Schweizerinnen haben gute Chancen auf Bachmannpreis

Schweizer Autorinnen gefallen beim Literaturwettwebewerb in Klagenfurt. Dagegen sorgen ihre männlichen Kollegen bei der Jury für Kritik.

Viel Lob: Dana Grigorceas Werk gefällt der Jury in Klagenfurt. (2. Juli 2015)

Viel Lob: Dana Grigorceas Werk gefällt der Jury in Klagenfurt. (2. Juli 2015) Bild: Gert Eggenberger/Keystone

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Am heutigen dritten Lesetag in Klagenfurt fiel nach Nora Gomringer und Monique Schwitter erneut eine Schweizerin positiv auf: Dana Grigorceas Auszug aus ihrem demnächst erscheinenden Roman «Das primäre Gefühl der Schuldlosigkeit» gefiel der Jury ausnehmend gut.

«Was ist bloss mit den Schweizer Männern los?» fragte dagegen der österreichische Juror Klaus Kastberger nach dem Vortrag des Berners Jürg Halter. Nachdem am Vortag der Schweizer Tim Krohn «im Paradies herumgestolpert» sei, schreibe nun Halter aus einer gottähnlichen Perspektive. Und wie Krohn kam Halter mit seinem Text «Erwachen im 21. Jahrhundert» nicht so gut an.

Die Geschichte habe eine «aparte spielerische Anlage», gehe aber nicht auf, wurde gesagt. Sogar von Langeweile war die Rede. Und Halter höre sich an wie Jean Ziegler nach der Verabreichung von zwei Schlaftabletten, meinte Kastberger. Halter, der sich als einziger Autor im ganzen Wettbewerb einmischte, drohte, das werde er Ziegler sagen.

Michael Jacksons peinlicher Faux-pas

Sehr wohlwollende Kritiken erntete die in Zürich lebende Rumänin Dana Grigorcea. Ihr Text zeichnet die Geschichte und die politische Wende Rumäniens anhand der Kindheits- und Jugenderinnerungen und des aktuellen Lebens einer Frau in Bukarest nach.

Eine Schlüsselstelle bildet dabei die Szene, als die Jugend Bukarests in heller Begeisterung 1992 Michael Jackson empfängt und dieser grüsst mit «Hello Budapest - I love you». «Sehr witzig», «anrührend» und «gut orchestriert», wurde gesagt.

Noch besser gefiel der Jury am dritten und letzten Tag nur «Oh Schimmi» der Österreicherin Teresa Präauer. Darin versucht ein Jugendlicher, das Herz seiner Angebeteten zu erobern, indem er sich buchstäblich zum Affen macht, samt Kostüm und dazugehörendem Verhalten.

«Ermunternd, witzig, toll», fand Jurorin Meike Fessmann. Die Grundidee, eine Metapher wörtlich zu nehmen, fand Jurorin Sandra Kegel «bezaubernd und wunderbar durchgespielt». Die Jury bewunderte zudem die Souveränität, mit der die Autorin mit Querverweisen und Zitaten operiert, von Nestroys «Der Bräutigam und der Affe» über Muhammed Alis Imponiergehabe bis zu Peter Fox' Musik.

Das Jahr der Frauen

2015 ist am Bachmannwettbewerb das Jahr der Frauen nicht nur, weil zehn der 14 Bewerber weiblich sind. Wenn am Sonntagmittag die vier Preise im Gesamtwert von 47'000 Euro verteilt werden, dürften mit hoher Wahrscheinlichkeit die meisten, wenn nicht alle, an Autorinnen gehen.

Neben den drei Schweizerinnen Gomringer, Schwitter und Grigorcea haben sich auch zwei Österreicherinnen als Favoritinnen poistioniert: neben Präauer auch Valerie Fritsch. Letztere überzeugte am Donnerstag mit ihrem Text «Das Bein» über einen nach einer Beinamputation verglimmenden Tänzer und seinem Sohn, der seine Entfremdung vom Vater überwinden möchte.

Dass Schweizerinnen und Österreicherinnen die grössten Chancen haben, ist auch der Arithmetik geschuldet. Nach Jahren der Übermacht ist die deutsche Literatur dieses Jahr nur mit vier Kandidaten am Wettbewerb vertreten gegenüber je fünf aus der Schweiz und Österreich. Die Veranstalter führen zwar sechs deutsche Bewerber, aber Nora Gomringer und Tim Krohn sind schweizerisch-deutsche Doppelbürger und zumindest Krohn hat seinen Lebensmittelpunkt eindeutig in der Schweiz. (fal/sda)

Erstellt: 04.07.2015, 16:10 Uhr

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