Seine Bücher eroberten die Welt

Zum 85. Geburtstag von Jürgen Habermas ist eine umfangreiche Biografie erschienen. Sie zeigt, wie der deutsche Soziologe und Philosoph zu einem der bedeutendsten Denker weltweit wurde.

Unbestechlich in seinem politischen Urteil, den Widerspruch herausfordernd: Jürgen Habermas 1975. Foto: «Süddeutsche Zeitung»

Unbestechlich in seinem politischen Urteil, den Widerspruch herausfordernd: Jürgen Habermas 1975. Foto: «Süddeutsche Zeitung»

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Wer das Glück hatte, im Frankfurt der 60er-Jahre zu studieren, konnte in einer Woche, manchmal am gleichen Tag, Theodor W. Adorno und Jürgen Habermas hören. Habermas scheute sich in den 68er-Jahren auch nicht, auf studentischen Teach-ins aufzutreten, um der antiautoritären Studentenbewegung ins Gewissen zu reden.

Jürgen Habermas war eine eindrucksvolle intellektuell-politische Autorität. Seine Vorlesungen waren ungeheuer gelehrt und glänzend formuliert, und seine öffentlichen Äusserungen wurden in der ganzen Bundesrepublik wahrgenommen. «Strukturwandel der Öffentlichkeit» musste man gelesen haben, und «Technik und Wissenschaft als Ideologie» wurde als aktuelle Form der Gesellschaftskritik heiss diskutiert. 1971 zog er sich aus dem Handgemenge um Adornos Nachfolge zurück, um in seinem Starnberger Forschungsinstitut sein Opus magnum, die «Theorie des Kommunikativen Handelns», zu erarbeiten. Mit diesem Buch erlangte er Weltruhm.

Die zweite Generation

Inzwischen war im Gefolge der weltweiten Studentenbewegung die Kritische Theorie, wie sie von Horkheimer, Marcuse und Adorno konzipiert worden war, auch in Amerika zu akademischen Ehren gelangt. Als Habermas eine Dekade später aus der Einsamkeit des Forschungs­instituts in die akademische Lehre zurückkehren wollte, verweigerte ihm die Münchner Universität eine Honorarprofessur. In dieser Zeit der «geistig-moralischen Wende» (Helmut Kohl) verlieh ihm die Stadt Frankfurt den gerade geschaffenen Adorno-Preis, und die hessische Regierung ermöglichte ihm eine Rückkehr auf einen Philosophielehrstuhl an der Goethe-Universität.

Habermas, der sein Projekt einer Kommunikationstheorie ein Jahrzehnt lang von der Kritischen Theorie abgegrenzt hatte, begann jetzt mit seiner wirkungsvollen «Invention of Tradition», in der er sich selbst als Vertreter einer «zweiten Generation» der Frankfurter Schule darstellte. Der Suhrkamp-Verlag, in dem das Werk Adornos ebenso wie dasjenige von Habermas veröffentlicht wird, hat zu seinem 85. Geburtstag am 18. Juni eine umfangreiche Biografie des emeritierten Oldenburger Soziologieprofessors Stefan Müller-Doohm herausgebracht.

Müller-Doohm, Adorno-Schüler und Autor einer grossen Adorno-Biografie, verweist mit Stolz auf sein hauseigenes Habermas-Archiv und DFG-geförderte Biografie-Forschungsprojekte. Vor den Fallstricken des von Leo Löwenthal schon vor 50 Jahren kritisierten Biografismus bewahrt ihn das allerdings nicht. Noch in seinem monumentalen Adorno-Buch hatte Müller-Doohm nicht der Versuchung widerstanden, ein fremdes Leben nachzuerzählen – eine ins Fiktionale zwingende Technik, die den Biografen in die Nähe des Romanciers rückt, wie er zu Beginn seiner neuen Biografie feststellt. Das Pech liegt im Gegenstand: Schon Adorno empfand sein eigenes Leben als unspektakulär, Habermas nennt das seine unheroisch.

Der Biograf verlagert daher seine Nacherzählung bei Habermas vom Leben auf das Werk. Es würde eine Biografie unleserlich machen, versuchte man, das gewaltige Œuvre von Habermas noch einmal vorzustellen. Als Mittel der Verdichtung bleibt nur die Paraphrasierung theoretischer Gedanken, die notwendigerweise hinter dem Original zurückbleibt.

Keine einfache Karriere

Die «Theorie des Kommunikativen Handelns» bietet die habermassche Lesart der grossen Gesellschaftstheorien der Vergangenheit an, aus deren angeblichen Defiziten die Theorie von Jürgen Habermas erwachsen soll. Notwendigerweise führt diese Darstellungsweise zur Relativierung und Abwertung der älteren Theorien, die einem unterstellten Fortschritt wissenschaftlicher Erkenntnis geopfert werden. Habermas, der sein akademisches Projekt mit Weitblick anzulegen weiss, braucht keinen Blindenhund, der ihn durch die «neue Unübersichtlichkeit» der Gegenwart führt. Der Biograf Müller-Doohm folgt daher den Selbstdarstellungen seines Objekts wie ein treuer Anhänger.

Die Biografie beginnt mit einer Karikatur, die der Wiesbadener Jazzgitarrist und Frankfurter Student Volker Kriegel 1969 gezeichnet hat – ein übergrosser Max Horkheimer breitet seine Arme über die kleinen, gleich grossen Brüder Marcuse, Adorno und Habermas aus. So wurde am Ende der 60er-Jahre die Frankfurter Schule in der Öffentlichkeit wahrgenommen. Müller-Doohm möchte diese Vorstellung zu Beginn seiner Biografie korrigieren; aber es gelingt ihm nicht. Habermas hat sich in der Zeit, als er sich vom Frankfurter Mythos verabschieden wollte, eindeutig zu seinen ersten beiden Frankfurter Aufenthalten – in den 50er-Jahren als Assistent am Institut für Sozialforschung, in den 60er-Jahren auf dem Lehrstuhl von Horkheimer – geäussert: «Eine Kritische Theorie gab es für mich nicht.»

Seine akademische Ausbildung erhielt Habermas nicht bei den Remigranten Horkheimer und Adorno, sondern in Göttingen, Zürich und Bonn – vor allem bei altdeutschen akademischen Mandarinen, die noch braunen Dreck an ihren Stiefeln hatten. Man muss es als ein Verdienst von Habermas ansehen, sich von diesen Lehrern emanzipiert und das Bild des deutschen Professors verändert zu haben – vom akademischen Provinzlertum befreit, weltoffen, sich an ein breites Publikum wendend.

Das Beste an Müller-Doohms Schrift ist die Erinnerung daran, dass es Jürgen Habermas nicht immer leicht gehabt hat. Ein Schlüssel für seine Fähigkeit, die Öffentlichkeit zu suchen und zu erreichen, liegt in den frühen 50er-Jahren, als ihm eine akademische Karriere verwehrt schien und er den Lebensunterhalt für sich und seine Familie mit freiem Schreiben verdienen musste. Diese doppelte Existenz als freier Autor und akademischer Wissenschaftler hat Habermas zu seiner Lebensform gemacht. Sie ermöglichte es ihm, zum Max Weber der Bundesrepublik zu werden – unbestechlich in seinem politischen Urteil, den Widerspruch herausfordernd, akademisch, aber strategisch denkend und planend, um seinen Typ von Wissenschaft zum führenden zu machen.

Habermas schuf Formulierungen von bleibendem Wert: «herrschaftsfreie Kommunikation» oder «den zwanglosen Zwang des besseren Arguments». Seine grösste politische Tat war seine Intervention im Historikerstreit, als er dem selbstgewissen Teutonismus der späten Bundesrepublik die Leviten las.

* Detlev Claussen lehrt Soziologie an der Universität Hannover. Er hat 1966–1971 in Frankfurt am Main studiert.

Erstellt: 12.06.2014, 06:21 Uhr

Stefan Müller-Doohm: Jürgen Habermas. Suhrkamp, Berlin 2014. 750 S., ca. 40 Fr.

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