Sie findet eine ganz neue Sprache für das Elend

NoViolet Bulawayos Roman «Wir brauchen neue Namen» beschreibt die Kindheit im Slum als eine Art Paradies.

In den USA enthusiastisch gefeiert: NoViolet Bulawayos Roman wurde 2013 für den Booker Prize nominiert. Foto: Reuters

In den USA enthusiastisch gefeiert: NoViolet Bulawayos Roman wurde 2013 für den Booker Prize nominiert. Foto: Reuters

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Als Elizabeth Zandile Tshele mit 18 Jahren aus ihrer Heimatstadt Bulawayo in Zimbabwe nach Amerika kam, hiess sie für ihre Freunde nur noch Elizabeth. Als sie dann mit 30 in ihrem Debütroman ihre Kindheit in den Slums beschrieb, brauchte sie andere, neue Namen: Ihr literarisches Alter Ego nannte sie Darling, sich selbst NoViolet Bulawayo. No heisst in ihrer Muttersprache «mit», Violet war der Name ihrer Mutter. NoViolet Bulawayo ist kein Künstlername, sondern ein Programm: «Mit Mutter zu Hause».

Paradise, die Barackensiedlung in Bulawayo, ist für die zehnjährige Darling nicht nur ein Zuhause, sondern erstaunlicherweise so etwas wie ein kleines ­Paradies. Sie hat nichts zu essen, keine Schuhe, keine Schule, keinen Fernseher. Ihr Vater kehrte als Wrack aus den südafrikanischen Minenfeldern zurück, und er stirbt an Aids; ihre Mutter ist meist abwesend. Aber wenn Darling mit ihren Freunden Bin-Laden-Fangen spielt, im Reichenviertel Budapest Guaven klaut und aufgeblasene schwarze Wachmänner ärgert, ist sie glücklich, obwohl man von Guaven Durchfall und von den ­Erwachsenen Kopfnüsse bekommt.

Die Helfer auf Township-Safari

Wir kennen das Leben in einem afrikanischen Slum aus den Mitleidsreportagen im Fernsehen: Kinder mit leeren Augen betteln um Brot. Bulawayo schreibt über ihren Alltag, ihre Träume und Gedanken von innen heraus, ohne moralisierende Opferrhetorik, politische Korrektheit und Klischees, und das verändert nicht nur den Blickwinkel.

Die Hilfsorganisationen etwa bekommen auf einmal ein ziemlich fremdes Gesicht: Die Helfer kommen wie Aliens aus dem Nichts, werfen Spielzeug von den Lastwagen, dokumentieren ihre Township-Safari mit Selfies und verschwinden, bevor die Wohltätigkeitsaktion aus dem Ruder läuft. Die Kinder tanzen und singen, kreischen «Cheese» und «Nimm mich mit», wie man es von ihnen erwartet. Solange die Helfer da sind, haben die Eltern nichts zu sagen, und mit den nagelneuen Spielzeuggewehren kann man prima Krieg spielen.

Doktorspiele

Bulawayos Sprache vibriert vor Lebensenergie und explodiert fast vor Farben, Gerüchen und Bildern. Kindliche Schnoddrigkeit mischt sich mit naivem Staunen, Trotz und Gleichmut, bis selbst das Traurige und Grausame wie ein fröhliches Kinderspiel erscheint.

Wenn Darlings Freunde der schwangeren elfjährigen Chipo den dicken Bauch mit Pisse, Steinen und einem verbogenen Kleiderbügel wegoperieren wollen, ist es ein Doktorspiel wie aus dem Fernsehen:

«Wir brauchen neue ­Namen, damit wir es richtig machen. Ich bin Dr. Bullet, die ist schön, und du bist Dr. Roz, der ist gross, sagt Shbo und nickt mir zu. Du hast er gesagt, ich will aber kein Mann sein, sag ich. An den erinnere ich mich aber, entweder du bist der oder niemand, sagt Shbo.» Selbst Mother of Bones, der verrückten, weisen Ersatzmutter Darlings, kommen da die Tränen.

Die Kinder wissen nicht, was «Wandel» auf den Wahlplakaten oder «Black Power» an den geplünderten Häusern der weissen Farmer bedeutet. Sie verstehen nichts von Politik, Medizin und Kultur und lachen verlegen, wenn eine tote Frau im Baum hängt oder Pastor Prophet Revelations Bitchington Mborro beim Dämonenaustreiben komisch schwitzt. Aber selbst das kleinste Kind weiss, dass man beim Fussball-WM- Spiel nicht «Kaka-Länder» wie Kongo oder Somalia wählt, sondern «Traum-Traum»-Länder wie die USA.

Der Geschmack der Guaven

Im zweiten Teil des Romans wohnt Darling bei ihrer Tante in Detroit, geht aufs College und hat alles, was ein Teen­ager haben muss, Hamburger, coole T‑Shirts, iPod und Dates; sie hasst Justin Bieber und kichert über Pornos. Sie ist neugierig und selbstbewusst, kratzbürstig und fast perfekt integriert. Aber wenn sie im Supermarkt die Regale sieht, steigt der Duft der Guaven in ihr auf, und wenn die Weissen von Afrikas Exotik schwärmen, wird ihr übel. Sie beherrscht alle Sprach- und Dresscodes, aber Englisch bleibt für sie «eine riesige Eisentür, zu der man dauernd den Schlüssel verliert».

Amerika war gut zu ihr, aber es ist enttäuschend kalt und steril, kurz: nicht «echt». Wenn Darling mit ihren Freunden in Zimbabwe telefoniert, hört sie immer öfter peinliches Schweigen und Vorwürfe: «Warum bist du nach Amerika abgehauen, hm?» Sich selbst entfremdet, kommt sie über ihre Schuldgefühle so wenig hinweg wie der närrische Tshaka Zulu, der sich bei Familientreffen in die alte Stammestracht wirft, Pizzaboten mit dem Kriegsspeer bedroht und irgendwann in der Psychiatrie landet.

Poetisch unverbraucht

«Wir brauchen neue Namen» wurde in den USA enthusiastisch gefeiert und 2013 als erster Roman einer afrikanischen Autorin für den Booker Prize nominiert. Der Titel verspricht nicht zu viel: NoViolet Bulawayo findet, vor allem im ersten Teil, eine ganz neue Sprache jenseits von Sentimentalität und Kulturkritik, und auch Miriam Mandelkow trifft in ihrer Übersetzung den Tonfall zwischen Unschuld, Lebenshunger und ruppiger Street Credibility.

Die Erinnerung an die Guaven, heisst es einmal, ist etwas anderes als ihr Geschmack. Bulawayo erzählt so eigenwillig und poetisch unverbraucht von ihrer Sehnsucht nach dem «gesegneten, elenden Land», dass die fauligen, vergifteten Früchte des verlorenen Kindheitsparadieses frisch wie am ersten Tag riechen, schmecken und leuchten.

Erstellt: 06.01.2015, 20:27 Uhr

Roman.
Aus dem Englischen von Miriam Mandelkow.
Suhrkamp, Berlin 2014.
264 S., ca. 32 Fr.

Die Redaktion auf Twitter

Stets informiert und aktuell. Folgen Sie uns auf dem Kurznachrichtendienst.

Werbung

Weiterbildung

Ausbildung & Weiterbildung Finden Sie die passende Weiterbildung Technischer Kaufmann, Deutsch lernen, Coaching Ausbildung, Präsentationstechnik, Persönlichkeitsentwicklung

Kommentare

Die Welt in Bildern

Logenplätze: Die Bewohner der nepalesischen Ortschaft Bode verfolgen den Nil-Barahi-Maskentanz von ihren Fenstern aus. Während des jährlichen Fests verkleiden sich Tänzer als Gottheiten und ziehen durch die Strassen. (20. August 2019)
(Bild: Navesh Chitrakar) Mehr...