Porträt

Rotwein auf dem Weg zur Uni

Heute wäre Friedrich Dürrenmatt 90 Jahre alt geworden. Ein Kommilitone erinnert sich an die gemeinsame Studienzeit in Bern.

Vertrauensmann: Der junge Dürrenmatt, hier 1948, ergriff Partei – und das Wort – für seinen Philosophieprofessor.

Vertrauensmann: Der junge Dürrenmatt, hier 1948, ergriff Partei – und das Wort – für seinen Philosophieprofessor. Bild: Schweizerisches Literaturarchiv

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Richard Herbertz liebte es, seine Ausführungen in den Vorlesungen mit farbigen Kreiden an der Wandtafel zu verdeutlichen. Der Philosophieprofessor hatte überdies die Angewohnheit, sich gegen diese Wandtafel zu lehnen, sodass die Symbole und Zeichen zur allgemeinen Heiterkeit spiegelverkehrt auf seinem Rücken erschienen.

Unter den Studenten, die in den Kriegsjahren regelmässig Zeugen dieses Schauspiels waren, befanden sich Hans Erhard Gerber und Fritz Dürrenmatt. «Der Professor war sozusagen ein Werbeträger in eigener Sache», erinnert sich Gerber, heute 87 und pensionierter Gymnasiallehrer. Die unfreiwilligen Körperbemalungen von Herbertz gingen allerdings noch weiter: «Auch verschmierte er sich das Gesicht», notierte Friedrich Dürrenmatt in seinen autobiografisch grundierten «Stoffen», «weil er, wenn er sich konzentrierte, in seine gespreizte Hand sprach, in der er sein Gesicht barg, wenn er einen schwierigen Gedanken entwickelte.»

Dürrenmatt und Benjamin

Der ehemalige Corpsstudent Herbertz mit einem von Schmissen «zerhackten» Gesicht war von 1910 bis 1948 Professor in Bern. Der Sohn eines Industriellen und Honorarkonsuls des türkischen Sultans erhielt 1939 die Schweizer Staatsbürgerschaft. Sein philosophisches Selbstverständnis gründete laut dem «Historischen Lexikon der Schweiz» auf Fichtes und Hegels Überzeugung, wonach die Ausrichtung des philosophischen Denkens von der Beseelung durch das Individuum abhängig sei. Und ein beseelter Denker von «grosser Güte», der «seinen Lehrauftrag nicht als Guru missbrauchte», war Herbertz laut Gerber. Am Ende der Vorlesungen deklamierte er jeweils Stellen aus Christian Morgensterns «Galgenliedern». Abgesehen von Dürrenmatt war der Geschichtsphilosoph Walter Benjamin, der 1919 bei ihm promovierte, sein berühmtester Schüler.

Der etwas sonderbare Professor litt an einer Krankheit, die Gerber und Dürrenmatt unterschiedlich diagnostizierten. Während Professor Herbertz in Gerbers Erinnerung an Agoraphobie (Platzangst) litt, schreibt Dürrenmatt in den «Stoffen» von einer «nicht unphilosophischen Störung der Gleichgewichtsorgane». Die Symptome werden von den beiden Ex-Studenten allerdings ähnlich beschrieben. Herbertz, so Dürrenmatt, habe sich nüchtern wie ein Betrunkener verhalten und umgekehrt.

Karikaturen statt Notizen

Wenn Herbertz mit dem 9-Uhr-Schnellzug von Thun kommend in Bern eintraf, wurde er vom Kondukteur rituell einem wartenden Studenten übergeben. Auf dem Weg zur Uni trank er jeweils noch etwas Rotwein im Bahnhofbuffet. Während sich Gerber nur an ein Glas Rotwein auf dem Hinweg zur Universität erinnert, ist es laut Dürrenmatt sowohl auf dem Hin- als auch auf dem Rückweg jeweils eine ganze Flasche.

Neben der Philosophie war die Kriminalpsychologie sein bevorzugtes Gebiet; im Fall des Massenmörders Fritz Haarmann hatte Herbertz als Gutachter fungiert. Dürrenmatt erinnert sich in den «Stoffen», dass er der fixen Idee anhing, wonach alle seelischen Krankheiten vom Coitus interruptus herrührten.

Mit seiner zweiten Frau lebte Herbertz in der obersten Etage des stillgelegten Hotels Beau Rivage in Thun, umgeben von einem lebenden Foxterrier und dessen ausgestopften Vorgängern. «Herbertz erblickte in Dürrenmatt einen philosophischen Ziehsohn», glaubt Gerber. Er erinnert sich, wie Dürrenmatt in den Vorlesungen scheinbar eifrig Notizen machte. In Wahrheit karikierte er auf Zettel, die er samt Kommentar zirkulieren liess, Mitglieder des Seminars. Gerber bereut bis heute, «keines dieser Kleinkunstwerke von Fritz zurückbehalten zu haben».

Rhetorischer Schlagabtausch

Am 28. Juni 1944 erschien im «Bund» ein feuilletonistischer Beitrag mit dem Titel «Hauptfach Philosophie». Der Autor war Hans Gerber. Als «enttäuschter, etwas naiver Anfänger», so seine Einschätzung im Rückblick, habe er die Universitätsphilosophie hart attackiert: Es fehle ihr an «Autoritäten»; über «Charakteristik und Deutung einer vergangenen Epoche» erfahre der Nachgeborene mehr durch «Dichtung, die im künstlerischen, allgemeinen Ausdruck uns die genannte Zeitepoche viel näherbringt». Forsch forderte der Student, Philosophie müsse «Lebensweisheit» bedeuten: «Die Philosophie sollte wieder Ausgangspunkt und Endziel des menschlichen Strebens werden, eine Quelle für die geistig Notleidenden wie für die Erkenntnisfreudigen.»

Gerber regte anstelle eines Hauptfachs einen philosophischen Grundkurs für alle Studiengänge an und bilanzierte streng, Philosophie als Hauptfach sei abzulehnen – «oder dann nur durch vorzügliche, über das höhere normative Mass begabte Geister zu betreiben». Das wird Professor Herbertz wahrscheinlich auf seine Person gemünzt haben.

Vertrauensmann des Professors

Am 7. Juli 1944 publizierte der «Bund» Dürrenmatts «Entgegnung» auf den «hinterlistigen Angriff». Die Frage nach dem praktischen Nutzen der Philosophie wischte er beiseite. Die Philosophiegeschichte habe eine «überragende Bedeutung», weil sie «den Menschen und die Epochen seiner historischen Entwicklung in einem ganz besonderen und klaren Licht» zeige. Dürrenmatt erinnerte an den «gemeinsamen Urgrund der Philosophie und der Künste». Und schloss pathetisch: Ein Staat, der seine Grösse nicht im «Aufwand seiner Maschinerie», sondern in der vornehmen Aufgabe erkenne, «jedem seine Entfaltung seiner Anlagen zu ermöglichen, wird Künste und Wissenschaft fördern».

Der belehrende Tonfall, der bildungsbürgerliche Gestus – das passt nicht so recht zum jungen Wilden, der das Studentenleben auf die leichte Schulter nahm und mit Spott über die Universität nicht geizte. Offenbar war Dürrenmatt seinem Professor aber so zugetan, dass er ihm die Bitte nicht abschlug, als Vertrauensmann den impertinenten Polemiker aus einem tieferen Semester in den Senkel zu stellen. Denn Gerber hatte auf seinen Artikel, wie er heute selbst meint, «viel Beifall von der falschen Seite bekommen, triviale Reaktionen nach dem Motto: Endlich hat es einer gesagt».

Denkwürdiger Besuch in Thun

Richard Herbertz starb 1959 in Thun, offenbar, wie Gerber in Erfahrung brachte, «vereinsamt und trotz Pension verarmt». Ob Dürrenmatt in den letzten Jahren noch Kontakt mit ihm hatte, ist nicht bekannt. Überliefert ist, dass er Herbertz 1946 in Thun aufsuchte. Der geschei-terte Theologie- und Philosophiestudent wollte ihm seine Entscheidung für ein «Ins-Freie-Rennen» persönlich mitteilen, «feierlich, unter der Milderung, ich wolle Kunstmaler werden». Die Reaktion des Professors hat er in den «Stoffen» festgehalten: «Er murmelte, uralt, in sich zusammengesunken, von seinen ausgestopften Foxterriers umstellt, während der lebende mich beschnupperte, beide misstrauisch über meinen Lagerwechsel, etwas von den Auswirkungen des Coitus interruptus.» (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 05.01.2011, 08:35 Uhr

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