Tatsachen kommen vom Teufel

Der Roman «Eine Liebe im Kaukasus» von Alissa Ganijewa führt an die unruhige Südflanke des russischen Reiches, in eine Gesellschaftswirrnis zwischen Fundamentalismus und Komik.

Gehört heute zu den profiliertesten kritischen Intellektuellen in Russland: Alissa Ganijewa. Foto: Ekko von Schwichow/Schwichow.de

Gehört heute zu den profiliertesten kritischen Intellektuellen in Russland: Alissa Ganijewa. Foto: Ekko von Schwichow/Schwichow.de

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Als Alissa Ganijewa zur Welt kam, 1985, begann Gorbatschow gerade mit Glasnost und Perestroika. Im Kindergarten wurde sie allerdings noch mit Lenin-Gedichten traktiert, und jetzt, 30 Jahre später, stellt sie bedauernd einen Retrotrend in Russland fest: Sowjet-Symbolik, Sowjet-Denke sind wieder chic. Zugleich gewinnt die Religion an Bedeutung: christlich-orthodoxer Obskurantismus in Moskau, fundamentalistischer Islam in den südlichen Republiken. Etwa in der russischen Republik Dagestan, wo Ganijewa aufgewachsen ist und wo ihr neuer Roman spielt.

Dagestan liegt östlich von Georgien und Tschetschenien, ein Vielvölkerstaat aus nur drei Millionen Einwohnern, auf engem Raum kreuzen sich uralte Traditionen und die zweifelhaften Errungenschaften der Globalisierung. Das Leben in der namenlosen Siedlung, in der «Eine Liebe im Kaukasus» spielt, ist ein einziger Anachronismus.

Den verdichtet die Autorin im zentralen Motiv der «richtigen» Hochzeit. Zwei junge Menschen bestreiten abwechselnd die Kapitel des Romans, der Rechtsanwalt Marat und die Anwaltsgehilfin Patja (sie als Icherzählerin). Beide sind aus Moskau in die Heimat zurückgekehrt – aber was für eine Heimat ist das? Die Siedlung ist ein Ort aus der Retorte, bevölkert von Zwangsumgesiedelten aus den Bergen. Beide sollen heiraten, für Marat haben seine Eltern vorsorglich schon den Festsaal gemietet, für den 13. August, 1000 Gäste finden darin Platz. Patja wiederum ist schon 25, also «überfällig» und «schwer zu vermitteln», was ihr von der Mutter und sämtlichen weiblichen Verwandten ständig und drastisch klargemacht wird.

Für Patja wie für Marat muss der richtige Partner her; keine Rede, dass sie ihn selbst suchen! «Du heiratest genau dann, wenn wir dich verheiraten», ordnet Patjas Mutter an, und «ein anständiges Mädchen sagt nicht Ja, bevor die Werber sich nicht die Hacken abgelaufen haben.» Die vorgeführten Kandidaten finden aber keine Gnade vor den Augen der selbstbewussten jungen Frau; sie wehrt sich nach Kräften, vor allem gegen den zudringlichen Timur, einen von sich überzeugten «banalen Schwätzer, der technokratische Floskeln wiederkäute und ausserdem einen unangenehm entwickelten Bizeps hatte».

Hilflos gegen das Geschwurbel

Timur ist so etwas wie der neosowjetische Mensch an der Peripherie des Imperiums, eine Führerfigur, die Jugendliche zu «patriotischen Aktionen» anstachelt, zugleich aber die religiöse – hier also islamische – Karte spielt. «Du weisst doch, dass Tatsachen vom Iblis kommen, also vom Teufel», hält er Patja entgegen, als die sein Geschwurbel auseinanderzunehmen versucht – eben mit Tatsachen. Gegen jemanden, der davon überzeugt ist, dass sich «Darwins Theorie als Dings, als haltlos erwiesen» hat, hilft allerdings kein Argument mehr.

Ohnehin ist die Siedlung kein Ort des herrschaftsfreien Diskurses. Vielmehr überlappen sich Machtstrukturen aller Art und zwingen die Bewohner, sich unentwegt zu arrangieren. Die Muslime selbst sind in zwei feindliche Gruppen zerfallen, hier die Besucher der «normalen», also moderaten Moschee am «Prospekt» (hinter dem hochtrabenden Nahem verbirgt sich bloss eine breite Lehmrinne, die die Siedlung durchzieht), dort die der wahhabitischen, hinter den Bahngleisen. Drohungen und Gewalt prägen den Alltag. Die Eltern «vermummter» Schülerinnen bedrängen den Schuldirektor, die Polizei verprügelt Fundamentalisten, und «Nagel-Russik», ein etwas verwirrter Schulfreund Marats, der mit einem Schild «Ich bin Agnostiker» durch die Strassen spaziert, wird einfach totgeschlagen.

Die anschliessende Untersuchung des Falles (oder vielmehr Nicht-Untersuchung) zeigt, dass der Rechtsstaat in Dagestan nur auf dem Papier besteht. Überhaupt lösen sich die Fakten sofort von den Ereignissen und verwandeln sich in Gerüchte und Legenden: Für Patjas Oma ist Nagel-Russik vom Blitz erschlagen worden. Was «Agnostiker» bedeutet, weiss ohnehin kaum jemand, aber dass es irgendwie «gegen Allah» geht und damit etwas Todeswürdiges darstellt, schon.

Ob sie sich trotzdem kriegen?

Das geheime – und abwesende – Zentrum der Macht- und Motivlinien in der Siedlung bildet Halilbek, eine geheimnisvolle Gestalt, ein Oligarch, der im Gefängnis sitzt (weil er, angeblich, einen Untersuchungsrichter hat ermorden lassen) und dem die Hoffnungen und Ängste aller Bewohner gelten. Zahllos sind die Anekdoten, die ihm übermenschliche Weisheit, übersinnliche Fähigkeiten oder sensationelle Heilkraft zuschreiben und selbst erwiesene Untaten rechtfertigen: Er hat einst Marats Halbbruder totgefahren – nur, weil er wusste, dass aus dem mal ein schlimmer Terrorist werden würde, wie eine Figur behauptet.

Für andere ist Halilbek der «Hidr», ein Stellvertreter des Propheten Mussa (das Nachwort der Übersetzerin Christiane Körner trägt viel zum Verständnis des religiösen Subtextes bei), und als bei einer Versammlung ein Hund die Schnauze zur Tür hineinsteckt, schreit eine Frau hysterisch auf: «Das ist Halilbek, er belauscht uns!»

Alissa Ganijewa gelingt es, ein Panorama einer verwirrten, überhitzten und latent gewalttätigen Gesellschaft zu entwerfen, in der die Jungfräulichkeit nach wie vor den zentralen Wert einer Heiratskandidatin bildet (und ihrer gesamten Sippe!), diese Kandidatinnen aber ganz modern ihr Profil ins Internet stellen, damit sich interessierte Männer vor dem ersten Rendezvous schon ein Bild machen können. Ganijewa selbst, heute eine der profiliertesten kritischen Intellektuellen Russlands, hatte übrigens ihre erste Erzählung aus dem Alltag Dagestans unter einem männlichen Pseudonym veröffentlicht, weil es undenkbar war, dass eine junge Frau sich, wie sie es tat, mit Strassenszenen beschäftigte.

Marat und Patja lernen sich jedenfalls ganz ohne Heiratsvermittler kennen, sie suchen gar gemeinsam ein Bahnhofscafé auf. Skandal! Die Siedlung zerreisst sich die Münder. Kriegen sie sich trotzdem? Das sei hier nicht verraten. Nicht nur, um das herauszukriegen, lohnt sich dieser stark von Dialogen lebende, von Situationskomik überquellende Liebes- und Gesellschaftsroman von der Südflanke des russischen Reiches unbedingt.

Alissa Ganijewa: Eine Liebe im Kaukasus. Roman. Aus dem Russischen von Christiane Körner. Suhrkamp, Berlin 2016. 240 S., ca. 32 Fr. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 21.08.2016, 17:59 Uhr

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