Standesgemäss unverfroren

Das deutsche Feuilleton liebt die junge adlige Autorin Ronja von Rönne.

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Der Name klingt nach einer Kinderbuchfigur von Astrid Lindgren. Oder ist es ein Künstlername? Aber Ronja Larissa von Rönne ist nicht die Räubertochter oder Pippi Langstrumpf des Feuilletons, sondern eine 23-jährige Autorin, die laut Spiegel «ganz Berlin-Mitte verrückt macht». Anders ausgedrückt: Vor allem männliche Teile des Literaturbetriebs kümmern sich aufopfernd ritterlich um die attraktive junge Frau aus altem Adel. «Spiegel»-Autor Georg Diez streckte vor dem «Schmollmundfatalismus» der Literaturlolita vollends die Waffen: «Sie kann sehr unausgeschlafen aussehen und mit einem Klick ihrer Augen auf Betörung schalten, sie ist schnell, charmant und möglicherweise auch manipulativ, es ist ein Spiel.»

Tristesse royale

Frauen lassen sich möglicherweise nicht so leicht rumkriegen. Als Rönne am Wochenende in Klagenfurt schon im ersten Satz ihres Textes («Ich wache auf, und mir ist schlecht») mit der Melancholie kokettierte, die wohlstandsverwahrloste Studentinnen aus Berlin-Mitte in Karlsruhe unweigerlich befällt, witterten Jurorinnen Pose und Provokation, die alte Tristesse royale der Popliteratur. Was deren Erfinder Joachim Lottmann als «hysterische Zickenbissigkeit» erschien.

Zwischen Klagenfurt und Berlin werden immer wieder Jungstars der Literatur ausgerufen: Judith Hermann, Benjamin Lebert, Helene Hegemann. Ronja von Rönne hat vielleicht mehr Talent und Stilgefühl und trotz ihres Alters schon allerhand erlebt. In Bayern aufgewachsen, hat sie früh als Model ihr Geld verdient, vieles (Jura, Theaterwissenschaft, Kreatives Schreiben) studiert und abgebrochen; sie twittert und bloggt und schreibt neuerdings im Feuilleton der «Welt», demnächst erscheint ihr erster Roman. Mit einer Mischung aus Mut, Selbstdarstellungsdrang und Unbedarftheit hat Rönne oft Anstoss erregt, so, als sie psychische Krankheiten Ausreden fürs Scheitern nannte und Jungschriftstellern empfahl, lieber Spargeln zu stechen und Toiletten zu putzen, als um Stipendien zu betteln und sich als Stadtschreiber von Pfaffenhofen zu prostituieren.

Hass, Häme und Komplimente

Als sie dann den Feminismus als «Charity-Aktion für unterprivilegierte Frauen» und Symptom einer stalinistischen Empörungskultur bezeichnete (und dafür Beifall von Rechtsradikalen erhielt), erhob sich ein gewaltiger Shitstorm. Ein Frankfurter Pfarrer erinnerte süffisant daran, 1789 habe man Aristokraten für solche Frivolitäten an der Laterne aufgeknüpft.

Ronja von Rönne erträgt Hass, Häme und Komplimente mit aufreizender Gelassenheit. Ist es standesgemässe Contenance, Karrierestrategie oder Naivität? Ihre Ansichten wechselt sie jedenfalls wie Kleider. Was sie heute als «Generation Produktiv» beschreibt, war für sie 2012 die «Generation Glibber», die lieber an teuren Smoothies nuckelt als in saure Äpfel beisst. Egal. Hauptsache, ihre Sätze drücken jene Sehnsucht nach Sinn, Intensität und Authentizität aus, die noch jede gelangweilte Jugend für sich reklamiert.

Erstellt: 08.07.2015, 23:58 Uhr

Die Redaktion auf Twitter

Stets informiert und aktuell. Folgen Sie uns auf dem Kurznachrichtendienst.

Werbung

Weiterbildung

Ausbildung & Weiterbildung Finden Sie die passende Weiterbildung Technischer Kaufmann, Deutsch lernen, Coaching Ausbildung, Präsentationstechnik, Persönlichkeitsentwicklung

Kommentare

Werbung

Weiterbildung

Ausbildung & Weiterbildung Finden Sie die passende Weiterbildung Technischer Kaufmann, Deutsch lernen, Coaching Ausbildung, Präsentationstechnik, Persönlichkeitsentwicklung

Die Welt in Bildern

Stars and Stripes: Während einer Zusammenkunft von US-Kriegsveteranen in Louisville hört sich ein junger Besucher mit patriotischem Anzug die Rede von Präsident Trump an. (21. August 2019)
(Bild: Kevin Lamarque) Mehr...