Hintergrund

«Spionage wird ein Riesengeschäft werden»

Marshall McLuhan sah in den Sechzigerjahren voraus, wie wir per Internet und Social Media kommunizieren werden. Jetzt sind neue Tapes aufgetaucht, in denen er unheimlich präzise Visionen formuliert.

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Ein Popstar der Intellektuellen war Medientheoretiker Marshall McLuhan bereits in den Sechzigerjahren. Sein Bonmot «Das Medium ist die Botschaft» war damals schon zur geläufigen Phrase geworden. Politiker und Schauspieler wollten sich mit ihm ablichten lassen, er war auf den Titelblättern von «Newsweek» und «Times» zu sehen. McLuhan war chic, obschon seine Zeitgenossen kaum wissen konnten, wie visionär seine Arbeit war. Er selber sprach immer davon, dass nur die Gegenwart genau beobachten müsse, wer die Zukunft kennen wolle, und brauchte dafür die Metapher der DEW Line, der Distant Early Warning Line, situiert in der kanadischen Arktis, ein Frühwarnsystem für allfällige sowjetische Angriffe. «Ich denke an die DEW Line, auf die man sich immer verlassen kann, um der alten Kultur mitzuteilen, was mit ihr geschehen wird.»

Zwanglose Lunch-Gespräche

Das kanadische «Maclean's Magazine» hat vergangene Woche einen Text veröffentlicht, der auf verloren gegangene Aufzeichnungen von Gesprächen mit McLuhan zurückgeht. Der Autor ist Peter C. Newman, im Jahr 1972 Chefredaktor des «Maclean's Magazine» und Freund McLuhans, der ihn publizistisch beriet. Bei gelegentlichen Lunchs interviewte Newmann McLuhan zu verschiedenen Themen und zeichnete die Gespräche auf. Und so stiess Newman im Frühjahr auf eines dieser Tapes, transkribierte den Inhalt und stellte ihn dem «Maclean's Magazine» zur Verfügung. Zwar sei das Gespräch mehr als «zwanglose Lunch-Unterhaltung» zu betrachten denn als richtiges Interview, schreibt Newman dazu. Dennoch ist wiederum erstaunlich, wie präzise und visionär McLuhman gesellschaftliche Phänomene beschreibt, die heute tatsächlich Alltag geworden sind.

Bekannt sind McLuhans visionäre Aussagen über die Zukunft elektronischer Medien. Er sah nicht nur bereits in den Sechzigerjahren die Printkrise und das Phänomen Reality-TV kommen, sondern ihm war auch klar, welche Bedeutung der Computer für unser Leben haben würde. Er sah das Internet voraus und beschrieb verschiedene Formen von Social Media, wie sie unseren Umgang untereinander formen beziehungsweise welchen Einfluss sie auf die Gesellschaft haben würden: «Kriege, Revolutionen, Bürgeraufstände sind Schnittstellen innerhalb dieser neuen Umwelten, welche elektronische Informationsmedien kreieren.» Oder diese Aussage, die punktgenau auf unsere Smartphones zutrifft: «Wir gestalten unsere Geräte, und dann gestalten die Geräte uns.»

Das Publikum wird die Show übernehmen

In den nun aufgetauchten Gesprächen äussert McLuhan sich zu einer Vielzahl von Themen, spricht über kanadische Politik, über Erziehung und Telekommunikation. Im Licht der gegenwärtigen Prism-Berichte ist besonders interessant, was er über die künftige Bedeutung von Überwachung und Spionage sagt. «Spionage auf der Basis von Lichtgeschwindigkeit wird das grösste Business der Welt werden», antwortete er auf die Frage, was die Zukunft für uns bereithalte. «Die Möglichkeiten, andere auskundschaften zu müssen, werden unüberschaubar werden. Wenn man Millionen verdienen kann, indem man dem Computer ein paar Befehle gibt, wird das Bedürfnis globaler Überwachung grösser und grösser werden.» Diese Aussage ist allerdings nicht nur im Licht von Prism zu sehen, sondern lässt sich ebenso auf das Data-Mining beziehen, mit dem Firmen wie Google und Facebook Geld machen.

Indem sie die gesammelten Daten ihrer Nutzer auswerten und Firmen zur Verfügung stellen, ermöglichen sie massgeschneiderte Werbung, die auf ein spezifisches Zielpublikum zugeschnitten ist. Gleichzeitig werde das Publikum zum Inhalt der Medien werden, sagt McLuhan: «Die Öffentlichkeit wird zum Inhalt des TV-Programms werden, indem man genau untersucht, was sie gerne schauen. Mit zunehmender Spionage wird es so sein, dass je mehr man über sein Publikum weiss, desto mehr wird dieses Publikum die Show übernehmen.» Die Inflation von Reality-TV-Formaten gibt ihm recht.

Eine Million Dollar in ein paar Sekunden

Auch darüber, wie die Möglichkeit von Computertechnologie die Finanzmärkte beeinflussen wird, ist McLuhan klarsichtig. Newman fragt: «Wird man eine ganze Wirtschaft per Computer entführen können?» McLuhan: «Ja, man kann jedermanns Währung einfach übernehmen. Man wird die Währung eines ganzen Landes für drei Sekunden borgen und eine Billion Dollar machen. Der Zeitfaktor wird alles entscheidend werden.» McLuhan, der das Bonmot vom globalen Dorf geprägt hat, sieht bereits in den Siebzigerjahren die Probleme, die durch globale Kommunikation und unbegrenzte Mobilität heraufziehen. Das Problem des Identitätsverlusts sieht er in der Retromanie gespiegelt. «Eine grosse Nostalgie wird in allen Kunstformen auftauchen, in allen Mustern der Mode und der Unterhaltung. Die echten Jeans der Sechzigerjahre waren Grossvaters Arbeitshosen – seine Overalls wurden auf den Sockel gehoben. In der Musik geschieht nun dasselbe.» Eine andere Folge der Mobilität sei die Krise der Gemeinschaft, die Stück für Stück verloren gehe.

Erstellt: 24.07.2013, 15:05 Uhr

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