Sein Enthusiasmus war immer grösser als alle Zweifel

Der Schweizer Verleger Egon Ammann ist tot.

Egon Ammann wurde 75 Jahre alt.

Egon Ammann wurde 75 Jahre alt. Bild: Keystone

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Ohne Egon Ammann sähe es in den Bücherregalen wahrer Literaturfreunde anders aus. Es fehlte die Neuübersetzung der «fünf Elefanten» von Dostojewski. Es fehlte die Gesamtausgabe des Portugiesen Fernando Pessoa, mitsamt allen Heteronymen, und die seines spanischen Dichterkollegen Antonio Machado. Es fehlte Ossip Mandelstam, ein weiterer Klassiker der Moderne, von Ralph Dutli vorbildlich herausgegeben. Es fehlte der Albaner Ismail Kadaré, ein ewiger Nobelpreiskandidat. Ammann-Autor Wole Soyinka, der Nigerianer, hat den Preis bekommen. Und zu Soyinka gehört die Anekdote, wonach Egon Ammann das Manuskript in einer Flughafen-Mülltonne gefunden haben soll.

Sie gehört zu den vielen Geschichten, wahr oder falsch, manche Karl-May-haft, um derentwillen man heftig bedauern muss, dass Ammann nie seine Memoiren geschrieben hat. Er als «Ahmed der Levantiner», der Goethe-Gesamtausgaben im ganzen Orient verkaufte. Er als Sekretär eines spanischen Toreros ...

Aber weiter mit den Büchern, die wir ohne diesen Verleger nie hätten lesen können: Julia Franck hat ihr erstes Buch bei Ammann veröffentlicht. Auch Melinda Nadj Abonji. Ruth Schweikert. Navid Kermani. Ulrich Peltzer. Wären die ohne diesen Mentor zu den Autoren geworden, als die wir sie kennen? Und, natürlich: Thomas Hürlimann. Mit seiner Erzählung «Die Tessinerin» startete Ammann 1981 zusammen mit seiner Frau Marie-Luise Flammersfeld ein Unternehmen, dem man in seiner ganzen fast 30-jährigen Existenz nur das Etikett «tollkühn» anheften kann.

Nicht, weil es dem Jung-Verleger an Kompetenz, an Branchenkenntnis, an Beziehungen oder gar an Leidenschaft gefehlt hätte! Egon Ammann hatte das Geschäft von der Pike auf gelernt. 1941 in Bern geboren, hatte er eine Lehre als Verlagsbuchhändler absolviert und 1968 den Kandelaber-Verlag gegründet. Der machte zwar bald Bankrott, hatte aber mit Gerhard Meier schon einen künftigen grossen Schriftsteller im Programm. 1975 engagierte Suhrkamp-Verleger Siegfried Unseld Ammann als Geschäftsführer für seine Zürcher Niederlassung. Und als er sich bald darauf entschloss, auf eigenen Füssen zu stehen, nahm ihm Unseld das nicht übel, sondern unterstützte den neuen Verlag beim Flüggewerden.

Ein Patriarch der Literatur

An Unterstützern und Mäzenen hat es Ammann, ein Menschenfänger wie Unseld, auch danach nicht gefehlt. George Reinhart aus Winterthur half dem kleinen Unternehmen mit den grossen literarischen Ansprüchen, später stieg Fischer-Verlegerin Monika Schoeller als Mitgesellschafterin ein. Ohne das wären die grossen Projekte nicht zu machen gewesen. Im klassischen Konflikt des Verlagsgeschäfts, Geist gegen Geld, hat sich Ammann immer für den Geist entschieden und gehofft, mit dem Geld würde das dann auch hinhauen. Rechnen konnte er schon – aber der Enthusiasmus war immer grösser als alle Zweifel und Bedenken. Und so glich die Verlagsgeschichte einem 28-jährigen Ritt über den Boden-, nein, den Zürichsee.

Ja, Egon Ammann war ein Enthusiast, ein Begeisterter, der mit dieser Begeisterung seine Gesprächspartner umarmte, bis die auch daran glauben wollten, der neue Autor X sei ein zweiter Joyce. Ammann war auch jener Typus Verlagspatriarch, von dem man glaubt, es habe sie nur in fernen Zeiten gegeben – Samuel Fischer, Ernst Rowohlt, eben Unseld. Er brach diesen Typus auf die Dimensionen eines 10-Personen-Unternehmens herunter, ohne in der Qualität die geringsten Kompromisse einzugehen. Das mag im Umgang nicht immer einfach gewesen sein, aber aus seiner Schule sind nicht nur Sabine Dörlemann hervorgegangen, ihrerseits heute Verlegerin mit ehrgeizigem Programm, sondern auch Hans-Jürgen Balmes, Programmleiter international bei S. Fischer, oder Stephanie von Harrach, Literatur-Verantwortliche der Stadt Zürich.

Literatur als Kunst: Das war sein Motto, seine Messlatte. Der Paradigmenwechsel auch im Verlagswesen, von der Kunst zur Unterhaltung, war ihm zuwider. Kurios deshalb, dass der – was Auflage und Einnahmen angeht – grösste Erfolg der Verlagsgeschichte der Belgier Eric-Emmanuel Schmitt war, mit dem religiös-philosophischen Schmusetitel «Ibrahim und die Blumen des Koran», der sich sechsstellig verkaufte und dem Verlag eine kurze Verschnaufpause bescherte.

Bewundert, gerühmt, geliebt

Egon Ammann war so sehr mit dem Verlag verwachsen, dass er, als er ans Aufhören denken musste, nur eine Konsequenz sah: Der Verlag muss auch aufhören. Er sah weit und breit keinen geeigneten Nachfolger – auch hier nicht unähnlich dem grossen Siegfried Unseld. So wurde 2009 das Ende angekündigt und 2010 der Verlag geschlossen. Mitarbeiter verloren ihren Arbeitsplatz, Autoren ihre Heimat (viele wie Hürlimann oder Peltzer fanden eine neue bei S. Fischer). Manch einer wird dem Patriarchen das übel genommen haben; vielleicht ist er auch deshalb relativ rasch nach Berlin übergesiedelt. Für die Kulturstadt Zürich, für die Kulturnation Schweiz war es ein herber, nicht zu ersetzender Verlust. Neben dem grossen Diogenes-Verlag hatte sich Ammann als exquisite zweite Adresse etabliert, bewundert von Kollegen, gerühmt von den Feuilletons, geliebt von den Autoren, deren jedem er, wie das ein guter Verleger tun soll, stets das Gefühl gab, er oder sie sei etwas ganz Besonderes. Ruth Schweikert hat über ihn gesagt: «Er glaubt an die Autoren, wenn diese selbst den Glauben an sich verloren haben.»

Er glaubte an die Literatur und gab alles für sie. Auch jenseits des eigenen Hauses. Er hat den Schweizer Buchpreis miterfunden und, als Not am Mann war, das Basler Literaturfestival geleitet. Und sein Enthusiasmus hörte nie auf. Beim letzten Telefonat, es ist schon eine Weile her, schwärmte er von einem französischen Lyriker, Racine heisse der, wie der Dramatiker. Über den wolle er mir etwas schreiben. Es ist dann nicht mehr dazu gekommen. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 11.08.2017, 13:58 Uhr

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