So was Bürgerliches ist auch ganz nett

Die Avantgardistin und die heile Welt: Ingeborg Bachmanns überraschende Skripte für eine Radio-Seifenoper erscheinen in Buchform.

Nach wenigen Wochen das Herz, die Seele und das Hirn des Radiosenders: Archivbild der 47-jährigen Ingeborg Bachmann.

Nach wenigen Wochen das Herz, die Seele und das Hirn des Radiosenders: Archivbild der 47-jährigen Ingeborg Bachmann. Bild: Keystone

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Von Ingeborg Bachmann taucht immer mal wieder Neues aus dem Nachlass auf, zuletzt ihr Briefwechsel mit Paul Celan und ein «Kriegstagebuch». Jetzt präsentiert der Suhrkamp-Verlag einen neuen Fund, der die Heilige der deutschsprachigen Nachkriegsliteratur in einem ganz neuen Licht zeigt: Anfang der 50er-Jahre, als sie gerade ihre ersten Gehversuche in der Gruppe 47 machte, schrieb die Frau, die angeblich nie Radio hörte und alles Triviale, Banale und Bürgerliche verachtete, mit grossem Erfolg die Drehbücher für eine Seifenoper des Wiener Rundfunksenders Rot-Weiss-Rot.

«Die Radiofamilie Floriani» war von den amerikanischen Besatzern als unterhaltsame, massentaugliche Form demokratischer Reeducation konzipiert worden. Das Skript schrieb ein dreiköpfiges Autorenteam, zu dem ausser Ingeborg Bachmann Jörg Mauthe (in dessen Nachlass die Manuskripte gefunden wurden) und Peter Weiser gehörten. Die im Wochenrhythmus ausgestrahlte Familienserie mauserte sich rasch zur populärsten Radiosendung des Landes. Halb Österreich sass am Samstagabend vor dem Apparat, wenn Amtsgerichtsrat Floriani, ein pflichtbewusster, liebenswürdig-vertrottelter Patriarch, sich von seiner Frau Wilma, seinen aufsässigen Kindern Helli und Wolferl und von seinem Bruder Leichtfuss Guido um den Finger wickeln liess. Erst nach acht Jahren und 330 Folgen wurde die Seifenoper 1960 eingestellt.

Schamhaft verschwiegen

Bachmann wie auch ihre Hagiografen haben diese Episode immer schamhaft verschwiegen oder als Brotarbeit heruntergespielt. Sie habe in ihren Anfängen, so die Dichterin später, auch ein bisserl «mit dem Rotstift» Hörspiele bearbeitet. Gewiss, als Gemeinschafts- und Auftragswerk gehörte die «Radiofamilie» nicht gerade zu den gültigsten Ausdrücken ihrer Persönlichkeit und Ästhetik. Vor allem aber vertrug sich die heile, humoristisch verklärte Welt der Florianis schwerlich mit ihrer radikalen Absage an das bürgerliche Familienidyll und ihrer Utopie von einem «Leben in der Dichtung».

Der Versuch des US-amerikanischen Germanisten Joseph McVeigh im Nachwort, Bachmanns frühe Gelegenheitsarbeit als «wertvollen Schlüssel» für ein grundlegend neues Verständnis ihres Lebens und Werks zu deuten, überzeugt daher wenig. Die Bachmann hat mit der Familienserie nicht unter dem Schutz der Anonymität «auf diskrete Weise ihre persönlichen Dämonen zu bannen» versucht. Sie hat vielleicht, relativ frei von Skrupeln, Schreibblockaden und öffentlichem Druck, einige Themen und Motive ihres späteren Werks durchgespielt – aber die Literaturgeschichte muss nicht umgeschrieben werden.

Ein funke Genialität

Helli zum Beispiel ist zwar ein vorlauter, aufmüpfiger Backfisch, aber keine Vorstudie zu tragisch verdüsterten Frauenfiguren wie in «Malina» oder «Undine geht». Der Ex-Nazi Guido, mit seinen abenteuerlichen Projekten und Erfindungen so etwas wie ein österreichischer Daniel Düsentrieb, mag Züge des Vaters in «Malina» tragen, aber er ist vor allem ein charmanter Hallodri.

Extravaganzen und Alleingänge waren Bachmann schon durch das Format, die Produktionsbedingungen und den politischen Kontext der Serie verwehrt. Dennoch sollte man ihren Anteil nicht unterschätzen. 1951 war die «kettenrauchende Meerjungfrau mit Engelhaar» (Weiser) als Sekretärin im Script Department des Senders eingestellt worden. Schon für die zweite Folge der «Radiofamilie» zeichnete sie verantwortlich, und nach wenigen Wochen war Bachmann Herz, Seele und Hirn des Unternehmens.

Die fünfzehn Folgen, die Ingeborg Bachmann bis zu ihrem Ausscheiden im Juli 1953 schrieb, unterscheiden sich in Sprache, Erzählweise und Thematik deutlich von ihren Co-Autoren. Guido etwa ist nicht nur der komische Spinner, sondern auch der österreichische Jedermann: der «kleine Trottel», der 1938 auf Hitler ahnungslos «hereingefallen» war und jetzt keinen Grund sieht, sich mit seiner Vergangenheit auseinanderzusetzen. Trotzdem steckt in seinem Geschwätz auch ein Stück Bachmann: «Humor muss man eben haben und einen Funken Genialität . . . und über – ganz über den Dingen muss man stehen und das Leben zutiefst verachten . . . um es lebenswert zu machen . . . und man muss den Menschen manchmal eine Tigerblutinjektion geben.»

Die Alltagsprobleme der Zeit

Und wenn Helli über Wolferls Zerstörungswut klagt, darf man ruhig an Bachmanns gerade gescheiterte Beziehungen mit Hans Weigel (der übrigens einen unvorteilhaften Auftritt als «kleiner Dicker» hat) und Paul Celan denken: «Die Buben zerreissen doch dauernd ihre Sachen . . . und nicht nur ihre Sachen. Sie zerreissen überhaupt alles. Und was bleibt uns da übrig? Resignation!»

Auch in den von Ingeborg Bachmann verfassten Passagen fehlt es nicht an Handküssen, Sachertorten und süsslichem Wiener Schmäh. Aber sie zeigt die «Radiofamilie», wie schon die Titel ihrer Skripte («Ferienpläne», «Schulanfang», «Weihnachtseinkäufe», «Geldborgen») verraten, gern in konkreten Alltagssituationen und konfrontiert sie immer wieder beiläufig mit Problemen der Zeit: Entnazifizierung, Schwarzhandel, Wiederaufbau, Korruption und Postenschacher.

In einer Folge beklagt ein osteuropäischer Flüchtling den Fremdenhass der Österreicher, in einer anderen verbünden sich die bildungsbürgerlichen Florianis überraschend mit Bohemiens und avantgardistischen Neutönern gegen Hans Sedlmayrs Klagelied vom «Verlust der Mitte»: «No ja, so was Bürgerliches ist auch ganz nett.» So wie später die «Lindenstrasse» nimmt «Die Radiofamilie» mit leichter Hand und satirischen Seitenhieben immer wieder auf aktuelle Debatten, Zeitfragen und politische Tagesereignisse Bezug.

Abschied in höhere Sphären

Auch als Märchentante und Seifenopernlibrettistin war Ingeborg Bachmann also ihrer Zeit voraus. Vielleicht wären uns Machwerke wie «Gute Zeiten, schlechte Zeiten» erspart geblieben – oder Kunstwerke geworden –, wenn man die literarische Avantgarde öfter als Drehbuchautoren verpflichtet hätte. Dass das «Script Girl» Bachmann sich bald aus der heilen Welt der Florianis in höhere Kultursphären verabschiedete, war für die Literatur ein Segen, aber nicht unbedingt für ihr Lebensglück.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 17.06.2011, 11:24 Uhr

Ingeborg Bachmann: Die Radiofamilie. Herausgegeben und mit einem Nachwort von Joseph McVeigh. Suhrkamp-Verlag, Frankfurt 2011. 414 Seiten.

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