Sie schreibt Geschichten über türkische Prostituierte

Elif Shafak fühlt sich als Bisexuelle wie eine Aussenseiterin in ihrer Heimat. Das spiegelt sich in den Romanfiguren der türkischen Autorin.

«Heute ist die türkische Gesellschaft polarisiert, voller Zorn. Das erschüttert mich»: Elif Shafak. Foto: Getty Images

«Heute ist die türkische Gesellschaft polarisiert, voller Zorn. Das erschüttert mich»: Elif Shafak. Foto: Getty Images

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Elif Shafaks Kindheit prägte der Blick durch das Fenster bei ihrer Grossmutter in Ankara. Noch heute hat sie die Bilder der späten 1970er-Jahre im Kopf: draussen Protestszenen, gewalttätige Strassenkämpfe zwischen Linken und Rechten. Richtete sie den Blick nach drinnen, war die Welt eine andere, erfüllt von Mystik. Ihre Grossmutter goss Blei, um den bösen Blick abzuwehren, sie las im Kaffeesatz, heilte Menschen mit Hauterkrankungen. Warzen etwa umkreiste sie mit einem speziellen Stift, steckte Rosendornen in einen roten Apfel.

Der kulturelle Reichtum der Türkei und die Umbrüche in der Geschichte des Landes – das sind auch die beiden grossen Themen, um die heute ihr Werk kreist. Die 47-Jährige zählt zu den meistgelesenen Autorinnen der türkischen Gegenwartsliteratur, ihre elf Romane wurden bisher in vierzig Sprachen übersetzt. Geschätzt wird sie zudem als politische Kommentatorin, die sich pointiert und kritisch zu Themen wie Populismus, Frauenrechte oder die politischen Verhältnisse in der Türkei äussert.

Mit ihrem Mann, einem Journalisten, und den beiden Kindern wohnt sie seit zehn Jahren in London. Das Interview findet in der Bibliothek eines Londoner Hotels statt. Elif Shafak ist gross und von schlanker Statur. Wie auf fast allen Bildern, die es von ihr gibt, trägt sie Schwarz. Ihre schulterlangen Haare hat sie lose zusammengebunden, auf dem Kopf trägt sie eine königsblaue Lesebrille. In ihrer Stimme liegt Ruhe, in ihrem Blick etwas Verträumtes.

«Früher zählte man aufeinander. Man zelebrierte das Schöne, die Bräuche.»

Die dramatischen Bilder vor dem Fenster, so erinnert sich Elif Shafak, hätten über mehrere Jahrzehnte angehalten, das Land schien kaum zur Ruhe zu kommen. «Doch da war etwas, das über dem politischen Elend stand. Man zählte aufeinander, in der Familie, in der Nachbarschaft, im Quartier. Man zelebrierte das Schöne, die Bräuche. Heute ist die türkische Gesellschaft polarisiert, voller Zorn. Das erschüttert mich.»

Von diesem Zusammenhalt, vom Wert der Freundschaft, der Kraft der Bräuche in der Türkei der 1960er und 1970er-Jahre erzählt Elif Shafak in ihrem neuen Roman «Unerhörte Stimmen». Sie beschreibt darin, wie Versöhnlichkeit und menschliche Wärme auch an lieblosen Orten wie in einem Bordell vorkommen können, solang die Menschen nur zusammenhalten. Heldin des Romans ist die Prostituierte Leila, die in den letzten Minuten vor dem Tod ihr Leben Revue passieren lässt: Geburt, Kindheit in Ostanatolien, Flucht nach Istanbul, die Tage als Prostituierte, wie sie ihre fünf besten Freunde und die Liebe findet.

«Diese Schwesterlichkeit vermisse ich bei den Frauen heute, besonders in Ländern wie der Türkei.»Elif Shafak

Elif Shafak beschreibt sinnesprall und voller Empathie die Erinnerungen ihrer Heldin und erzählt mitreissend von den kulturellen Zwängen, Traumata und Schätzen ihrer Heimat. Viele ihrer Romanfiguren tun sich schwer mit gesellschaftlichen Normen: Transgender-Menschen, emanzipierte und unterdrückte Frauen, Prostituierte, ethnische Minderheiten. «Ich will Aussenseitern eine Stimme geben, weil ich mich selbst in der Türkei schon früh als Aussenseiterin fühlte», sagt Shafak.

Elif Shafak wuchs mit zwei Frauen auf, unkonventionell für türkische Verhältnisse. Nach ihrer Geburt in Frankreich trennten sich die Eltern. Ihre Mutter liess sich mit dem Kind in Ankara bei Shafaks Grossmutter nieder, in einer konservativ religiös geprägten Nachbarschaft. Eine Ausbildung hatte sie nicht, denn das Studium hatte sie nach der Heirat abgebrochen. Nun stand sie ohne Geld da. Die Grossmutter – religiös und weniger gebildet als ihre Tochter – drängte sie, den Abschluss nachzuholen, während sie für Elif sorgte.

Durch diesen schwesterlichen Zusammenhalt zwischen Mutter und Grossmutter, sagt Elif Shafak, habe sie sich getragen gefühlt. «Meine Grossmutter half meiner Mutter, eine starke Frau zu werden. Meine Mutter wiederum stärkte ihre Mutter im Alter. Diese Schwesterlichkeit vermisse ich bei den Frauen heute, besonders in Ländern wie der Türkei, wo das Patriarchat dominiert.» Die Frauen seien dort gespalten, das beginne schon bei den Kleidervorschriften. Mit Kopftuch werde man als fromm diffamiert, sei dem Vorurteil ausgesetzt, feministische Werte nicht vertreten zu können. In einem Land, wo Sexualdelikte, Sexismus und Gewalt an Frauen im Übermass vorkommen, müssten die Frauen jedoch zusammenhalten, unabhängig von ihren religiösen oder politischen Überzeugungen. «Meine Mutter und Grossmutter hielten zusammen, obwohl meine Mutter westlich orientiert, säkular und rational dachte – und meine Grossmutter religiös, orientalisch, emotional und abergläubisch war.»

Hier offenbarte sie ihre Bisexualität: TED-Talk von Elif Shafak. Video: Youtube

Mit ihrer Mutter, die schliesslich Diplomatin wurde, lebte Elif Shafak wie eine Nomadin und wurde zu einer «kosmopolitischen Seele», einer Weltbürgerin. So verbunden sie mit der Türkei und ihrer Herzensstadt Istanbul ist, so daheim fühlt sie sich auch in London, auf dem Balkan, im Nahen Osten. Als Nachnamen trägt sie seit ihrer Jugend den Vornamen ihrer Mutter. Der Name des Vaters, eines Soziologieprofessors, fühlte sich fremd an, weil sie nicht mit ihm aufwuchs. «Und der Vorname Shafak ist, anders als viele Namen im Türkischen, geschlechtsneutral, Männer und Frauen tragen ihn.»

Damit fühle sie sich wohl, weil sie das Selbstverständnis der Geschlechter gern hinterfrage, auch in der Sexualität. In einem TED-Talk vor knapp zwei Jahren offenbarte Elif Shafak ihre Bisexualität. Warum hatte sie sich damals zu diesem öffentlichen Bekenntnis entschlossen? «Ich fühlte mich plötzlich bereit dafür. Ich wünschte, ich hätte das schon in meinen Dreissigern gewagt, aber ich fand den Mut dafür erst mit 45.» Aus ihrer Heimat kamen missbilligende, vulgäre Kommentare auf Social Media, von Kolumnisten und TV-Moderatoren. «Obwohl ich damit gerechnet hatte, war es aufreibend, eine schwierige Zeit. Dennoch fühlte ich mich endlich frei.»

Die Menschen in der Türkei, ihre Erzählungen, Bräuche, das Essen, die Musik will sich Elif Shafak im Herzen bewahren.

In ihrer Heimat kann von Freiheit derzeit keine Rede sein. Wie schmerzhaft sich das auswirkt, erfuhr Elif Shafak nach dem Verlust ihrer geliebten Grossmutter vor knapp zwei Jahren. Schweren Herzens verzichtete sie darauf, am Begräbnis in der Türkei teilzunehmen.

Sie wollte nicht riskieren, verhaftet zu werden – wie so viele andere kritische Autoren, Journalisten oder Wissenschafter. «Ein Tweet reicht schon.» Die Missachtung der Grundrechte im Land sei inakzeptabel. Die Menschen in der Türkei, ihre Erzählungen, Bräuche, das Essen, die Musik will sich Elif Shafak im Herzen bewahren, «trennen von der düsteren Politik». Doch all diesen Dingen ist sie seit bald drei Jahren fern.

«Schreibe ich ‹purple›, schmecke ich Liqueur auf der Zunge.»Elif Shafak

Was vermisst sie besonders an Istanbul? Shafak hält gedankenverloren inne. «Frühstücken am Bosporus. Sesamkringel, Fetakäse, Oliven, die Möwen über meinem Kopf. Mit den Fähren fahren. Das Gefühl, zwischen zwei Kontinenten unterwegs zu sein. Melancholie und Leichtigkeit zugleich.» Fühlt sich London wie ein Exil an? «Ich fühle mich schon seit meiner Kindheit im selbstauferlegten Exil, wie ich es nenne. Weil ich mit meiner Mutter unter anderem in Spanien, Jordanien, den USA, in Ankara, Istanbul, Köln gelebt habe. Ich habe früh über das Exil als Konzept nachgedacht. Das türkische Wort dafür, sürgün, hörte ich erstmals in der Primarschule. Ich war Linkshänderin, wurde gezwungen, Rechtshänderin zu werden. Mich umzugewöhnen fiel mir schwer. Die Lehrerin befahl: Deine linke Hand geht ins Exil, du darfst nichts mehr mit ihr machen! Ich musste sie unter dem Tisch behalten. Dort war für mich das Exil.»

So wie Elif Shafak Wörter mit Erinnerungen verbindet, assoziiert sie auch Geschmäcke und Gerüche mit Erinnerungen und Wörtern. «Es mag verrückt tönen», sagt sie mit einem verlegenen Lächeln und zögert kurz, «aber beim Schreiben schmecke ich manche Wörter. Schreibe ich ‹purple›, das englische Wort für violett, schmecke ich Liqueur auf der Zunge, mit einem süsslichen Beigeschmack. Als ich den Roman ‹Die vierzig Geheimnisse der Liebe› schrieb, schmeckte ich das Wort Liebe: Zimtnoten.» Hat das Wort Türkei einen Geschmack? «Nein, aber Mutterland oder Heimatland. Beide schmecken süss-sauer.»

Elif Shafak: Unerhörte Stimmen. Aus dem Englischen von Michaela Grabinger, Verlag Kein & Aber, Zürich 2019, 432 Seiten, ca. 28 Franken. Elif Shafak liest am 23. Juni im «Kaufleuten» in Zürich.

Erstellt: 06.06.2019, 20:43 Uhr

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