachraum beliebten Reiseliteratur, so der Engländer. Bewes hat früher für Reiseführer geschrieben, betont aber, dass er mit «Swiss Watching» viel mehr die echte Schweiz -hinter den Klischees - zeigen möchte.

Schaut man sich die Kapitel des Buches an, klingt dies wenig glaubwürdig. Es geht um Berge, Käse, Banken, Schokolade, (Kuckucks-)Uhren und Neutralität. Bewes gibt denn auch lachend zu, dass er um die Kapitel für sein Buch zu finden, 100 Engländer gefragt habe, welches Stichwort ihnen zur Schweiz einfällt. Inspirieren liess er sich dabei von der SF-Quizshow «5gegen5».

Vor drei Jahren noch keine Deutschkenntnisse

Der Wahlberner hat in der Schweiz eine zweite Heimat gefunden und gibt sich alle Mühe, sich zu integrieren. Obwohl es in Bern eine grosse englische Gemeinschaft gibt, spricht er nach drei Jahren fliessend Hochdeutsch - auch wenn er das peinlich berührt bestreitet. «Ich hatte es satt an allen Festen der einzige Exot zu sein, dessen Namen sich alle merken können, weil er sofort auffällt».

Am Anfang sei es für ihn schwer gewesen, hinter all die Rituale der Schweizer zu blicken. Mehrmals habe er sich an Festen und anderen Anlässen einen Faux-Pas geleistet und die Blicke auf sich gezogen. So musste er mit Schrecken feststellen, dass es in der Schweiz nicht reicht, wenn man an einem Apéro in die Runde winkt und 'Hallo' sagt. «Auch, dass man mit jedem Anstossen muss, bevor man trinkt, musste ich erst lernen», so Bewes.

Im Buch bezeichnet Bewes Schweizer als Kokosnüsse. Im Gegensatz zu Amerikanern (wie Pfirische) und Engländern (wie eine Ananas), sei es sehr schwer einen Schweizer zu knacken. Habe man es aber einmal geschafft, sei eine sehr innige Beziehung möglich.

Mit dem GA die Schweiz erkundet

Bewes, der mehrere Jahre eine Fernbeziehung mit einem in Bern lebenden Liechtensteiner führte, leitet mittlerweile den English Book Shop in der Berner Buchhandlung Stauffacher. Er nutzte seine freie Zeit für Deutschkurse und ausgiebige Reisen mit dem Generalabonnement. An den detaillierten Ausführungen über die Geschichte der Schweiz und die Eigenheiten deren Bewohner sieht man, dass er in diesem Jahr mehr über die Schweiz gelernt hat, als mancher Schweizer in seinem ganzen Leben.

Den Schritt in die Schweiz überzusiedeln bereut der Rotschopf mit schottischen Wurzeln bis heute nicht. Bern sei für ihn die schönste Stadt der Schweiz. Eine perfekte Mischung aus seinem kleinen Geburtsort («im tiefsten Hampshire») und London, wo er studierte. «Zürich ist für mich mittlerweile eine Grossstadt», sagt er.

Heidi trifft Ronald McDonald

Auf die Idee zu «Swiss Watching» kam er an einem Autoren-Workshop in Genf. Er hatte den Auftrag ein paar Sätze zum Thema «Culture-Clash» zu notieren. Während seine Kollegen Ereignisse aus der dritten Welt beschrieben, fielen Bewes die Heidi-Wochen im McDonalds ein. Für die paar Sätze - die auch den Weg ins Buch gefunden haben - erntete Diccon Bewes viel Lob und fand kurze Zeit später einen englischen Verleger.

Das Buch richtet sich grundsätzlich an die über zwei Millionen englischsprachigen Touristen, die pro Jahr die Schweiz besuchen, aber auch an die so genannten «Chair-Traveller» die der im englischen Sprachraum sehr beliebten Reiseliteratur frönen. Bewes rechnet aber auch damit, dass Schweizer und Engländer, die in der Schweiz leben, das Buch lesen. Nächstes Jahr werde es auch noch auf Deutsch erscheinen. (Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

Erstellt: 01.06.2010, 13:41 Uhr

Ein Engländer unter Schweizern: Diccon Bewes. (Bild: zvg Alison Pouliot)

Zum Buch

«Swiss Watching» ist in der Schweiz seit Ende Mai im Handel erhältlich.

Diccon Bewes ist im Juni in England unterwegs um sein Buch zu promoten. Im September und Oktober wird er das Gleiche in der Schweiz tun. Die offizielle Buchvernissage findet am 8. September im Stauffacher statt. Besitzer des Buches können Bewes aber jederzeit im English Book Shop besuchen und das Werk signieren lassen.

In seinem Blog berichtet Bewes regelmässig aus seinem Leben in der Schweiz.

Diccon Bewes, «Swiss Watching» (Englisch), 310 Seiten, 29.90 Franken.

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