Seitenhiebe eines Ex-Diplomaten

Ex-Botschafter Paul Widmer kritisiert in seinem «Handbuch» Calmy-Reys Neutralitätspolitik und die «Megafondiplomatie» mit viel zu vielen E-Mails. Die Kritik steht – ganz diplomatisch – zwischen den Zeilen.

Die Schweiz als zurückhaltende Gastgeberin internationaler Verhandlungen: Am traditionellen Neujahrsempfang im Bundeshaus.

Die Schweiz als zurückhaltende Gastgeberin internationaler Verhandlungen: Am traditionellen Neujahrsempfang im Bundeshaus. Bild: Keystone

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Diplomaten setzen sich an ihre Memoiren, wenn sie in den Ruhestand treten. Paul Widmer, Anfang Jahr von seinem Botschafterposten beim Heiligen Stuhl abgetreten, mag es unzeitgemässer: Er legt ein Handbuch mit dem Titel «Diplomatie» vor. Memoiren hat er nicht verfassen wollen – das sei «Cocktailgeplauder», meint er im Vorwort. Die 1977 begonnene Karriere im diplomatischen Dienst führte Widmer als Postenchef nach Berlin, als Botschafter nach Kroatien und Jordanien und als ständigen Vertreter der Schweiz beim Europarat nach Strassburg.

Aufgewachsen auf einem Bauernhof im Toggenburg, steht Widmer spätestens seit seinem Buch «Die Schweiz als Sonderfall» für ein konservatives Bekenntnis; in seinem «Handbuch» erlaubt er sich so manchen Seitenhieb. Etwa – unpolitisch – an die Adresse von Thomas Borer, der als Botschafter in Berlin «über seine eigene Eitelkeit gestürzt» sei. Dann aber – politisch brisant – kritisiert Widmer Alt-Bundesrätin Calmy-Reys aktive Neutralitätspolitik: Indem sie beispielsweise 2007 von der Schweiz vermittelte Gespräche zwischen israelischen und syrischen Kreisen bestätigte, brüskierte sie zwei Regierungen, brüstete sie sich mit kaum spruchreifen «Geheimverhandlungen» und versetzte einer diskreten Pendeldiplomatie den «Todesstoss», wie Widmer bedauert.

Er sieht die Schweiz eher als zurückhaltende Gastgeberin internationaler Verhandlungen, kaum als Mediatorin in Calmy-Reys Sinn. Letztere Rolle sei Angelegenheit von mächtigen, mit Druckmitteln ausgestatteten Staaten. Auf ­«Hotelierdienste» wolle Widmer die Guten Dienste der Schweiz reduzieren, entgegnete in einer ersten Rezension der ehemalige Staatssekretär Michael Ambühl. Und Calmy-Rey meint ohnehin seit je: «On n’est pas là pour servir le café.»

Tugendkatalog für Diplomaten

Solche Spitzen täuschen darüber hinweg, dass Widmer ein systematisch aufgebautes Handbuch geschrieben hat. Dessen Grundlage ist ein Lehrauftrag in internationalen Beziehungen an der Universität St. Gallen. Für seinen Kurs musste Widmer die Lücken im deutschen Sprachraum selbst schliessen – «Formen und Stile der Diplomatie», das letzte grundlegende Fachbuch, stammt von 1964. Jetzt behandelt Widmer auf fast 500 Seiten Begriffe, Geschichte, Formen und Institutionen der westlichen Diplomatie. Man findet die verschiedenen diplomatischen Dresscodes beschrieben, ebenso Textsorten wie Verbalnote, Kollektivnote, Aide-Mémoire oder De­marche. Man lernt, dass die Erfolgsgeschichte der Schweizer Diplomatie erst mit der Bundesstaatsgründung 1848 richtig begann – zuvor bestand das Aussenministerium der Tagsatzung aus einem Briefkasten. Widmer berichtet von den ersten altgriechischen, römischen und byzantinischen Botengängen und von der frühneuzeitlichen Diplomatie, die mit den ständigen Gesandtschaften in den Stadtstaaten Norditaliens im 15. Jahrhundert einsetzte.

Das Handbuch richtet sich stellenweise wie ein Tugendkatalog an junge Diplomaten in spe. «Die diplomatische Sprache muss exakt sein. Brillant hingegen ist sie selten», ermahnt Widmer. «Hier kommt es auf Nuancen an, die sich häufig aus dem ergeben, was gerade nicht gesagt wird.» Intelligenz, Raffinesse und Täuschungsmanöver würden oftmals überschätzt. Vertrauen sei wichtiger, schreibt der abgetretene Botschafter. Intelligenz stehe oft im Weg, wenn ein Diplomat aus zwei Lösung zu wählen habe, die ungefähr gleich gut sind. Der gesunde Menschenverstand müsse dann entscheiden.

Kapitel um Kapitel erteilt Widmer solche Lektionen – nicht zuletzt in Realismus. Flammende Plädoyers für Friedensdiplomatie können hier kaum nachgeschlagen werden. Die internationalen Vermittler neigten «naturgemäss» dazu, ihre Tätigkeit in einem rosigen Licht zu sehen, schreibt Widmer. Und verweist auf die Statistik: Von 1965 bis 2000 – ohne die Krisenherde in Afrika und Fernost miteinzubeziehen – kamen in fast der Hälfte von 151 Vermittlungsversuchen keine Abkommen zustande; nur 16 Konflikte wurden endgültig gelöst.

Viele Worte, wenige Gedanken

In dieses ernüchternde Bild passt auch die Klage über die Dekadenz im Verhandlungsalltag. Zu viele Spezialisten sieht der Generalist Widmer am Werk, zu vieles sei inzwischen nach den Bedürfnissen der Medien ausgerichtet. Wenn jede Menschenrechtsverletzung «aufs Schärfste» verurteilt werde (statt schlicht verurteilt), dann sei das eine «Megafondiplomatie», wie es der britische Aussenminister Lord Carrington nannte. Widmer sieht eine «leichtfüssige Eventkultur, das zwitschernde Plaudern auf allen Kanälen, das ständige Telefonieren» Einzug halten. «Zu viele Worte, zu wenige Gedanken: Das sind die Kennzeichen der neuen Entwicklungen in der Diplomatie. Dieser Befund ergibt sich aus einer enervierenden Rastlosigkeit der diplomatischen Omnipräsenz. Jedermann ist rund um die Uhr abrufbar, jedermann prüft mehrmals täglich sein E-Mail-Konto, ­jedermann verschickt laufend Messages mit Kopien an Krethi und Plethi.»

Der lange Atem fehle. So weit das Urteil Paul Widmers, von dem man sich aus dem Ruhestand doch noch etwas mehr als ein Handbuch mit Seitenhieben gewünscht hätte: nämlich Memoiren – ohne «Cocktailgeplauder». (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 02.07.2014, 11:00 Uhr

Paul Widmer: Diplomatie. Ein Handbuch. NZZ Libro, Zürich 2014. 492 S., ca. 58 Fr.

Kein Freund des «Cocktailgeplauders»: Paul Widmer, Diplomat. Foto: PD

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