Einwohnerkontrolle

Späte Post für Friedrich Dürrenmatt

Neunzig Jahre nach seiner Geburt und zwanzig Jahre nach seinem Tod hat Friedrich Dürrenmatt Post erhalten: Vom Einwohnerdienst der Stadt Bern – zwecks «Abklärung der Aufenthaltsverhältnisse».

Wandmalereien in Dürrenmatts Berner Mansarde. (Valérie Chételat)

Wandmalereien in Dürrenmatts Berner Mansarde. (Valérie Chételat)

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Der Brief, den der Einwohnerdienst der Stadt Bern unlängst verschickt hat, ist an «Frau/Herr Dürrematt, Laubeggstrasse 49, CH-3006 Bern» adressiert – lässt also offen, was für eine Frau Dürrematt oder was für ein Herr Dürrematt darin aufgefordert wird, «unter Vorweisung dieser Einladung beim Einwohnerdienst vorzusprechen». Sollte damit aber kein Dürrematt, sondern ein Dürrenmatt, und vielleicht, was anzunehmen ist, sogar der berühmte Schweizer Schriftsteller und Dramatiker Friedrich Dürrenmatt gemeint sein, käme die «Einladung» der Einwohnerkontrolle keineswegs an die falsche Adresse – bloss einige Jahre zu spät. Dürrenmatt hat einst zwar tatsächlich hier, in einer Mansarde im Berner Schosshaldequartier, gewohnt – von 1942 bis 1946. Doch leider ist er nicht mehr in der Lage, der amtlichen Aufforderung Folge zu leisten: Er starb vor zwanzig Jahren, am 14. Dezember 1990 – 70 Jahre nach seiner Geburt in Konolfingen am 5. Januar 1921.

Im Brief wird Dürrenmatt zwecks «Abklärung der Aufenthaltsverhältnisse» gebeten, zu seinem «Vorsprechen» an der Predigergasse 5 den Heimatschein und den AHV-Ausweis mitzubringen und als Gebühr zwanzig Franken bereitzuhalten – plus genügend Geld zum Begleichen allfälliger «Anmeldegebühren und evtl. Busse/Anzeige». Allerdings: Falls er, Dürrenmatt, «exterritorial gemeldet» sei und über eine EDA-Legitimationskarte verfüge, sei er entschuldigt: Dann müsse er dem Einwohnerdienst lediglich eine Kopie der Legitimationskarte zustellen.

Abenteuer der Menschheit

Diese Vorgabe dürfte Dürrenmatt zweifelsfrei erfüllen: Als Toter ist er nun in der Tat «exterritorial» wohnhaft, also «ausserhalb des Bodens» (lat. ex terra) – bestenfalls sogar im Himmel. Sein Aufenthaltsstatus dürfte sich also auch ohne eine leibhaftige Anwesenheit des «Herrn Dürrematt» rasch und unbürokratisch klären lassen.

Und die Berner Einwohnerkontrolle wird in ihren Akten nun endlich definitiv vermerken können, dass sich an besagter Adresse zwar längst mehr weder eine Frau noch ein Herr «Dürrematt» aufhalten, dass sich hier aber nach wie vor die von Friedrich Dürrenmatt einst skurril bemalte Dürrenmatt-Mansarde befindet. Durch Hinweise der späteren Hausbesitzer und der Schwester Dürrenmatts hatten die städtische Denkmalpflege und das Schweizerische Literaturarchiv die vergessenen Dürrenmatt’schen Wandmalereien 1993 entdeckt, freigelegt und restauriert. 1996/97 erwarb die «Stiftung Dürrenmatt-Mansarde» das kulturhistorisch bedeutsame Mansardengeschoss. Der Verein Dürrenmatt-Mansarde verwaltet und vermietet die Räume seither «kostendeckend und unter Schonung der Wandbilder». Diese hatte Dürrenmatt 1947 so beschrieben: «An die Wände malte ich Bilder, die nicht sehr gross waren, doch bedeckten sie mit der Zeit die Mauern und die Decke vollständig. Auch der Kamin, der mitten durch mein Zimmer ging, war von oben bis unten mit Figuren bemalt. Ich stellte Szenen aus unsicheren Zeiten dar, besonders die grossen Abenteuer der Menschheit.»

Dürrenmatts Wandmalereien an der Laubeggstrasse 49 sind also nach wie vor zu besichtigen. Der Künstler persönlich ist und bleibt aber, allenfalls auch von Amtes wegen, nur noch «exterritorial» zu benachrichtigen.

Erstellt: 04.01.2011, 16:29 Uhr

Friedrich Dürrenmatt.

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