Interview

«Seine Botschaft ist so einfach wie verlockend»

Nächste Woche erscheint die Autobiographie des greisen Wortführers der Occupy-Bewegung. Der Zürcher Politologe Bruno Wüest erklärt im Gespräch mit Tagesanzeiger.ch/Newsnet das Phänomen Stéphane Hessel.

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Herr Wüest, welche Bedeutung hat Stéphane Hessel für die sozialen Bewegungen, die infolge der Finanzkrise entstanden sind?
Hessel kommt vor allem hinsichtlich des partizipatorischen Aspekts eine grosse Bedeutung zu: Sein Aufruf zur politischen Partizipation, zur Empörung, zur Aktivität. Er ist wichtig für die Mobilisierung – die spanischen Indignados beziehen sich ja direkt auf ihn und sein Pamphlet «Indignez-vous» –, inhaltlich ist er aber keine zentrale Figur. Diesbezüglich sind Ökonomen wie Joseph Stiglitz oder Paul Krugman oder gewichtigere Intellektuelle wie Linguist Chomsky bedeutender.

Wie erklären sie sich den enormen Erfolg von «Indignez-vous»?
Mit dem Ausruf «Empört Euch» schuf Hessel einen Begriff, der als Kristallisationspunkt diente und der virale Verbreitung fand. Auch profitiert Hessel davon, dass er als ehemaliger Résistance-Kämpfer, KZ-Häftling, Diplomat, Philosoph und Literat über ein aussergewöhnliches Renommee verfügt und so die Rolle des engagierten Intellektuellen glaubwürdig ausfüllen kann. Hessel ist mit seinem hohen Alter ein Botschafter aus einer goldenen Zeit. Er kann von der Nachkriegszeit erzählen, von steigendem Wohlstand, Bildung und sozialer Gerechtigkeit. Seine Botschaft ist so einfach wie verlockend: «Da müssen wir wieder hin».

Reiht sich Hessel in die lange Tradition der engagierten französischen Intellektuellen ein?
Das kann man tatsächlich so sehen. Seit Émil Zola und der Affäre Dreyfus (der französische Schriftsteller Zola verteidigte 1894 den jüdischen Offizier Alfred Dreyfus gegen eine ungerechtfertigte Verurteilung, A.d.R.) gibt es diese Tradition, und Hessel gehört auch dazu; bezeichnend hierfür ist die öffentliche Einmischung von Akademikern und Künstlern in Dinge, die nicht zu den persönlichen Kernkompetenzen zählen – was Hessel leidenschaftlich tut. Er sagt: Eventuell begreifen wir nicht alles, eventuell wissen es andere besser, aber allein das, was wir erleben, gibt uns Anlass zur Empörung.

Was halten Sie von Hessels Positionen?
Inhaltlich ist Hessel wenig überzeugend. Er bietet keine tiefgreifende Analyse; wie seine Positionen zusammenhängen, ist nicht klar ersichtlich. Er thematisiert die soziale Ungleichheit ebenso wie Immigration oder Pressefreiheit. Sein wichtigstes Thema ist aber der Konflikt zwischen Israel und Palästina, für den sich verblüffenderweise weder seine Anhänger in der Occupy-Bewegungen noch die Indignados gross interessieren. Hessel vertritt hierbei eine dezidiert israel-kritische Position, er verteidigt etwa die Hamas.

Im Anbetracht dieser israelkritischen Haltung ist es eigentlich verwunderlich, wie populär Hessel auch in Deutschland ist – zumal wenn man die aktuelle Grass-Debatte bedenkt.
Nun, so verwunderlich ist das nicht: gerade im linksliberalen Milieu Deutschlands nehmen ja viele eine israelkritische Haltung ein – was allerdings nichts mit Antisemitismus zu tun hat. Hessel ist überdies vor dem Vorwurf des Antisemitismus faktisch gefeit, weil er ja selbst das KZ Buchenwald erlebt hat. Bei Grass wiederum, der bekanntlich SS-Mitglied war, ist das Gegenteil der Fall.

Vertritt Hessel auch originelle, überraschende Ansichten?
Nein, solche sind nicht auszumachen.

Jean-Paul Sartre ist der wichtigste intellektuelle Bezugspunkt für Hessel: Revitalisiert der medial stark präsente 94-Jährige philosophische Strömungen, von denen man annahm, sie seien definitiv versiegt?
Für Hessel hat die Empörung etwas Existenzielles, da trifft er sich mit Sartre: Wenn man sich nicht mehr empört und wehrt, dann verliert man das menschliche Gesicht, dann ist man kein moderner Mensch mehr. Es kann sein, dass Sartre nun revitalisiert wird im Zusammenhang mit den aktuellen Protestbewegungen, wenn wohl auch bloss auf relativ tiefer Flamme. Es ist eine Politisierung der philosophischen Debatten festzustellen, und deswegen fällt auch der Name Jean-Paul Sartre wieder etwas öfters als früher.

Wird man sich noch an Stéphane Hessel erinnern, wenn die Occupy- und Indignados-Bewegung Geschichte sein werden? Wird Hessel Gegenstand der politikwissenschaftlichen Forschung werden?
Nein, das glaube ich nicht. Dafür ist der Gehalt seiner Schriften zu dürftig.

Erstellt: 24.04.2012, 15:16 Uhr

Hessel, Stéphane, «Empörung - Meine Bilanz», Pattloch, 233 Seiten, CHF 27.90, ISBN 978-3-629-13009-9.

Empörung - Meine Bilanz

«Empörung – meine Bilanz»

Am 2. Mai kommt Hessels Autobiographie «Empörung – Meine Bilanz» in die Läden. Der 94-Jährige hält Rückschau auf sein langes, bewegtes Leben, repetiert und vertieft aber auch seine im über eine Million mal verkauften Beststeller «Empört Euch!» formulierten Ansichten. Interessant sind zumal Hessels Schilderungen seiner Begegnungen mit Berühmtheiten des 20. Jahrhunderts, so etwa das Treffen mit dem tief deprimierten, aus Deutschland geflüchteten Walter Benjamin im Sommer 1940.

Bruno Wüest ist Assistent am Lehrstuhl für Policy Analyse der Universität Zürich. Zu seinen Forschungsschwerpunkten zählen Parteien- und Protestpolitik sowie vergleichende Politische Ökonomie. (Bild: Uni Zürich)

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