Interview

«Steinbrück hat ja einfach recht»

In seinem neuen Roman lässt Michael Herzig Deutsche in Zürich meucheln. Der Autor über sein provokantes Buch, das die Deutschen-Debatte auf die Spitze treibt.

Setzte sich kritisch mit der Deutschen-Debatte auseinander: Autor Herzig.

Setzte sich kritisch mit der Deutschen-Debatte auseinander: Autor Herzig. Bild: Michaelherzig.ch

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Herr Herzig, Ihr neuer Roman «Töte deinen Nächsten» dreht sich um Deutschenmorde in Zürich – eine künstlerische Übersteigerung eines real existierenden Hasses?
Hass ist übertrieben. Ich würde eher sagen: Es gibt eine konsensuale Antipathie. So greift etwa niemand ein am Familientisch oder im Freundeskreis, wenn man antideutsche Sprüche klopft.

Was denken Sie: Hat das mit der intensivierten Zuwanderung deutscher Arbeitskräfte zu tun, oder gehts immer noch um die Nazis?
Weder noch! Das Ganze hat mit den Deutschen eigentlich gar nichts zu tun, eine Projektion der Bedrohungslage des Zweiten Weltkriegs auf die heutige Zeit scheint mir wenig überzeugend. Es geht vielmehr um Schweizer Befindlichkeiten, um die Probleme, die die Schweizer mit sich selber haben. Das versuche ich in meinem Buch auch darzustellen.

Von welchen Problemen sprechen Sie?
Der Schweizer hat das Problem, dass er ständig zwischen Grössenwahn und Minderwertigkeitskomplex schwankt. Man nehme das aktuelle Beispiel USA – zum einen sagt man, in Verkennung der Sachlage, hochnäsig: «Amerika ist für uns nicht relevant», man muss nicht einmal zu einem Prozess erscheinen. Anderseits leiden wir an der eigenen Irrelevanz und an der Ignoranz der andern. Und auch daran, dass man uns und unser politisches System nicht versteht – nicht verstehen muss.

Ist das jetzt typisch schweizerisch, oder ist es nicht eher typisch für ein kleines Land mit grossen Nachbarn?
Das ist sicher mit ein Grund. Das meiner Meinung nach typisch Schweizerische ist allerdings die Verbissenheit, die oberflächliche Gehässigkeit, mit der diskutiert wird – das haben meiner Meinung nach andere nicht. Peer Steinbrück ist ja so eine Figur, an der sich die ganze Problematik beispielhaft zeigt. Ich meine, er ist vielleicht arrogant, nicht sympathisch, aber letztlich hat er ja einfach recht mit seinem Kavallerievergleich (lacht). Wenn man Steinbrück den Nazi anhängt, verkennt man die Situation vollkommen und weicht der Auseinandersetzung aus.

Glauben Sie, dass Übergriffe, wie Sie sie schildern, tatsächlich stattfinden könnten? Dass ihre Fiktion Realität werden könnte?
Nein, das hingegen glaube ich nicht. Unsere Demokratie erlaubt es, Ärger – ob nun angebracht oder nicht – auch in drastischen Tönen zu artikulieren; ich begrüsse das sehr. Auch hält uns die direkte Demokratie am Boden, regt zur Vernunft und zu Kompromissen an. Vielleicht wird sich das vermeintliche Problem auch von selber lösen, wenn die Deutschen einfach wieder nach Hause gehen. Wenn dann andere Einwanderer kommen, werden wir feststellen, dass wir den Deutschen kulturell näher sind, als wir wahrhaben wollten. Und dann werden wir ihnen womöglich nachtrauern.

Ihr Roman spielt in Zürich. Hat das damit zu tun, dass hier die Deutschendiskussion besonders heftig geführt wird?
Nein, das spielte keine Rolle, da ging es um das Kolorit, meine Krimis haben ja immer einen stark ausgeprägten Lokalbezug. Mir geht es immer um Metathemen, die mich interessieren und die ich dann in die Krimihandlung um die Zürcher Stadtpolizistin di Napoli einbinden kann. Zürich liegt mir, weil ich schon seit Jahren hier lebe und auch beruflich Einblick habe in spannende Milieus und in die alltägliche Polizeiarbeit. Zwar gibt es auch hier nicht so viele Morde wie in anderen Grossstädten, aber es gibt doch eine gewisse Plausibilität hinsichtlich schwerer Kriminalität; dazu kommt das reizvolle Setting der vielen internationalen Firmen, die in Zürich einen Sitz haben.

Diesmal ist das besagte Metathema die Deutschen-Debatte – steckt da auch Kalkül dahinter? Immerhin erfährt sie eine ausserordentlich grosse mediale Aufmerksamkeit.
Klar steckt da Kalkül dahinter (lacht). Ich will schliesslich, dass meine Bücher gelesen werden. Ich muss aber schon mit Herzblut ein Thema bearbeiten, sonst kommt das nicht gut, sonst ist das eine rein mechanische Angelegenheit.

«Töte deinen Nächsten» ist nun Ihr dritter Roman mit Polizistin di Napoli in der Hauptrolle. Geht das jetzt einfach so weiter?
(lacht) Geplant ist noch ein vierter di-Napoli-Roman, mindestens. Daneben arbeite ich aber noch an einer anderen Geschichte, die nicht ein Krimi im eigentlichen Sinn ist, sondern mehr eine Farce – so Tarantino-mässig, mit vielen Toten und völlig unrealistisch.

(Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

Erstellt: 01.03.2012, 12:07 Uhr

Der Autor

Michael Herzig (*1965) hat Geschichte und Politologie studiert und sich in Betriebswirtschaft (MBA) weitergebildet. Er arbeitet hauptberuflich im Sozialbereich der Stadt Zürich.

Michael Herzig, «Töte deinen Nächsten». Grafit, ISBN: 978-3-89425-668-5, 288 Seiten. Erscheint am 6. März.


Wie in den Vorgänger-Romanen «Saubere Wäsche» und «Die Stunde der Töchter» steht auch in «Töte deinen Nächsten» die Zürcher Stadtpolizistin Johanna di Napoli im Zentrum. Ausgangspunkt ihrer Recherchen ist diesmal die Ermordung eines deutschen Spitzenpolitikers während eines Staatsbesuchs.

«Töte Deinen Nächsten»

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