Sei grossartig oder gehe unter

David Lagercrantz hat mit der Fortsetzung der «Millennium»-Saga einen Erfolg gelandet – heute erscheint der neuste Band. Dennoch kann sich der Autor nicht entspannen.

«Dieses Mal war ich mutiger. Nun ist es mehr eine Kombination von Larssons und meiner Welt»: Der schwedische Schriftsteller und Journalist David Lagercrantz. Foto: Cato Lein

«Dieses Mal war ich mutiger. Nun ist es mehr eine Kombination von Larssons und meiner Welt»: Der schwedische Schriftsteller und Journalist David Lagercrantz. Foto: Cato Lein

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Vierteilen war bis ins 19. Jahrhundert die Hinrichtungsart der Wahl für Hochverräter. Man band dazu den Unglücklichen an seinen Gliedmassen an vier Pferde und trieb diese auseinander. David Lagercrantz dürfte keine Mühe haben, sich in diese Situation zu versetzen. Denn erstens ist der 55-Jährige als Schriftsteller mit der entsprechenden Fantasie begabt. Viel wichtiger aber ist, dass er sich auskennt mit Zug und Druck von allen Seiten – er sucht sich bevorzugt solche Situationen. Und seit ihm der schwedische Nordstet-Verlag 2013 anbot, Stieg Larssons «Millennium»-Reihe fortzuschreiben, weiss er, was es heisst, des Hochverrats verdächtigt zu werden. Seine Erklärung, warum er die Aufgabe dennoch annahm, ist von bestechender Schlichtheit: «Ich konnte nicht ablehnen – es war eine Frage der Leidenschaft.»

Druck und Liebe

Leidenschaft, der Begriff fällt immer wieder. Total im Fieber sei er gewesen, nachdem er das Angebot angenommen hatte. Gross gewachsen und hager, mit rollenden Augen und tiefen Furchen auf der Stirn, wirkt Lagercrantz heute noch nervös. Seine Hände fliegen beim Sprechen durch die Luft, die Worte stolpern übereinander. Gestern erschien sein Buch «Verfolgung», sein zweites über Hackerin Lisbeth Salander und Journalist Mikael Blomkvist. Es ist die Fortsetzung der Reihe des Schweden Stieg Larsson, die dieser nicht beenden konnte, weil er 2004 an einem Herzinfarkt starb.

Gross war die Kontroverse, als Lagercrantz 2015 seinen ersten «Millennium»-Band «Verschwörung» vorlegte – viele Fans und Journalisten hätten ihn da wohl tatsächlich gern gevierteilt. Auch Larssons langjährige Lebensgefährtin Eva Gabriellson bezeichnete es als Sakrileg und opponierte gegen die Neuauflage der Krimireihe. Doch Lagercrantz landete mit «Verschwörung» einen Erfolg. Das Buch verkaufte sich über sechs Millionen Mal und wird demnächst verfilmt.

Von Entspannung ist bei Lagercrantz dennoch nichts zu spüren – vielleicht, weil jetzt der für einen Autor anstrengendste Teil ansteht: In den nächsten Wochen wird er unter der Aufsicht einer kampfbereiten Pressedame Hunderte von Interviews geben und sich der Kritik von Journalisten und Lesern stellen müssen. Trotz seines kommerziellen Erfolgs gehen ihm negative Kommentare immer noch unter die Haut: «Es ist nicht mehr so schlimm wie früher, aber ich kenne Versagensängste und die dazugehörige Depression sehr gut.» Obschon er das Schlimmste bereits hinter sich hat; als im Herbst 2015 sein erster «Millennium»-Roman erschien, beherrschte dieses Ereignis trotz Syrienkrieg und Flüchtlingskrise die Schlagzeilen in Schweden über Tage hinweg. «Es war verrückt», sagt Lagercrantz heute, «ich gab den ganzen Tag Interviews, niemand hatte das Buch überhaupt gelesen, und nachts lag ich zitternd im Bett. Ich kann kaum beschreiben, in welchem geistigen Zustand ich damals war, ich war ein nervliches Wrack. Und plötzlich erfuhr ich Sympathie, ja Liebe für mein Buch, das war schockierend.»

Nicht nur der Druck der Öffentlichkeit hatte ihm zu schaffen gemacht. Er stammt aus einer angesehenen Intellek­tuellen­familie, der Vater ein berühmter Feuilletonist, die Mutter Philosophin adeliger Abstammung. Schwedens Intelligenzija ging im Hause Lagercrantz ein und aus, man war elitär und links und stolz darauf. Kommerz war schlecht, Gebrauchsliteratur wie Krimis galt als minderwertig. Das Schlimmste aber war Mittelmass, sagt Lagercrantz: «Das Motto unserer Familie war: Sei grossartig oder gehe unter.» Und das ist wörtlich zu verstehen. Denn nicht nur Talent, auch Depression und andere psychische Krankheiten gehörten zu seinem Erbe, sagt der Autor. Zwei seiner Onkel starben durch Suizid – und mehr als einmal habe er sich in seiner Jugend gefragt, ob er genug Talent habe oder den anderen Lagercrantz-Weg einschlagen würde.

«Eine gewisse Schizophrenie»

Zunächst machte Lagercrantz Anstalten, dem Pfad des bewunderten Vaters zu folgen, und studierte dazu Philosophie und Religionswissenschaften. Bald aber realisierte er, dass er seinen eigenen Weg einschlagen musste. So arbeitete er als Kommunikationsbeauftragter für Volvo, später berichtete er als Polizeireporter über Serienmörder. Dann schrieb er eine Biografie über den schwedischen Abenteurer Göran Kropp, die 1997 erschien und zum Bestseller wurde. Der internationale Durchbruch gelang ihm 2011 mit «Ich bin Zlatan», dem Buch über Fussballer Zlatan Ibrahimovic, das in mehr als 20 Sprachen übersetzt wurde. Doch Erfolg allein war ihm nie genug: «Es steckt eine gewisse Schizophrenie darin, viele Bücher verkaufen und gleichzeitig ein guter Schriftsteller sein zu wollen. Ich suche eine gewisse Balance, aber manchmal fühlt es sich an, als würde man in der Mitte entzweigerissen.» Insbesondere, wenn man unter dem Verdacht des Hochverrats steht.

Kommerz und Kunst

Diesen konnte er mittlerweile zerstreuen. Die Kritiken zu «Verschwörung» waren sehr gut, auch die Fans zeigten sich zufrieden mit Lagercrantz’ Fortschreiben der Salander-Saga. Das zweite Buch sei denn auch einfacher zu schreiben gewesen als das erste, sagt Lagercrantz. «Ich finde, das zweite Buch ist besser geworden, weil ich weniger Angst hatte. Beim ersten Buch habe ich mich dauernd gefragt: Würde Blomkvist das so tun? Passt das zu ihm? Aufgrund des Erfolgs habe ich beim aktuellen Buch mehr von mir einfliessen lassen, ich war mutiger. Nun ist es mehr eine Kombination von Larssons und meiner Welt.»

Der Grundkonflikt zwischen kommerziellem und künstlerischem Anspruch aber bleibt – der Schatten des übermächtigen Vaters bleibt spürbar. Die Angst, nicht zu genügen, hält Lagercrantz nachts immer noch wach, senkt sich in dunklen Stunden über ihn. Doch er sieht auch Positives darin: «Es ist ein Antrieb, sich stets zu verbessern. Wie ein Athlet, der hungrig bleiben muss, um gewinnen zu können.» Allerdings gebe es auch historische Beispiele für grossartige Literatur, die aus kommerzieller Not geboren wurde: «Nicht, dass ich mich mit Dostojewski messen wollte. Aber als dieser wegen seiner Spielsucht alles verloren hatte, begann er kommerziell zu schreiben, arbeitete mit Spannungsbögen und Cliffhangern, und das kam seinen Romanen zugute. Ich bin im Thrillerbusiness, aber ich versuche trotzdem, gute Literatur zu schreiben.»

Das gelingt ihm auch in seinem neuen Buch, das im Frauengefängnis beginnt, in dem Salander eine Strafe absitzen muss. Psychologisch präzise beschreibt Lagercrantz die Dynamiken von Dominanz und Unterwerfung – wie Angst, Scham und Schuld zu Instrumenten der Unterdrückung werden können. Lagercrantz hat dafür im Gefängnis recherchiert, aber er kennt die Mechanismen auch selbst: «Als Angestellter einer Zeitung lernt man diese Spielchen. Ich weiss, was ein schlechter Chef, was Druck und Drohungen mit einem anrichten können. Von einer Macht abhängig zu sein, die nichts Gutes bringt, ist furchtbar. Und jedes Mal, wenn man dagegen aufstehen will und scheitert, wird man noch machtloser.»

Das Interesse für die Psychologie der Macht und der Ohnmacht verbindet ihn denn auch mit Stieg Larsson, ebenso das moralische Pathos, wie Lagercrantz es nennt: das Engagement gegen Intoleranz, Rassismus und besonders gegen die Unterdrückung von Frauen. Dafür steht insbesondere Lisbeth Salander: «Sie ist eine feministische Ikone.» Tatsächlich ist Salander die Figur, die der Serie zum Erfolg verholfen haben dürfte – und für Kontinuität sorgt, selbst mit einem neuen Autor. Dennoch würde Lagercrantz im Zweifelsfall lieber mit Blomkvist ein Bier trinken gehen. «Wir haben viel gemeinsam. Ich glaube, mit ihm könnte ich mich anfreunden.»

Erstellt: 07.09.2017, 20:38 Uhr

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«Verfolgung»

Der fünfte «Millennium»-Band

Es beginnt im Frauengefängnis Flodberga. Dort muss Hackerin Lisbeth Salander wegen widerrechtlicher Eigenmacht und grober Fahrlässigkeit eine zweimonatige Haftstrafe absitzen. Die Gefangenschaft macht ihr wenig aus – aber als sie dem Unrecht, das einer Mitgefangenen widerfährt, nicht tatenlos zusehen will, wird sie zum Ziel einer Racheaktion. Gleichzeitig beginnt Mikael Blomkvist auf einen Tipp hin ihre Vergangenheit zu recherchieren und löst damit eine Kettenreaktion von Verbrechen aus.

Lagercrantz lässt das bekannte Personal auftreten: Salanders ehemaligen Vormund Holger Palmgren, Blomkvists geliebte Malin Frode, Kommissar Jan Bublanski und sein Team. Lagercrantz hat seinen Roman sorg­fältig konstruiert und lässt sich viel Zeit, um Spannung aufzubauen – vielleicht fast zu viel. Die Dynamik der früheren «Millennium»-Romane erreicht er nicht mehr, das moralische Pathos wirkt zuweilen aufgesetzt. Dennoch ist der Thriller gute Gebrauchsliteratur.(mcb)

David Lagercrantz: Verfolgung. Heyne, ­München 2017. 480 S., ca 27 Fr.

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